Energiewende

Freigabe von Fotovoltaikanlagen dauert zu lange

| Lesedauer: 6 Minuten
Lutz Kastendieck
Immer mehr Hauseigentümer entscheiden sich für eine eigene Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Die Netzbetreiben kommen mit deren Freigabe aber nicht hinterher.

Immer mehr Hauseigentümer entscheiden sich für eine eigene Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Die Netzbetreiben kommen mit deren Freigabe aber nicht hinterher.

Foto: Erich Häfele / picture alliance / JOKER

Betreiber kritisieren erhebliche Wartezeiten. SH Netz räumt Verzug von „mehreren Wochen“ ein. 350 Anlagen in Planung oder im Bau.

Ahrensburg.  Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht deutsche Spitzenpolitiker die Notwendigkeit einer kraftvollen Energiewende betonen, um so dem fortschreitenden Klimawandel wirksam zu begegnen. Weil in den Kommunen der Einfluss auf verlängerte Laufzeiten von Atom- und Kohlekraftwerken sowie die Verstromung von Gas äußerst gering ist, werden Unternehmen und Privathaushalte allenthalben aufgefordert, sich doch möglichst Fotovoltaikanlagen auf die Dächer zu packen. Was Bürger bei der Umsetzung entsprechender Projekte aktuell allerdings erleben, dürfte eher abschreckende als motivierende Wirkung entfalten.

Haushalt soll weitgehend stromautark werden

Klaus P. wohnt in einer Gemeinde in Südstormarn. Seinen Namen und seinen genauen Wohnort will er lieber nicht in der Zeitung lesen. „Wir warten jetzt schon Monate darauf, dass unsere PV-Anlage endlich ans Netz gehen kann“, sagt der 54-Jährige. Wenn er sich jetzt allerdings öffentlich beschwere, könne sich die Zeit bis zur Freigabe der Anlage womöglich noch weiter verzögern.

Ende vergangenen Jahres reifte der Entschluss, das selbst genutzte Einfamilienhaus mit einer Fotovoltaikanlage auszustatten. „Weil die eine Dachhälfte gen Süden liegt, sahen wir ideale Voraussetzungen unseren Haushalt durch die Anlage weitgehend autark mit Strom versorgen zu können“, erklärt Klaus P.

Familie investierte 35.000 Euro in ihre PV-Anlage

Das hat sich seine Familie einiges kosten lassen, konkret rund 35.000 Euro. Geld, das sie im Laufe der Jahre angespart hat. Ursprünglich für ein neues Auto oder eine Weltreise. Doch mit der aufkommenden Klimadebatte und den absehbar rasant steigenden Energiekosten, fiel dann die Entscheidung für eine gänzlich andere, weil deutlich nachhaltigere Investition.

+++ Und hier lesen Sie einen Kommentar zum Thema +++

Nach einem eingehenden Vergleich von Angeboten verschiedener Anbieter, wurde sich die Familie Anfang März mit einem landesweit operierenden Unternehmen einig. Mitte Mai wurden dann 26 Hochleistungsmodule auf dem Dach verbaut. Zur Verkabelung und den Anschluss an den Speicher kam es allerdings erst zwei Monate später, also Mitte Juli. „Auf die finale Freigabe der gesamten Anlage durch den Netzbetreiber SH Netz warten wir aber heute noch“, so Klaus P. restlos frustriert. Recherchen unserer Redaktion zufolge ist das kein Einzelfall.

Ab 10 Kilowatt-Peak wird es steuerlich schwierig

Nach Angaben des zuständigen Netzbetreibers Schleswig-Holstein Netz (SH Netz) sind im Kreis Stormarn derzeit etwa 350 PV-Anlagen in Planung oder im Bau. Darunter seien 13 Anlagen mit einer Leistung von mehr als einem Megawatt, einige bewegten sich sogar im Bereich von 50 bis 70 Megawatt.

