Nahversorgung

Nach 93 Jahren schließt Grönwohlds Kaufhaus Evers

| Lesedauer: 6 Minuten
Lutz Kastendieck
Am kommenden Sonnabend schließt Bernd Evers den Familienbetrieb in Grönwohld, den er in dritter Generation geleitet hat.

Am kommenden Sonnabend schließt Bernd Evers den Familienbetrieb in Grönwohld, den er in dritter Generation geleitet hat.

Foto: Lutz Kastendieck

Die Edeka-Filiale soll einem neuen Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage, 26 Wohnungen und einer Gewerbefläche weichen.

Grönwohld.  Am kommenden Sonnabend geht in der kleinen 1500-Seelen-Gemeinde Grönwohld eine Ära zu Ende. Nach 93 Jahren wird die Familie Evers ihr Geschäft in der Poststraße 10 für immer schließen. „Ein wenig Wehmut schwingt schon mit“, gesteht Bernd Evers, der den Laden in dritter Generation geführt hat. Nachdem er jeden Morgen um sechs Uhr der Erste war und abends nach dem Kassensturz der Letzte, freue er sich dennoch auf den Ruhestand. „Es war ganz sicher eine wunderschöne Zeit. Aber irgendwann muss auch mal Schluss sein“, so der 60-Jährige mit einem Lächeln.

Verlust auch für das kulturelle Leben im Dorf

Edeka-Evers war für vielen Kunden weit mehr als nur ein x-beliebiger Einkaufsmarkt. Er war zentraler Treffpunkt der Gemeinde im Amt Trittau. Ein steter Quell für aktuelle Informationen aus dem Dorf. Ein Ort zum Klönen und Schnacken und Umschlagplatz für den neuesten Klatsch und Tratsch. Hier suchten Frauen ihre vermissten Männer. Und Männer ihre Frauen, die nur mal eben kurz etwas besorgen wollten.

„Keine Frage, die Evers-Schließung ist ein tiefer Einschnitt für das Dorf, weil vor allem die Nahversorgung mit Grundnahrungsmitteln nun schwieriger geworden ist“, sagt Bürgermeister Ralf Breisacher. Darüber hinaus sei das Aus für die Edeka-Filiale aber auch ein großer Verlust für das kulturelle Leben in der Kommune. „Wie selbstlos Evers die Gemeinde beim Vogelschießen, Dorf- und Feuerwehrfesten und dem traditionellen Laternelaufen unterstützt hat, ist kaum zu kompensieren, so Breisacher.

Besonderer Service mit einer Bettenabteilung

Viele Kunden wie Ex-Bürgermeister Heinz Niemeyer sprachen gern vom Kaufhaus Evers. Weil es dort eben nicht nur Brot, Butter, Milch, Eier, Obst und Gemüse gab, sondern jahrzehntelang auch ein vielfältiges Non-Food-Areal, das Reich von Bernd Evers‘ älterer Schwester Margret (65), die bereits im August vergangenen Jahres in Rente gegangen war.

Hier gab es Deko- und Geschenkartikel, eine große Auswahl an Konfektions- und Berufsbekleidung, ein Lotto-Terminal und eine Poststelle für die Briefe und Pakete der Kunden. Besonderer Anziehungspunkt war zudem eine Bettenabteilung, in der Kissen und Decken maßgerecht geordert werden konnten und in die Jahre gekommene Inlays gereinigt wurden, samt aller Daunen und Federn.

Erstes Geschäft bereits 1928 gegründet

„Andere Geschäfte sind nach und nach verschwunden, aber Evers war immer da. Hier ist schon meine Mutter einkaufen gegangen, als ich noch ein Kind war“, so Niemeyer. Deshalb habe er die Entwicklung des Geschäfts immer mit großem Interesse verfolgt und sich über jede Erweiterung gefreut.

