Historisches Geschäft

Ein Stück Trittau im Freilichtmuseum am Kiekeberg

| Lesedauer: 6 Minuten
Sabine Lepél und Filip Schwen
Martina Redemund steht in der Drogerie ihrer Eltern, die bis 2020 in Trittau geöffnet war und jetzt im Freilichtmuseum am Kiekeberg zu sehen ist.

Martina Redemund steht in der Drogerie ihrer Eltern, die bis 2020 in Trittau geöffnet war und jetzt im Freilichtmuseum am Kiekeberg zu sehen ist.

Foto: Sabine Lepél / HA

Die Adler Drogerie von Anna Redemund war eine Institution. Nun wurde das historische Geschäft 50 Kilometer entfernt wiederaufgebaut.

Trittau/Rosengarten.  Die Adler Drogerie war in Trittau eine Institution. Auch mit weit über 80 stand Anna Redemund täglich hinter dem Tresen ihres Geschäfts an der Poststraße 37, einer der letzten inhabergeführten Einzelhandels-Drogerien bundesweit. Mehr als 50 Jahre lang führte die Trittauerin das Geschäft, bis zu ihrem Tod im Jahr 2020.

Seit Kurzem hat die Adler Drogerie nun wieder geöffnet – allerdings rund 50 Kilometer entfernt vom ehemaligen Ladenlokal, im Freilichtmuseum am Kiekeberg südlich von Hamburg. Sie ist einer von sechs Läden im neuen Geschäftshaus „Königsberger Straße“, in dem Besucher die Einkaufswelt der 1950er- bis 1970er-Jahre erleben können.

Trittauer Adler Drogerie ist im Freilichtmuseum am Kiekeberg zu sehen

Martina Redemund muss schlucken, als sie die Drogerie betritt. „Hier bin ich quasi aufgewachsen“, sagt sie. Das Museum hat die Einrichtung der Drogerie von der Familie Redemund übernommen – zusammen mit der berührenden Familiengeschichte. 1966 hatte Anna Redemund die Adler Drogerie gemeinsam mit ihrem Mann Walter gekauft. Das Geschäft gab es da schon fast ein halbes Jahrhundert. 1907 hatte es erstmals die Ladentüren geöffnet.

Schon Redemunds Eltern führten eine Drogerie, und für die junge Anna stand früh fest, dass auch sie diesen Beruf ausüben will. Drei Jahre dauerte die Ausbildung, danach ging sie auf die Drogisten-Akademie in Braunschweig. Mit ihrem Mann hatte Anna Redemund zunächst in Süddeutschland eine Drogerie eröffnet, ein günstiges Angebot, das Haus inklusive Geschäft an der Poststraße zu übernehmen, lockte das Paar nach Trittau. Die Familie, im Laufe der Jahre kamen Tochter Martina und zwei Geschwisterkinder dazu, lebte in der Wohnung über dem 70 Quadratmeter großen Ladenlokal.

Ans Aufhören dachte Anna Redemund auch im hohen Alter nicht

In den besten Zeiten, zwischen wischen 1966 und 1975, hatten die Redemunds sieben ausgebildete Fachangestellte. „Das ist das, was eine gute Drogerie ausmacht und von modernen Märkten unterscheidet: eine kompetente Beratung. Ich kann zu jedem Produkt genau sagen, wofür es gut ist“, beschrieb Anna Redemund im Interview mit unserer Zeitung die Vorzüge inhabergeführter Geschäfte.

Auch nach dem Tod ihres Mannes 2010 – Walter Redemund wurde 100 Jahre alt – führte die Trittauerin die Drogerie weiter. „Mir macht meine Arbeit einfach Spaß“, antwortete die Geschäftsfrau, danach gefragt, warum sie sich den Stress einer Berufstätigkeit trotz Rentenalters antue. Wie lange sie noch hinterm Tresen stehen möchte? „Bis ich keine Lust mehr hab’. Dann mach’ ich zu“, so die rüstige kleine Frau mit den kurzen weißen Haaren beim Besuch des Abendblattes im August 2015.

