Kurbelwellenwerk

NS-Zwangsarbeit: Glinde plant Mahnmal auf Schulgelände

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Die Werkshalle 22 des Glinder Kurbelwellenwerks nach abgeschlossener Demontage und Räumung durch die britische Besatzungsmacht.

Die Werkshalle 22 des Glinder Kurbelwellenwerks nach abgeschlossener Demontage und Räumung durch die britische Besatzungsmacht.

Foto: Marfels

Tausende Kriegsgefangene schufteten im Glinder Kurbelwellenwerk. Politik bestimmt kommenden Montag Standort für Gedenkstätte.

Glinde. Es soll eine Figur in Lebensgröße werden, die unter der Last einer Kurbelwelle zusammenbricht. Mit diesem Mahnmal will Glinde an NS-Zwangsarbeiter erinnern und auf ihr Schicksal im spezialisierten Metallbetrieb aufmerksam machen. Dass die Stadt dafür 25.000 Euro investiert, ist gesichert. Nicht geklärt ist bislang, an welchem Standort die Gedenkstätte errichtet wird. Jetzt kristallisiert sich heraus, dass sich die Politiker für das Schulgelände Wiesenfeld am Holstenkamp entscheiden. Dort steht eine Grünfläche entlang der Straße zur Verfügung.

Initiator ist die Glinder Geschichtswerkstatt. Sie ist in Kontakt mit Familien ehemaliger Zwangsarbeiter. Jungen und Mädchen der Gemeinschaftsschule Wiesenfeld hatten bei einem Wettbewerb Mahnmal-Varianten entworfen. Die Figur kostet bis zu 18.000 Euro, hinzu kommt Geld für das Einsetzen. Die Verwaltung stellt in einer Vorlage zwei Areale zur Auswahl. Zum einen den Schulstandort Wiesenfeld. „Vonseiten der Schule besteht ein konkretes Interesse, so ein Mahnmal auch in schulische Projekte einzubinden“, heißt es in dem Dokument. Als weiteren Grund für diesen Platz nennt das Rathaus das umfangreiche Angebot von Stellplätzen außerhalb der Schulzeit.

Sozialdemokraten hatten das Stadtzentrum vorgeschlagen

Allerdings gibt es auch Nachteile, zum Beispiel soll die Öffentlichkeit das Gelände während der Schulzeiten nicht betreten. Gedenkveranstaltungen oder Ruhe für ein stilles Gedenken sowie Kranzablagen sind laut Verwaltung nur sehr eingeschränkt möglich. Deshalb favorisiert sie die zweite Variante im Bereich des Wanderwegs am Buchenweg. Dort habe die Öffentlichkeit jederzeit ungehinderten Zugang. Weiterhin gebe es genügend Fläche für größere Ansammlungen von Besuchern. Im Kulturausschuss am kommenden Montag werden sich die Politiker festlegen. Über den Standort wurde schon einmal diskutiert, aber keine Entscheidung getroffen.

„Die Jugendlichen haben tolle Entwürfe gemacht. Wir möchten das Mahnmal bei der Bildungseinrichtung“, sagt Barbara Bednarz (FDP). Genauso sehen das auch die Grünen. „Uns ist wichtig, dass es auf das Schulgelände kommt. Die Bevölkerung soll aber freien Zugang haben an Wochenenden und abends“, so die Fraktionsvorsitzende Petra Grüner. Der Ausschussvorsitzende Matthias Sacher (CDU) schließt sich an. „Der Vorschlag kam ja von der Geschichtswerkstatt. Ich halte Erinnerungskultur für sehr wichtig.“

Die SPD hadert noch. „Ein Mahnmal muss die größtmögliche Aufmerksamkeit erzielen. Wenn das Gelände nur eingeschränkt zugänglich ist, bin ich skeptisch“, sagt Fraktionschef Frank Lauterbach. Seine Partei hatte die Stadtmitte vorgeschlagen. Sollte es die Schule werden, bringt er zum Beispiel am Rathaus oder auf dem Marktplatz zumindest eine Geschichtstafel mit Hinweis auf die Gedenkstätte ins Spiel.

Glinde verdankt sein rasantes Bevölkerungswachstum in den 30er- und 40er-Jahren der Ansiedlung von kriegswichtiger Industrie. 1936 gründeten die Nationalsozialisten das Heereszeugamt für die X. Armee und das Kurbelwellenwerk, das als spezialisierter Metallbetrieb vor allem Kurbelwellen für die deutsche Luftwaffe fertigen sollte. Das zum Krupp-Konzern gehörige Unternehmen beschäftigte zeitweilig mehr als 6000 Menschen. Rund die Hälfte davon waren Zwangsarbeiter aus ganz Europa und Kriegsgefangene vor allem aus Osteuropa, für die ein Lager auf dem Wiesenfeld gebaut wurde. Einige von ihnen kamen zu Tode. 1945 räumten die Nationalsozialisten das Werk und vernichteten wichtige Dokumente. Die britischen Besatzer demontierten nach Kriegsende eiligst die Anlagen. Die letzten Baracken des Lagers wurden in den 60er-Jahren abgerissen.

Kulturausschuss Glinde, Montag, 9. Mai, 19 Uhr, Festsaal im Marcellin-Verbe-Haus (Markt 2)

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