Bernd und Margret Evers liegt die Liebe zum Handel praktisch im Blut. Ihre Großeltern Robert und Meta hatten bereits 1928 ihren ersten Laden in der Poststraße 11 auf der anderen Straßenseite eröffnet, in dem anfangs nur mit Textilien gehandelt wurde. 1960 bauten Vater Arnold und Mutter Hella dann schräg gegenüber ein neues kombiniertes Wohn- und Geschäftshaus mit einer Ladenfläche von 120 Quadratmetern.

Im Wohnzimmer über dem Laden geboren

„Schon als Kinder sind wir oft durch die Gänge gelaufen und haben die Kunden bei deren Einkäufen unterstützt“, erinnert sich Bernd Evers, der 1961 im Wohnzimmer über dem Laden geboren wurde. Als er im achten Schuljahr ein Praktikum bei Karstadt in Hamburg absolvierte, hätte man ihn am liebsten gleich dabehalten. Das Angebot für eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann war jedenfalls nur noch Formsache.

Viele Jahre hat Bernd Evers das Geschäft in Grönwohld dann gemeinsam mit Vater Arnold geführt. Dem sei es spürbar schwer gefallen loszulassen. „Dreimal hat er die Übergabe verschoben. Als die Euro-Umstellung kam, hat er sich aber doch zurückgezogen“, erzählt Bernd Evers, der 2002 die alleinige Geschäftsführung übernahm.

Das Kaufhaus wurde siebenmal erweitert

Im Laufe der Jahrzehnte ist es auf dem 4000 Quadratmeter großen Familiengrundstück zu sieben Erweiterungsbauten gekommen. Zuletzt hat der Laden eine Fläche von 600 Quadratmetern umfasst. So versorgte Evers nicht nur die Bewohner von Büttenwarder, wie die Einheimischen ihr Zuhause in Anlehnung an die NDR-Kultserie „Neues aus Büttenwarder“ gern selbst nennen. In den Laden kehrten auch Generationen von Handwerkern ein, die sich hier ihre Brötchen schmieren ließen. Mit Wurst und Käse von der neun Meter langen Frischetheke, an der täglich zudem bis zu 25 frische Salate zur Auswahl standen.

Zu den unzähligen Käsearten im Sortiment zählte unter anderem der „Wilde Bernd“, ein würziger Bio-Käse in bester Premium-Qualität aus dem Münsterland. Seit er bei Evers erhältlich ist, sorgte er immer wieder für Frotzeleien von Kundinnen. „Gibt’s denn heute ein Stück vom wilden Chef, hieß es des Öfteren, begleitet von lautstarkem Gekicher“, berichtet Evers.

Abriss der Bestandsbauten im Herbst geplant

Da er und seine Schwester Margret kinderlos geblieben sind, endet nun die Geschichte des Kaufhauses Evers. Eine Übergabe an einen Nachfolger außerhalb der Familie hätte Edeka nicht akzeptiert. Der kleine, übersichtliche Standort passt einfach nicht mehr in die schöne, neue Shoppingwelt der einschlägig bekannten Supermarktketten und Discounter. Der im August 2019 eröffnete Edeka Süllau auf dem Gelände der alten Meierei in Trittau hat 2800 Quadratmeter reine Verkaufsfläche, die einen Monat später eröffnete neue Famila-Filiale im Gewerbegebiet Großenseer Straße umfasst sogar knapp 4000 Quadratmeter.

Bernd Evers hat seine Immobilie inzwischen an einen Projektentwickler aus Siek verkauft. Der plant auf dem Grundstück ein neues kombiniertes Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage, 26 Wohnungen und einer Gewerbefläche von rund 300 Quadratmetern, wie Bürgermeister Ralf Breisacher dem Abendblatt bestätigte. Wenn der Bauantrag durch ist, könnte schon im Herbst der Abriss der Bestandsbauten erfolgen. Und spätestens in drei Jahren soll der Neubau dann stehen. Dort will Evers dann wieder einziehen. Als Privatier.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Stormarn