Kunst

Auf der Suche nach dem geheimen Code

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Mia Mertens
Mit ihrer Kunst möchte Lavanya Honeyseeda an die Schönheit der Natur erinnern.

Mit ihrer Kunst möchte Lavanya Honeyseeda an die Schönheit der Natur erinnern.

Foto: Cécile Ash

Die Ammersbeker Künstlerin Lavanya Honeyseeda konserviert Schätze der Natur. An ihrem neuen Werk arbeitete sie acht Jahre.

Ammersbek.  In den Regalen stehen Gläser voller Muscheln, glänzender Käfer, spitzer Disteln. Dazu reihen sich Bücher über Bienen, Schmetterlinge und Schneeflocken. In ihrem Ammersbeker Atelier geht Lavanya Honeyseeda dem Rätsel der Natur künstlerisch auf den Grund.

Angefangen habe sie schon früh, erzählt die Künstlerin. Als Kind schenkte sie ihren Eltern zu Weihnachten immer einen „riesigen Sack an Geschenken mit selbst gemalten Bildern“. Sie habe das große Glück gehabt, in Kiel auf eine Waldorfschule gehen zu dürfen. Ihre künstlerischen Fähigkeiten konnte sie dort früh entfalten – „das war wie ein Aufblühen“, sagt die 38-Jährige.

Und doch habe sie auch immer das Gefühl begleitet, nicht dazuzugehören. Sie erinnert sich noch genau, wie Mitschüler ihr in der ersten Klasse vorwarfen, sie hätte sich dunkel angemalt. Erst da habe sie realisiert, dass sie eine andere Hautfarbe hat.

„Natürlich macht das etwas mit einem, die leiblichen Eltern nicht zu kennen“

Geboren ist Honeyseeda in Indien. Im Alter von zwei Jahren vermittelte ein Waisenhaus sie zur Adoption nach Deutschland. „Natürlich macht das etwas mit einem, die leiblichen Eltern nicht zu kennen“, sagt die Künstlerin. Nach dem Abitur brach die damals 18-Jährige zum ersten Mal nach Indien auf. Diese Erfahrung habe sie sehr geprägt, sowohl persönlich als auch in ihrer Kunst.

Am Ende der Reise beschäftigte Honeyseeda sich mit ihrem Anfang: Sie besuchte das Waisenhaus, in dem sie ihre ersten Lebensjahre verbrachte. Eine Frau habe sich noch an sie erinnern können, aber einen Kontakt zur leiblichen Mutter gab es nicht. Von der hat Honeyseeda nur ein Stück Papier: Eine Verzichtserklärung, die mit einem Fingerabdruck besiegelt ist.

Für ihre erste Einzelausstellung nutzte sie ihre Adoptionsdokumente

Zurück in Deutschland, entschloss die Abiturientin sich kurzerhand, Kunst zu studieren. Natürlich hätten die Eltern ihr geraten, „etwas Vernünftiges“ zu machen, aber letztendlich unterstützten sie ihre Tochter. Im Jahr 2008 erhielt Honeyseeda ihr Diplom in Malerei von der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn (Nordrhein-Westfalen). Seitdem arbeitet sie ausschließlich als freiberufliche Künstlerin.

Für ihre erste Einzelausstellung nutzte sie ihre Adoptionsdokumente: Die zerrissenen und zerschnittenen Einzelteile verarbeitete sie zu Collagen, die sie mit Bienenwachs übergoss. Dem „flüssigen Gold“ ist sie bis heute treu.

An ihrem neuen Werk arbeitete die Künstlerin acht Jahre

Gerade hat die Künstlerin ein Werk fertiggestellt, an dem sie acht Jahre gearbeitet hat. Das 1,30 mal 1,30 Meter große Ergebnis besteht aus 1521 getrockneten Mohnkapseln, die in Bienenwachs eingegossen und auf einer Holzplatte befestigt sind. Diese Form der dreidimensionalen Kunst nennt man eine Assemblage. Bis vergangenen Sonntag wurde das Werk in der Galerie der Wassermühle Trittau ausgestellt.

Für Honeyseeda sind die kleinen Kapseln von unschätzbarem Wert – „wie ein Schatz“. Darauf möchte sie mit ihrer Kunst aufmerksam machen: „Wie wunderschön dieser Planet ist. Und wie kostbar jedes kleinste Stück Natur.“ Sie tut das nicht mit erhobenem Zeigefinger, denn das stoße die Menschen ab, so die Künstlerin. Lieber spricht sie den Sinn für das Schöne an und versucht so, Bewusstsein für die Umwelt zu schaffen.

Eine wissenschaftliche Neugierde treibt sie an

Das Gießen in Bienenwachs ist dabei auch eine Form des Konservierens – „weil vieles vielleicht irgendwann nicht mehr da ist“, meint Honeyseeda. Inspiration findet die 38-Jährige etwa in Zeichnungen des Zoologen Ernst Haeckel. Dabei fällt ihr auf, wie sich verschiedene Strukturen immer wiederholen: In biologischen Abbildungen einer Schnecke entdeckt sie den menschlichen Fingerabdruck, in mikroskopierten Bildern von Schneeflocken die Formen von Tannenzapfen, in den Augen einer Fliege das Muster von Bienenwaben. Es ist eine wissenschaftliche Neugierde, die sie antreibt, all ihre Arbeiten drehen sich um die große Frage: Was ist der geheime Code der Natur?

Gute Kunst erkläre sich nicht auf den ersten Blick, sagt Honeyseeda. „Es geht darum, eine Resonanz zu kreieren. Der Betrachter soll selbst initiativ werden, sich Gedanken machen.“ Die sinnliche Ebene anzusprechen sei besonders wichtig, so die Künstlerin. Man müsse ein Kunstwerk nicht verstehen, sondern erspüren. Inzwischen lebt Honeyseeda gemeinsam mit Sohn und Verlobtem in Hamburg-Berg­stedt. Auf ihrem Lebensweg sammelt sie die „kleinen Schätze“ der Natur und fügt sie nach und nach zu einem großen Bild zusammen. „Wenn keiner meine Kunst sehen würde, würde ich es trotzdem genauso machen“, resümiert sie.

Kontakt: mail@lavanya.de oder facebook.com/lavanya.honeyseeda

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