Landgericht Lübeck

30-Jährige auf der A1 getötet: Prozess gegen Raser beginnt

| Lesedauer: 5 Minuten
Harald Klix
Am 24. April 2018 rammt ein weißer BMW einen grauen Smart auf der A 1 im Autobahnkreuz Lübeck. Die Fahrerin wird in dem Miniauto eingeklemmt und stirbt.

Am 24. April 2018 rammt ein weißer BMW einen grauen Smart auf der A 1 im Autobahnkreuz Lübeck. Die Fahrerin wird in dem Miniauto eingeklemmt und stirbt.

Foto: Lars Ebner

Ein BMW-Fahrer rammt im Alkohol- und Drogenrausch einen Smart. Dessen Fahrerin, Nichte eines Hamburger Politikers, stirbt.

Hamberge. In Lübeck steht jetzt ein Mann vor Gericht, der im Alkohol- und Kokainrausch auf der A 1 bei Hamberge einen tödlichen Unfall verursacht haben soll. Im April 2018 katapultierte ein BMW mit rund 200 km/h einen vor ihm auf der mittleren Spur fahrenden Smart regelrecht von der Autobahn. Die 30 Jahre alte Hamburgerin am Steuer des Miniautos starb noch an der Unfallstelle. Der Prozess wegen fahrlässiger Tötung am Schöffengericht Lübeck sollte ursprünglich schon im April abgehalten werden. Da die Richterin damals erkrankte, musste die Verhandlung kurzfristig abgesagt und verschoben werden.

Auf dem Autobahnabschnitt im Autobahnkreuz Lübeck (A 1/A 20) bei Hamberge gilt ein Limit von Tempo 120. Der Mann am Steuer des weißen BMW rammte den Kleinwagen am Dienstag, 24. April 2018, wenige Minuten vor Mitternacht. Laut Staatsanwaltschaft fuhr er ungebremst mit 185 bis 210 km/h auf den Kleinwagen, den er übersehen hatte.

Rund 600 Gäste kommen zur Trauerfeier nach Bergedorf

Die beiden Autos verkeilten sich, schossen gegen die rechte Leitplanke. Der heute 35 Jahre alte Angeklagte, der keinen Führerschein hat, soll Kokain und erhebliche Mengen alkoholischer Getränke konsumiert haben.

Bei dem Opfer handelte es sich um die Nichte des bekannten Hamburger SPD-Politikers Kazim Abaci, der seit zehn Jahren Bürgerschaftsabgeordneter ist. Nach dem Unfall trauerte er auch öffentlich um seine Verwandte. „Du bleibst unvergessen!“, schrieb er auf Facebook und veröffentlichte dazu Fotos von Gülhan Abaci. Bei der bewegenden Trauerfeier auf dem Bergedorfer Friedhof nahmen etwa 600 Gäste Abschied von einem „schönen Mädchen mit bezauberndem Lächeln“, wie unter ihrem Bild in der Kapelle stand. Mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder hatte sie einige Jahre in Hamburg-Bergedorf gewohnt.

Unfallstelle glich einem 300 Meter langen Trümmerfeld

Seine Nichte habe noch unendlich viele Ziele gehabt, sagte Kazim Abaci damals. „Sie befand sich in der Blüte ihres Lebens, war hilfsbereit, ehrlich und liebte Blumen. Sie setze sich gern für Schwächere ein und teilte alles, was sie hatte. Sie war eine Optimistin.“ Sie habe sich als Kosmetikerin selbstständig machen, reisen und heiraten wollen. Eine Cousine sprach über ihre „Mischung aus Wut, Schmerz und Verzweiflung“.

Nach dem Zusammenstoß berichteten Augenzeugen, dass die Unfallstelle einem Trümmerfeld glich. Der Smart wurde laut Polizei durch den Aufprall rund 300 Meter nach vorn katapultiert. Als die Rettungskräfte eintrafen, stand der BMW direkt hinter dem Kleinwagen an der Leitplanke. Ein Notarzt versuchte vergeblich, das Leben der im Autowrack eingeklemmten Frau zu retten.

Alkoholtest beim BMW-Fahrer zeigt 2,2 Promille an

Der ebenfalls aus Hamburg stammende Unfallfahrer wurde mit leichten Verletzungen in ein Lübecker Krankenhaus gebracht. Dort ergab ein Alkoholtest 2,2 Promille. Daraufhin ordneten die Polizisten eine Blutprobe an. Die A 1 blieb in Fahrtrichtung Süden fünf Stunden lang bis in den frühen Morgen voll gesperrt. Fachleute vom Technischen Hilfswerk in Lübeck leuchteten den rund 300 Meter langen Autobahnabschnitt mit mobilen Stromerzeugern und Lichtmasten aus. Nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft wurde ein Sachverständiger für die Untersuchung der Unfallstelle hinzugezogen. Zudem wurden die beiden Autos sichergestellt.

Das Gericht hat für den am Donnerstag, 4. November, beginnenden Prozess vier Hauptverhandlungstage anberaumt. Es wurden bislang vier Zeugen und vier Sachverständige geladen. Sein Urteil will das Schöffengericht am 16. Dezember fällen.

Ähnlicher Fall: 2009 stirbt eine junge Schauspielerin

Der Fall erinnert an ein ähnliches Unglück auf der A 1 bei Reinfeld. Im November 2009 verlor ein BMW-Fahrer mit mehr als zwei Promille nachts die Kontrolle über sein Auto, das durch die Mittelleitplanke schoss. Als Geisterfahrer setzte er seinen Weg auf der Gegenfahrbahn fort und traf frontal den Ford Ka einer 22-Jährigen, die nach einem Familienbesuch in Hamburg auf dem Weg nach Timmendorfer Strand war. Dort lebte sie mit ihrem Mann, den sie ein Jahr zuvor geheiratet hatte.

Die junge Frau, die aus Norderstedt stammende Schauspielerin Kira Mihm, hatte keine Chance auszuweichen. Sie erlag ihren schweren Verletzungen Stunden später in der Uniklinik Lübeck. Der 35 Jahre alte Unfallverursacher aus Ostholstein war bereits sechsmal wegen fahrlässiger Trunkenheit und vorsätzlichen Fahrens ohne Führerschein verurteilt worden, saß deswegen 2006 sogar sieben Monate im Gefängnis. Auch er hatte keinen Führerschein mehr.

Im Prozess verweigerte der Todesfahrer die Aussage. Seine Anwältin verlas lediglich eine Erklärung, nach der ihm der Unfall leid tue, er sich jedoch an nichts mehr erinnern könne. Die Verteidigung kritisierte zudem, dass kein fairer Prozess möglich sei, da ihr Mandant in Medien als „Todesraser“ bezeichnet worden war. Das Urteil damals: vier Jahre und neun Monate Haft sowie eine Führerscheinsperre von fünf Jahren.

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