Damit dürfte das Gros der Anlagen deutlich kleiner dimensioniert sein. Viele private Investoren wie Familie P. planen Anlagen mit einer Leistung von bis zu zehn Kilowatt-Peak (kWp). So bleiben sie unter jener kritischen Grenze, ab der die steuerliche Veranlagung bislang kompliziert und unübersichtlich wird.

In Stormarn gibt es inzwischen rund 1900 Anlagen

SH Netz bestätigte, dass es bei der Freigabe von PV-Anlagen einen erheblichen Stau gibt. „Die Wartezeit kann in vielen Fällen bei mehreren Wochen liegen, eine Priorisierung von gewerblichen Anlagen gibt es aber nicht“, teilte SH-Netz-Sprecher Ove Struck auf Anfrage unserer Redaktion mit. Viel mehr seien wesentliche Faktoren entscheidend wie etwa die Komplexität und Größe der Anlage, die Notwendigkeit einer Netzverträglichkeitsberechnung und gegebenenfalls einer Netzverstärkung.

Aktuell sind im Kreis Stormarn rund 1900 Anlagen unterschiedlicher Größe mit einer Gesamtleistung von 32 Megawatt-Peak angeschlossen. Dabei hat sich die Anzahl der ans Netz gegangenen Anlagen in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Waren es 2018 noch 60 mit einer Leistung von rund einem Megawatt-Peak, so kamen 2019 bereits 130 (3,6 MWp) neu hinzu. 2020 und 2021 waren es dann je 280 mit einer Leistung von 3,3 und 4,3 Megawatt-Peak und bis Ende August dieses Jahres wurden bereits mehr als 240 mit mehr als drei MWp angeschlossen.

SH Netz will eine Milliarde Euro investieren

„Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass es in den nächsten Jahren in Schleswig-Holstein voraussichtlich eine Verdoppelung der heutigen Anlagenleistung von rund 9300 auf über 19.000 Megawatt geben wird, wodurch ein erheblicher Netzausbaubedarf entsteht“, sagt Struck. Um das zu stemmen, würden die HanseWerk-Gruppe und SH Netz bis Ende 2025 mehr als eine Milliarde Euro investieren.

Gleichwohl stellt die zeitnahe Freigabe funktionsbereiter Anlagen SH Netz aktuell vor erhebliche Probleme. Das führt Struck unter anderem darauf zurück, dass die Bearbeitung der EEG-Anschlüsse komplexer und langwieriger geworden sei. Zum einen, wegen der Kopplung an individuelle Speicherlösungen, zum anderen durch die Anmeldung der Anlagen im Marktstammdatenregister der Regulierungsbehörde und einen deutlichen Anstieg von beantragten Ladestationen für Elektroautos (Wallboxes).

Hohe Steuer-Hürden sollen abgebaut werden

Zwar hat SH Netz landesweit 40 neue Mitarbeiter bewilligt, die sich ausschließlich um die Anschlussprozesse kümmern sollen. Weil die Aufgaben teilweise aber sehr komplex sind und daher einen hohen Ausbildungsstand erfordern, konnten angesichts des Fachkräftemangels auch in dieser Branche längst noch nicht alle Stellen besetzt werden. „Trotz Einsatzes von Zeitarbeitskräften haben sich dir Bearbeitungszeiten in einigen Regionen sogar verlängert“, räumt SH-Netz-Sprecher Ove Struck ein. Das Unternehmen sei sich der Situation bewusst und arbeite mit Hochdruck daran, sie schnell zu verbessern.

Unterdessen hat die Bundesregierung Mitte der Woche angekündigt, steuerliche Hürden für private Betreiber kleiner PV-Anlagen abzubauen. So sollen die Erträge von Anlagen bis 30 Kilowatt-Peak künftig steuerfrei bleiben. Zudem muss beim Kauf und der Installation solcher Anlagen fortan keine Umsatzsteuer gezahlt werden.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Stormarn