Was macht eigentlich …

„Trauer ist das Glück, sehr geliebt zu haben“

| Lesedauer: 8 Minuten
Elvira Nickmann
Jan Roßmanek im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. In seiner Hand und neben ihm handgefertigte Trauerflöße. Sie sollen Angehörigen von Verstorbenen helfen, loszulassen.

Jan Roßmanek im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. In seiner Hand und neben ihm handgefertigte Trauerflöße. Sie sollen Angehörigen von Verstorbenen helfen, loszulassen.

Foto: Elvira Nickmann

Warum der frühere Bargteheider Gemeindepastor Jan Roßmanek jetzt oft auf dem Ohlsdorfer Friedhof anzutreffen ist.

Hamburg.  Ein halbes Jahr ist vergangen, seit Jan Roßmanek Bargteheide verlassen hat. Anfang des Jahres war der beliebte Pastor von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Bargteheide zur neuen Ritualagentur st. moment der evangelischen Kirche in Hamburg gewechselt. Dort ist er zuständig für den Themenkomplex Abschied, Sterben und Tod. Diesen Bereich hat er sich ausgesucht. Seine Kollegen, die Taufen und Hochzeiten begleiten, haben mit glücklichen Menschen zutun, er dagegen mit Trauernden, Verzweifelten.

Ich will von ihm wissen, wie er seinen neuen Aufgabenbereich gestaltet, wie es sich anfühlt, ständig mit dem Sterben und Tod konfrontiert zu sein. Was treibt ihn an, woher nimmt er die Kraft? Für 13 Uhr sind wir auf dem Ohlsdorfer Friedhof verabredet. Doch erst einmal heißt es warten auf dem größten Parkfriedhof der Welt, Hauptwirkungsstätte des Pastors, der für rund 50 Friedhöfe zuständig ist. Roßmanek verspätet sich, er ist aufgehalten worden.

Es ist wichtig, Trauernden die nötige Zeit geben

Später wird er erläutern, dass ein Trauergespräch länger gedauert hat als erwartet. Dass er es wichtiger findet, einem Trauernden die nötige Zeit zu geben, als auf die Minute pünktlich zu unserem Gespräch zu erscheinen, beeindruckt mich. Es zeigt seine Zugewandtheit, eine Grundvoraussetzung, um gut in diesem Job zu sein.

Während ich warte, wundere ich mich ein bisschen, wie viel Trubel auf diesem Friedhof herrscht. Fahrradgruppen kommen vorbei, Friedhofsgärtner sind unterwegs, ein Geistlicher im Talar nimmt Platz in einer Art Golfkart und düst los, vermutlich zur nächsten Kapelle irgendwo auf dem Gelände. Ein sehr lebendiger Friedhof und damit ganz nach dem Geschmack von Roßmanek, der kurz darauf in Slippern, Jeans und grauem T-Shirt vor mir steht. Es ist ein heißer Sommertag, wir suchen uns ein schattiges Plätzchen im Garten der Frauen, „weil es dort so schön ist“.

Den Bogen vom Barkeeper zur Beerdigung gespannt

Dass er anders, unkonventioneller als viele andere seines Metiers an die Dinge herangeht, zeigt sich gleich zu Anfang unseres Gesprächs. Statt von Formalitäten und Abläufen erzählt er als Erstes von dem 2017 erschienenen Film „Schumanns Bargespräche“. Charles Schumann, Barbetreiber mit Promi-Faktor aus München, besucht darin weltweit berühmte Bars. Jetzt bin ich mal gespannt, wie der Pastor den Bogen zu Beerdigungen schlagen will. „Ganz einfach“, sagt Roßmanek, „welcher Drink für das jeweilige Gegenüber genau der richtige ist, hat viel mit Intuition zu tun.“ Das Handwerk lasse sich lernen, also wie man beispielsweise einen Gin Tonic mixe. Doch ein guter Barmixer brauche mehr als das bloße Handwerkszeug, müsse abschätzen, was zum Gast und dessen Stimmung passe, ob eine eher leichte oder stärkere Mixtur.

So sei das auch bei der Arbeit mit Trauernden. „Manche Menschen brauchen einen Tröster oder Seelsorger, andere einen Dompteur, wieder andere eher einen Gastgeber.“ Jan Roßmanek zitiert Schumann: „Der wichtigste Gast ist der verlorene Gast.“ Der die Bar verlässt und nicht wiederkommt. Der nicht das findet, wonach er gesucht hat. Wie die Kirchenmitglieder, die in Scharen austreten.

Plädoyer für unkomplizierte und zugewandte Liturgien

Den Menschen müssten die Schätze der Taufe, Trauung und Beerdigung wieder nähergebracht werden, unkompliziert und zugewandt mit angepassten Liturgien. „Die Rituale sind fluide, können individuell und dabei so feierlich sein.“ Dass die Bestattungskultur im Wandel sei, zeige die erste Urnenbestattung an einem Baum vor 21 Jahren. Roßmanek schätzt, dass es noch einmal so lang dauert, bis Angehörige die Asche mit nach Hause nehmen.