Die Einrichtung aus den 1950er-Jahren blieb bis zum Schluss unverändert

Dazu kam es nie. „Meine Mutter ist mit 89 Jahren im Geschäft umgefallen“, sagt Tochter Martina, die bei ihren Eltern ebenfalls zur Drogistin ausgebildet wurde. Zusammen mit ihrem Bruder hatte sie zunächst versucht, die Drogerie weiter zu betreiben. „Doch diese Zeit war vorbei“, so Martina Redemund. „Heute machen sich die großen Ketten das Geschäft gegenseitig streitig.“

Die Einrichtung der Drogerie mit den massiven Eichenholzregalen und dem Tresen aus den 1950er-Jahren blieben über all die Jahre unverändert. Und auch die Registrierkasse aus dunklem Holz, Baujahr 1923, gehörte bis zum Schluss zur Ausstattung. Ein Glücksfall für Kiekebergs Museumsdirektor Stefan Zimmermann. An der „Königsberger Straße“ ist nun zu erleben, wie sich eine der letzten Einzelhandelsdrogerien bundesweit von den bekannten Drogeriemärkten unterschied: Es gab Arzneimittel für Tier und Mensch, Chemikalien und Heilkräuter, Kosmetik, Farben und – ja auch dies – Tapeten.

Im Geschäftshaus gibt es auch einen Foto-Laden und eine Zahnarztpraxis zu sehen

Neben der Adler Drogerie gibt es im neuen Geschäftshaus auch den historischen Foto-Laden „Foto Böhmer“ aus Winsen zu sehen. Bernd Kofler, der ehemalige Betreiber der Firma „Foto Kofler“ als Nachfolger von „Foto Böhmer“, schaut gerührt auf die Auslage der „Königsberger Straße“, denn er stand viele Jahre selbst dahinter, wenn er nicht gerade unterwegs war, um das soziale Leben in Winsen und Umgebung abzulichten. „Ich erkenne alles wieder“, sagt er.

Neben Drogerie und Foto-Geschäft beherbergt das neue Geschäftshaus, das nach Plänen von 1961 für eine noch existierende Geschäftszeile am Appenstedter Weg in Meckelfeld (Landkreis Harburg) rekonstruiert wurde, die Originaleinrichtung der Zahnarztpraxis Dr. Chrobok aus Stade aus den 1950er- Jahren. Zu sehen ist eine Behandlungseinheit, die damals sehr modern war, die aber dem heutigen Betrachter ein Stoßgebet zum Dank für die Fortschritte der Medizin gen Himmel schicken lässt: Die Behandlungssäule mit Stuhl, „Kopfklemme“ und Lachgasbehälter wirken wenig einladend.

Das Großprojekt „Königsberger Straße“ kostet rund 6,14 Millionen Euro

Ebenfalls zu sehen sind in dem neuen Geschäftshaus eine Schlachterei, ein Textilgeschäft und ein Elektrogeschäft mit Werkstatt. Jedes Geschäft stellt beispielhaft Innovationen für die Bewohner kleinerer Orte dar: Lange Wege zu Ärzten fielen weg, Gemeinschaftskühlhäuser und ein eigener Viehbestand wurden zunehmend unwichtiger. „Nach Zeiten der Not zeichnen sich im Wiederaufbau Mitte der 1950er-Jahre ein Strukturwandel und steigender Wohlstand der Bürger ab“, sagt Museumsdirektor Zimmermann. „Es gibt das Bedürfnis, die Mangeljahre nachzuholen.“ Auch auf dem Lande halten die moderne Warenwelt und der Konsum Einzug, weg von der traditionellen Selbstversorgung hin zur Nahversorgung.

In dem Großprojekt „Königsberger Straße“ errichtet das Freilichtmuseum bis zum kommenden Jahr eine Baugruppe mit Gebäudetypen, die typisch für das Leben in der Nachkriegszeit sind. „Mit der Fertigstellung des Geschäftshauses befinden wir uns auf der Zielgeraden“, sagt Zimmermann. Die „Königsberger Straße“ besteht aus fünf Gebäuden mit entsprechender Einrichtung: eine Tankstelle, ein Flüchtlingssiedlungshaus, ein Siedlungsdoppelhaus, ein Quelle-Fertighaus und die neue Ladenzeile mit sechs Geschäften. Das Gesamtprojekt ist auf 6,14 Millionen Euro angelegt.

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