Verkehrswende

Warum Frauen in Stormarn seltener Bus und Bahn nutzen

| Lesedauer: 6 Minuten
Lutz Kastendieck
Gleichstellungsbeauftragte der Stormarner Städte und Kommunen haben sich für das Gutachten stark gemacht (v. l.): Inge Diekmann (ehemals Trittau), Jasna Makdissi (Ahrensburg), Maria de Graaff-Willemsen (Reinbek), Anna Roggensack (Bargteheide) und Sophie Olbrich (Kreis Stormarn).

Gleichstellungsbeauftragte der Stormarner Städte und Kommunen haben sich für das Gutachten stark gemacht (v. l.): Inge Diekmann (ehemals Trittau), Jasna Makdissi (Ahrensburg), Maria de Graaff-Willemsen (Reinbek), Anna Roggensack (Bargteheide) und Sophie Olbrich (Kreis Stormarn).

Foto: Melissa Jahn

Ein vom Kreis in Auftrag gegebenes Gutachten zur Mobilität in Stadt und Amt Bargteheide offenbart Bedarfe und Defizite.

Bad Oldesloe.  Im vierten Regionalen Nahverkehrsplan des Kreises Stormarn wurde erstmals die systematische Einbindung von Gender-Aspekten bei der Ausgestaltung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) gefordert. Ziel ist eine zukunftsfähige und ressourcenschonende Mobilität mit angemessenen ÖPNV-Angeboten für alle Bevölkerungsgruppen. „Insgesamt kann man die Angebote in Stormarn als gut bezeichnen. In den eher ländlich geprägten Teilen des Kreises gibt es im Hinblick auf spezifische Zielgruppen allerdings nicht erfüllte Bedarfe und entscheidende Lücken“, sagt Prof. Brigitte Wotha.

Stadt und Amt Bargteheide repräsentativ für den Kreis

Die Expertin vom Büro für Stadt- und Regionalentwicklung in Strande bei Kiel war mit einem Gutachten beauftragt worden, das die aktuelle Situation in einem bestimmten Untersuchungsgebiet analysieren und konkrete Schlussforderungen für Handlungsoptionen ziehen sollte. Als Pilotregion ausgewählt wurden Bargteheide und das Amt Bargteheide-Land, die durch ihre Siedlungs- und Bevölkerungsstruktur als repräsentativ für den gesamten Kreis gelten.

„Mobilität und Verkehrshandeln sind eingebunden in gesellschaftliche Strukturen und bestehende Geschlechterverhältnisse“, erklärt Wotha. Menschen, die unterwegs sind, hätten in der Regel ein Ziel und einen Grund. Sei es die Erwerbstätigkeit, sich und andere zu versorgen, soziale Beziehungen zu pflegen, sich zu erholen oder am politischen und kulturellen Leben teilzunehmen.

800 Personen haben sich an Online-Umfrage beteiligt

„Frauen haben ein anderes Mobilitätsverhalten als Männer, Kinder ein anderes als ältere Menschen, Mobilitätseingeschränkte ein anderes als Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt Wotha. Aus unterschiedlichen Lebenslagen, ökonomischen und sozialen Bedingungen sowie nicht zuletzt der Verfügbarkeit von Fahrzeugen innerhalb der Familie oder einer Community würden letztlich unterschiedliche Mobilitätsanforderungen erwachsen.

Das zeigte sich auch anhand einer konkreten Online-Umfrage, die in der Zeit vom 9. bis 30. März vergangenen Jahres in Bargteheide und im Amt Bargteheide-Land durchgeführt worden ist. „Wir sind anfangs, ausgehend von Erfahrungswerten, von etwa 200 Beteiligten ausgegangen. Am Ende waren es aber fast 800. Diese enorme Rücklaufquote hat uns sehr überrascht und gefreut“, sagt Björn Schönefeld, ÖPNV-Fachmann der Kreisverwaltung in Bad Oldesloe.

