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Autobahnmeisterei feiert „historische Wurzeln“ aus Nazi-Zeit

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Elvira Nickmann
Die Autobahnmeisterei Bad Oldesloe feiert den Bau der Autobahnstrecke 1 Hamburg–Lübeck. Laut NDR schufteten 2200 Arbeiter an dem "Nazi-Prestigeprojekt".

Die Autobahnmeisterei Bad Oldesloe feiert den Bau der Autobahnstrecke 1 Hamburg–Lübeck. Laut NDR schufteten 2200 Arbeiter an dem "Nazi-Prestigeprojekt".

Foto: picture alliance/dpa | Georg Wendt

Mitteilung zum 85-jährigen Bestehen lässt kritischen Umgang mit „NS-Prestigeobjekt“ vermissen. Autobahn GmbH weist Kritik zurück.

Bad Oldesloe. Die Autobahnmeisterei Bad Oldesloe hat ihr 85-jähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür gefeiert. Am Sonntag, 18. September, konnten Besucher einen Blick in die Fahrzeughallen werfen, die historischen Arbeitsmittel im Museum auf dem Betriebsgelände in Augenschein nehmen und sich von Mitarbeitern über deren Aufgaben informieren lassen. Technisches Hilfswerk, Feuerwehr und Polizei waren vor Ort, außerdem wurden Oldtimer ausgestellt.

In der Pressemitteilung der Autobahn GmbH heißt es dazu: „Von 1934 bis 1937 wurde zwischen dem ‚Horner Kreisel‘ und der heutigen Anschlussstelle Lübeck-Zentrum die Reichsautobahnstrecke 1 Hamburg–Lübeck gebaut, welche im Mai 1937 dem Verkehr übergeben wurde. Zur Unterhaltung der Strecke wurde im September 1937 das Gehöft der heutigen Autobahnmeisterei Bad Oldesloe seiner Bestimmung übergeben.“ Und Carsten Butenschön, Direktor der Autobahn GmbH Nord, wird mit den Worten zitiert: „Es erfüllt uns mit Stolz, eine so schöne Autobahnmeisterei mit historischen Wurzeln hier im Norden zu haben.“

„NS-Prestigeobjekt“: Bei Bau der A1 herrschten unmenschliche Bedingungen

Darin, dass die historischen Wurzeln in der Zeit des Nationalsozialismus liegen, kann Susann Sommerburg von der Pressestelle der Niederlassung Nord der Autobahn GmbH auf Nachfrage nichts Verwerfliches finden. Sie blendet die Zusammenhänge zwischen dem „NS-Prestigeobjekt“, wie der NDR die A1 in einem Bericht zu deren Historie betitelt hat, und dem dazugehörigen Gehöft der Autobahnmeisterei und deren Anfängen aus.

Laut NDR waren bis zu 2200 Arbeiter, „nur mit Hacke und Schaufel ausgestattet“, viele von ihnen als Zwangsarbeiter, beim Bau der A1 eingesetzt. Sie seien in eigens für diesen Zweck eingerichteten Lagern untergebracht gewesen. Viele hätten sich durch die extrem harte körperliche Arbeit Ermüdungsbrüche im Hals und im Brustwirbelbereich zugezogen. In einem der Lager hätten die unmenschlichen Arbeitsbedingungen schließlich einen Streik ausgelöst, bei dem 380 Männer die Arbeit niedergelegt hätten. Die Folge: Autobahnbauchef Fritz Todt habe das Lager räumen lassen und die Arbeiter im Sonderzug zur Gestapo nach Berlin geschickt. Neun seien in ein Konzentrationslager gekommen.

Bau der A1 in Nazi-Zeit: Autobahnmeisterei weist Kritik zurück

„Wenn wir jetzt alles klein-klein auseinanderdröseln, was bis 1945 und danach gebaut worden ist, und wenn man das deswegen in Zusammenhang bringt, wird das der Sache nicht gerecht“, meint Susann Sommerburg. Sie wolle darin keinen kritischen Unterton haben. „Wir sind stolz auf unser schönes Ambiente.“

Keine Frage: Die Autobahnmeistereien erfüllen wichtige Aufgaben, um einen möglichst störungsfreien Verlauf des Verkehrsflusses und die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten. Die Mitarbeitenden leisten ihren Dienst bei Schnee, Eis und Dunkelheit. Dafür gebührt ihnen Anerkennung, und ihr Einsatz kann und soll gefeiert werden. Wird aber Bezug auf die Entstehungsgeschichte genommen, wäre ein sensiblerer und offener Umgang und die Einordnung in den historischen Kontext wünschenswert.

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