Singer-Songwriter

Joni Project feiert in Bargteheide Songs einer Ikone

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Elvira Nickmann
Iris Romen (v. l.), Stefanie Hempel und Anne de Wolff bringen den Zuhörern im Kleinen Theater die Songs aus Joni Mitchells Album „Blue“ näher.

Iris Romen (v. l.), Stefanie Hempel und Anne de Wolff bringen den Zuhörern im Kleinen Theater die Songs aus Joni Mitchells Album „Blue“ näher.

Foto: Sebastian Madej

Trio taucht bei Konzert tief in die Musik und poetischen Texte von Joni Mitchell ein. Diese enthüllt darin intime Erlebnisse.

Bargteheide. Drei Multi-Instrumentalistinnen, drei prägnante Stimmen, jede Menge Instrumente und alle zehn Songs des Albums „Blue“ der Singer-Songwriter-Ikone Joni Mitchell: Das sind die Zutaten für The Joni Project. Was Stefanie Hempel (44), Anne de Wolff (50) und Iris Romen (44) bei ihrem Konzert am Sonntag, 7. November (19 Uhr), auf die Bühne des Kleinen Theaters Bargteheide und zu Gehör bringen, kann durchaus mit ambitioniert beschrieben werden.

Mitchell beinflusste künstlerische Arbeit von Stars

Denn die kanadische Musikerin Joni Mitchell gilt als Legende, ihre Musik und Texte als vielschichtig und wegweisend für nachfolgende Generationen von Songwritern. Mit ihrer ungewöhnlichen Stimme und ebensolchen Kompositionen beeinflusste die heute 77 Jahre alte Mitchell die künstlerische Arbeit von Stars wie Annie Lennox, Chrissie Hynde, Christopher Cross, Prince, Björk, Herbie Hancock, Taylor Swift und Bob Dylan.

Anlass zur Gründung des Joni Projects war das 50. Jubiläum des 1971 erschienenen Meilenstein-Albums „Blue“. Die Musikerinnen Stefanie Hempel, Anne de Wolff und Iris Romen haben sich für ihr Programm ganz in die Gefühlswelt der Komponistin hineinbegeben, die in deren Liedern zum Ausdruck kommt. Die Initiatorin des Projekts, Stefanie Hempel, sagt: „Joni Mitchells Songs werden wenig live in Deutschland gespielt.“ Es sei ihr aber klar gewesen, dass Mitchell hier viele Fans habe.

Markenzeichen sind schonungslos ehrliche Texte

Wer Mitchells Aussagen genau verstehen wolle, müsse in die tiefgründigen Texte hineingehen. „Darin sind so viele Erfahrungen“, sagt Hempel. Es sei dem Trio darum gegangen, den inneren Kern der Songs zu ergründen.

In schonungslos ehrlichen Texten, die so typisch für Mitchell wie ihre außergewöhnlichen, komplexen Arrangements sind, verarbeitete sie ihre Erlebnisse, Krisen und Beziehungen. „Wenn man sich damit beschäftigt, kommt man nicht umhin, sich auch mit sich selbst auseinanderzusetzen“, erläutert Stefanie Hempel. „Sonst kann man ihre Geschichten nicht authentisch erzählen.“

Mitchell nutzte Musik zur Problem-Verarbeitung

Stoff dafür lieferte Mitchells Leben, das alles andere als perfekt war, genug. Zu den Krisen, die sie durchlebte, führten nicht selten intensive Liebesgeschichten mit bekannten Musikern. Die folgenschwerste Entscheidung traf sie als junge Studentin, als sie ihre Tochter zur Adoption freigab. Sie fand sie in den späten 1990er-Jahren zwar wieder, doch die Beziehung hielt nur wenige Jahre.

In dem auf „Blue“ veröffentlichten Song „Little Green“ erzählt sie schon früh mit entwaffnender Offenheit von dem tragischen Ereignis, das sie 30 Jahre lang vor der Öffentlichkeit verborgen hielt. Musik als Bewältigungsstrategie, als Selbsttherapie – im Falle der kanadischen Sängerin sieht es ganz danach aus.

Bei Drama und Trauer helfen Witz und Humor

Für manchen Hörer stellt so viel gefühlsmäßige Dichte eine Herausforderung dar. So auch bei Iris Romen, die zwar schon vor dem Projekt „Joni geliebt hat, aber sie nur häppchenweise hören konnte“, wie Hempel erzählt. „Doch zu dritt haben wir das geschafft.“ Das Drama und die Traurigkeit, die in Mitchells Songs anklängen, würden „fast immer aufgefangen durch Witz in den Texten“, so die Musikerin weiter.

Als Beispiel nennt sie einige Zeilen aus „My old man“: „But when he’s gone, me and them lonesome blues collide. The bed’s too big. The frying pan’s too wide.“ Bittersüße Zeilen, die Mitchell mit engelsgleicher Stimme und mit ungewöhnlichen Harmonien unterlegt vortrug. „Trotz allem ist immer so eine Leichtigkeit in ihren Stücken“, findet Stefanie Hempel.

Hempels Liebe zu „Blue“ begann mit Abschied

Als Jugendliche habe ihr ein Musiklehrer Singer-Songwriter wie James Taylor, Jackson Browne und Crosby, Stills, Nash & Young nähergebracht. Nur bei Joni Mitchell habe das nicht funktioniert. „Die fand ich gar nicht gut, als 13-Jährige gefiel mir die hohe Stimme überhaupt nicht“, erinnert sich Hempel.

Das ändert sich jedoch schlagartig, als der Lehrer seinen Abschied nimmt. Nach der letzten Unterrichtsstunde geht das Mädchen traurig nach Hause und legt „Blue“ von Joni Mitchell auf. Und stößt in den Songs auf einen intensiven Widerhall ihres Abschiedsschmerzes, hört die Platte immer wieder, die ganze Nacht. „Das war der Beginn einer großen Liebe an der Schwelle des Erwachsenwerdens“, sagt Hempel rückblickend.

Musikerinnen wollen Kern der Songs bewahren

Die Idee zu dem Projekt sei ihr während des Lockdown gekommen. Mit Anne de Wolff habe sie schon immer etwas machen wollen. „Sie ist super im Harmoniegesang und eine der besten Studiomusikerinnen Deutschlands.“ Iris Romen sei ebenfalls Multi-Instrumentalistin und habe eine besondere Stimme. Mit ihr wurde The Joni Project komplett.

Passend zum Albumtitel „Blue“ fand das erste Treffen der drei im „BluHouseStudio“ statt. „Nach einer Stunde war klar, das wird eine richtig tolle Zusammenarbeit. Wir wollten den Kern der Songs bewahren, aber eigene Arrangements machen.“ Bei zehn Liedern sei das ein „hochemotionaler Prozess“ gewesen.

Mitchell-Fans sollten sich das Konzert nicht entgehen lassen. Aber auch für alle anderen gibt es viel zu entdecken – neben den Songs berichtet Hempel auch Details zu deren Entstehungsgeschichte. Im besten Fall hat nach dem Konzert die Zahl der Fans sogar zugenommen.

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