Mehr Frauen als Männer nutzen Auto oder Motorrad

658 der Fragebögen konnten letztlich ausgewertet werden. Sie ergaben ein durchaus differenziertes Bild über das genderspezifische Mobilitätsverhalten in Stadt und Amt. Dabei ging es nicht nur um die Nutzung bestimmter Verkehrsmittel nach Art und Häufigkeit, sondern auch um die Analyse der zurückgelegten Wegstrecken und deren Verkettung durch Zwischenziele und Umstiege.

Die Nutzung der Verkehrsmittel wurde anhand eines Wegeprotokolls an einem selbst gewählten Stichtag erfragt. Danach überwog bei 53 Prozent aller befragten Frauen der motorisierte Individualverkehr mit einem Auto oder Krad, bei den Männern betrug der Anteil hingegen nur 43 Prozent.

46 Prozent aller Wege entfallen auf Betreuungsaufgaben

Im Amtsgebiet ging die Schere sogar noch weiter auseinander. Hier nutzten sogar 71 Prozent aller befragten Frauen ein Auto oder Motorrad, in der Stadt waren es gerade 37 Prozent. Ein sehr hoher Anteil gab an, entweder alleinerziehend zu sein oder aber mit einer Vielzahl an Aufgaben betraut zu sein, etwa für die Kinderbetreuung und Erledigungen für die Familie wie Einkäufe und die Inanspruchnahme von Dienstleistungen. So verwundert es nicht, dass 80 Prozent der Amtsbewohner mit regelmäßigen Betreuungsaufgaben angaben, den ÖPNV selten oder nie zu nutzen. Selbst bei Personen ohne Betreuungsaufgaben betrug der Anteil noch immer 74 Prozent.

In der Stadt Bargteheide war der Unterschied mit 49 zu 48 Prozent nicht nur marginal, die Nichtnutzung des ÖPNV fiel auch deutlich geringer aus. Auffällig war zudem, dass bei den befragten Frauen 46 Prozent aller zurückgelegten Wege auf familiär bedingte Betreuungsaufgaben entfielen, während es bei den Männern nur 36 Prozent waren.

In Bargteheide nutzen nur sechs Prozent den ÖPNV nie

In der Stadt Bargteheide wurden 64 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad, zu Fuß oder dem ÖPNV zurückgelegt, während es im Amt nur 26 Prozent waren. 32 Prozent aller männlichen Stadtbewohner gaben an, den ÖPNV zu nutzen, bei den weiblichen Befragten waren es 21 Prozent. Im Amt waren es hingegen 14 Prozent der Männer und nur elf Prozent der Frauen. Im Öffentlichen Personennahverkehr werden von den männlichen Befragten zumeist die Bahn (18 Prozent) und Busse (6 Prozent) genutzt. Bei den Frauen entfielen auf die Bahn zehn und auf Busse vier Prozent. Und von den in der Stadt Bargteheide Befragten gaben lediglich sechs Prozent an, den ÖPNV nie zu nutzen.

Für Bernd Gundlach, den Leiter des Amtes Bargteheide-Land, hat das Gutachten gezeigt, dass an der Qualität und Quantität des ÖPNV noch gearbeitet werden müsse. „Es gibt bislang nicht immer eine echte Alternative zum Individualverkehr. Deshalb brauchen wir mehr innovative und auch unkonventionelle Ansätze, um den Umstieg zu erleichtern“, so Gundlach.

Höhere Taktfrequenz und mehr Haltestellen gewünscht

Erste, konkrete Maßnahmen als Ergebnis der Umfrage haben die Gutachter um Prof. Brigitte Wotha bereits aufgelistet. Dazu gehören unter anderem eine höhere Taktfrequenz, insbesondere der Busse, mehr Haltestellen und Fahrradabstellplätze, Schülertickets auch innerhalb der Stadt Bargteheide, kostenfreie Tage vor allem am Wochenenden und ein zielgruppenspezifisches Marketing.

Um den Genderaspekten noch besser als bisher gerecht zu werden, sollte über einen Fahrgastbeirat nachgedacht und ein einkommensabhängiges Mobilitätsticket eingeführt werden. Eine stärkere Ausrichtung auf Bedarfsverkehre sei zudem über die Ausweitung von On-Demand-Angeboten wie Ioki möglich.

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