Landwirtschaft

Wie Kinder auf dem Bauernhof das Landleben lernen

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Juliane Minow
Nina Storm arbeitet auf dem Hof Rath in Zarpen als Bauernhofpädagogin.

Nina Storm arbeitet auf dem Hof Rath in Zarpen als Bauernhofpädagogin.

Foto: Juliane Minow

Nina Storm kann sich vor Anfragen kaum retten. Die Bauernhofpädagogin absolvierte ihre Ausbildung bei der Pionierin höchstpersönlich.

Zarpen.  Zwölf Augenpaare blicken gespannt auf Nina Storm. Es ist Dienstagnachmittag auf dem Hof Rath in Zarpen. Gleich startet für die Kinder zwischen viereinhalb und zwölf Jahren eine Erkundungstour über den landwirtschaftlichen Betrieb. Nina Storm ist 32 Jahre alt und Bauernhofpädagogin. Die nächsten zwei Stunden werden die Kinder mit ihr verbringen. Bewaffnet mit Gummistiefel, Regenhosen und Mützen warten sie, was sie als nächstes sagt – aber die Aufmerksamkeit währt nicht lange. Denn gerade fährt ein Radlader an der Gruppe vorbei. „Und schon hört mir kein Kind mehr zu“, stellt sie lachend fest. Aber das ist die Zarpenerin gewohnt. Auf so einem Bauernhof gibt es eben eine Menge zu sehen.

Los geht es zum mobilen Hühnerstall. Alleine der Weg dorthin durch Matsch und Pfützen ist heute schon ein Abenteuer. „Wer weiß, was das ist?“, fragt Nina Storm auf dem Weg. „Ein Gülleanhänger“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Ihre Nachmittagsgruppen kommen einmal im Monat zu ihr. Für diese ist das heute der dritte Termin.

Als das Ziel erreicht ist, dürfen die Kinder die Hühner füttern. „Hockt euch am besten hin, dann kommen sie am ehesten zu euch.“ Um die Tiere möglichst artgerecht zu halten, wird der mobile Stall regelmäßig auf ein frisch bewachsenes Stück Weide verlegt. „Ein Hühnchen habe ich gerade gestreichelt“, freut sich eines der Kinder. „Du hast dich auch richtig toll hingehockt, das habe ich gesehen“, lobt die 32-Jährige. Mit dem Füttern ist die Arbeit aber nicht getan. „Wir machen im Prinzip genau das, was tagtäglich zu tun ist.“ Als nächstes werden die Eier eingesammelt. Das Lernen kommt dabei nicht zu kurz. „Wisst ihr noch, welche Farben Hühner am besten sehen können?“, fragt die Bauernhofpädagogin. „Gelb“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Und: Rot. Das liegt übrigens an den Essensvorlieben der Tiere: Getreide und Würmer.

Wertschätzung für Tiere und Pflanzen soll gesteigert werden

Nina Storm ist von Haus aus Erzieherin. Mit der Familie Rath, der der Hof gehört, ist sie befreundet. „Als einer der Helfer durch Corona nicht arbeiten konnte, habe ich auf dem Hof ausgeholfen“, erzählt sie. So kam sie mit der landwirtschaftlichen Arbeit und auch dem Thema Bauernhofpädagogik in Berührung. Weil ihr die Arbeit auf dem Hof großen Spaß machte und sie das mit ihrem pädagogischen Beruf verbinden wollte, absolvierte sie eine Ausbildung bei Christine Hamester-Koch, die vor über 25 Jahren Pionierin auf dem Gebiet war. Die Idee der Bauernhofpädagogik: Landwirtschaft mit allen Sinnen erfahren und spielerisch lernen, wo Eier, Milch, Kartoffeln und Co. eigentlich herkommen. „Dabei geht es auch darum, Wertschätzung für Tiere und Pflanzen zu erzeugen und mit Vorurteilen über die Landwirtschaft aufzuräumen“, so Storm. Aber auch in ihrer persönlichen Entwicklung sollen die Kinder gestärkt werden, ihre Stärken einbringen und als Gruppe zusammenwachsen. Seit etwa einem Jahr bietet Nina Storm die Termine für Gruppen an, hat vor Kurzem offiziell ihr Zertifikat erworben.

Der Hof Rath ist seit 1926 im Familienbesitz. Tochter Hendrikje wird den Hof übernehmen und unterstützt ihre Freundin Nina Storm bei ihrer Arbeit mit den Kindergruppen. „Ich bin in der Landwirtschaft aufgewachsen und hatte eine glückliche Kindheit“, so die 28-Jährige. „Ich freue mich, wenn andere Kinder das auch erleben können.“ Auf dem Hof leben etwa 700 Hennen und 70 Milchkühe sowie einige Fleischrinder, außerdem betreibt die Familie Ackerbau, bewirtschaftet Grünlandflächen für die Tiere und baut Kartoffeln, Mais und Getreide an. Eine artgerechte Haltung und Umweltschutz sind den Landwirten wichtig. Die Hühner leben ganzjährig auf der Weide. Für Insekten und Vögel gibt es Blühwiesen und viele wilde Ecken. Alle Tiere werden gentechnikfrei gefüttert.

Auch Schulklassen und Kindergartengruppen kommen vorbei

Bei den Kindern jedenfalls kommt der Bauernhof zum Anfassen super an. Nach dem Besuch bei den Hühnern geht es weiter in den Kuhstall, wo die Kinder die Kühe mit Heu und Kartoffeln füttern und zum Schluss noch etwas im Stroh toben dürfen. „Ich habe gemerkt, dass die Kinder heute unruhiger sind, deshalb habe ich das Programm abgekürzt“, erklärt Nina Storm.

Neben ihren Nachmittagsgruppen kommen auch Schulklassen und Kindergartengruppen auf den Bauernhof. Das wird vom Land Schleswig-Holstein gefördert. „Sie haben erkannt, wie wertvoll das für die Kinder ist“, so Nina Storm, die sich vor Anfragen kaum retten kann. „Das Feld wächst gerade total“, weiß sie. „Viele Eltern legen Wert darauf, dass ihre Kinder Zeit an der frischen Luft verbringen, mit Tieren und Pflanzen in Berührung kommen und ein Umweltbewusstsein entwickeln.“ Sie selbst genießt es, die Kinderaugen strahlen zu sehen, wenn sie am Ende des Tages ihre selbst gesammelten Eier mit nach Hause nehmen dürfen. Storm: „Ich wünsche mir, dass jedes Kind irgendwann so einen Tag auf dem Bauernhof erleben darf.“

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