Die Agentur sei „dafür da, die Feiern auch auf die Wünsche der Menschen zuzuschneiden“. Paradebeispiel für eine gelungene Trauerrede sei die des Foo-Fighter-Sängers Dave Grohl für Lemmy Kilmister, Frontmann der Band Motörhead (zu finden auf YouTube). „Dave Grohl erzählt unfassbare Dinge, da muss man erst ein bisschen schmunzeln. Eine humorige, warmherzige, authentische Rede – und dann das voll Hardcore theologische Ende.“ Gemeint ist die Szene, als Grohl den Text des Gospel „Precious Lord Take My Hand“ zitiert. Unerwartet, aber mit großer Strahlkraft. Das gefällt Roßmanek.

Tiefer Glaube, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist

Davon erzählt er in Konventen und Kirchengemeinden, denen er Tipps gibt, wie sie mehr Nähe zu den Gläubigen aufbauen, leichtere Erreichbarkeit, mehr Service bieten können. „Wir werden auch Textbausteine für die Homepages der Gemeinden entwickeln und überlegen, wie geeignete Fortbildungen aussehen können.“ Auf die Frage, was für eine Persönlichkeit eine Aufgabe wie die seine erfordere, antwortet er: „Ich bin so ganz normal, sehr geerdet und gelassen.“

Seine große Stärke, aus der er Kraft schöpfe, sei der tiefe Glaube, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende sei. „Gottes Horizont ist viel weiter, und irgendwann wird alles gut, und alle Tränen werden getrocknet sein.“ Er lebe nach dem Motto: „Prüft aber alles, das Gute haltet fest (1. Thessalonicher 5,21). So habe er viel mit glücklichen Momenten zu tun, weil er davon bei Trauerfeiern erzähle.

Agentur hat ihren Sitz in der Apostelkirche Eimsbütel

„Es ist magisch, wenn Hinterbliebene sich öffnen, etwas erzählen und man das teilen kann.“ Er wisse, was es bedeute, wenn jemand sterbe. „Ich bin nahbar, gehe den Weg mit den Menschen. Das hat etwas mit Liebe zu tun.“ Den ganzen Weg inklusive Sterbebegleitung, Aussegnung und Trauerarbeit. Zu Letzterer zählt das Projekt „Kummerkutter & Trostflöße“. Dazu trifft sich regelmäßig eine Trauergruppe an der Apostelkirche Eimsbüttel, in deren Turm die Agentur ihren Sitz hat.

Gemeinsam werkeln die Teilnehmer an ihren Exponaten aus Treibholz, versehen sie mit Masten oder Botschaften. Die Flöße sollen später auf die Elbe oder Alster hinausschwimmen. Das Ziel: loslassen. Das gelingt nicht immer. Roßmanek berichtet, dass manche Teilnehmer ihr Floß lieber mitnehmen. „Letztlich ist Trauer das Glück, sehr geliebt zu haben“, sagt er.

Hälfte aller evangelischen Christen wird kirchlich bestattet

Dass sich nur 50 Prozent aller evangelischen Christen in Hamburg kirchlich bestatten lassen, bedauert Roßmanek. „Bestatter haben im Sterbefall Erstzugriff.“ Sie verdienten an der Beauftragung freier Trauerredner, die mit ihnen verbandelt seien. „Pastoren müssen zeitnah und flexibel reagieren, und den Leuten muss klarwerden, dass wir noch kommen können. Es hat doch eine Relevanz, ob es einen Segensmoment gibt“, sagt er. Die Begleitung durch Pastoren ist kostenfrei.

Um eine hohe Verlässlichkeit zu gewährleisten, hat Roßmanek einen digitalen Bestattungskalender initiiert. Er zeigt an, welcher Pastor gerade einsatzbereit ist. Die Agentur funktioniert zudem als Clearingstelle, wenn es Probleme mit der Heimatgemeinde gibt. „Und wir sind Ansprechpartner für alle, die nicht wissen, zu welcher Gemeinde sie gehören.“

Cord Denker war Wegbegleiter und anerkannter Profi

Und wie stellt er sich seine eigene Beerdigung vor? „Ich hätte mir dafür Cord Denker gewünscht, das war ein Wegbegleiter und Profi.“ Er finde Rituale wichtig, „wie zum Beispiel die traditionelle Waschung in der Familie“. Viele, die mit dem Tod zu tun hätten, seien „so klar, so hell, ständen mitten im Leben“. Der Pastor selbst ist das beste Beispiel dafür. Trotzdem bestehe die Gefahr, dass sich die Empathie über Jahre hinweg abschleife. Jan Roßmanek sagt: „Wenn das bei mir so wäre, würde ich sofort etwas anderes machen.“

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