Soziales

Bargfeld-Stegen sagt Jugendkriminalität den Kampf an

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Melissa Jahn
Bürgermeister Andreas Gerckens auf dem Skaterplatz, einem beliebten Jugendtreffpunkt in Bargfeld-Stegen. 

Bürgermeister Andreas Gerckens auf dem Skaterplatz, einem beliebten Jugendtreffpunkt in Bargfeld-Stegen. 

Foto: Melissa Jahn

Gemeinde engagiert zwei Streetworker und gibt Sozialraumanalyse in Auftrag. Ergebnisse werden am Montag vorgestellt.

Bargfeld-Stegen. Randale am Skaterplatz, Gerüchte über Drogenverkäufe und die Zerstörung öffentlichen Eigentums mit einem Schaden von rund 6000 Euro – nicht erst seit Corona nehmen Vorfälle wie diese in der kleinen Gemeinde Bargfeld-Stegen überhand. Statt auf Verbote zu setzen und diese polizeilich überwachen zu lassen, engagierte Bürgermeister Andreas Gerckens kurzerhand zwei Streetworker der Bargteheider tohus gGmbH für eine Sozialraumanalyse. Die Ergebnisse werden am kommenden Montag, 1. November, um 19.30 Uhr in der Sitzung des Sozial- und Kulturausschusses im Bürgerhaus (Mittelweg 4-6) vorgestellt.

Bürgermeister: „Mit Verboten erreichen wir nichts“

„Mit reinen Verboten erreichen wir nichts“, sagt Andreas Gerckens, der in dem Bereich bereits während des Lockdowns reichlich Erfahrung gesammelt habe. Um die vielfältigen Regeln durchzusetzen, fragte die Gemeinde bereits 2020 nach Hilfe beim Amt an. Doch die Ordnungshüter seien personell unterbesetzt, ein wiederholter Anruf bei der Polizei ebenfalls keine Lösung gewesen.

„Wir haben schließlich einen Sicherheitsdienst beauftragt, der mehrmals in der Woche vorbeigekommen ist“, sagt der Bürgermeister. „Statt die Jugendlichen zu vertreiben, wollen wir langfristig aber lieber den Kontakt herstellen und gemeinsam eine Lösung finden.“

Den Jugendlichen fehlt ein überdachter Treffpunkt

Von September bis Oktober suchten zwei Mitarbeiter der tohus gGmbH, eine Tochtergesellschaft der Stiftung Alsterdorf, das Gespräch mit 40 Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Eltern der Gemeinde. Sie fragten, was fehlt, was das Zusammenleben in dem 3000-Einwohner-Dorf mitunter schwierig macht – und bekamen aufschlussreiche Antworten, die nun dem Ausschuss vorgestellt werden.

„Im Großen und Ganzen können wir sagen, dass das Verhalten der Jugendlichen nicht über ein normales Maß hinausgeht. Die Gruppe ist heterogen – aber nicht verfeindet, was wir auch schon anders erlebt haben“, sagt Streetworkerin Kirsten Kröger. Dennoch gebe es Vorschläge, was verbessert werden könne. Denn die absolute Idylle der ländlichen Gemeinden sei ein Trugschluss, so die erfahrene Straßensozialarbeiterin.

Streetworkerin hat bereits am Hamburger Hauptbahnhof gearbeitet

Sie habe bereits am Hamburger Hauptbahnhof gearbeitet, vor zehn Jahren dann zusammen mit ihrem Kollegen Fabian Josten das Streetworker-Netzwerk in Bargteheide aufgebaut. Was zunächst einer Menge Arbeit, auch in den Ausschüssen, bedurft habe, sei nun in der Politik angekommen, sagt Kröger.

Anders als die Millionenmetropole Hamburg, der ganz andere Mittel zur Bekämpfung der florierenden Drogenszene zur Verfügung stünden, dürften auch die Umlandgemeinden die Augen vor der Realität nicht verschließen.

„Illegale Drogen sind immer ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen müssen“, so die Leiterin der tohus gGmbH. „Wie die einzelnen Gemeinden darauf reagieren, ist eine Haltungsfrage und Grundvoraussetzung dafür, dass wir agieren können.“

Die Corona-Pandemie ist nur ein Grund für die aktuellen Probleme

Neben Bargfeld-Stegen als erste Gemeinde im Amt hätten auch andere bereits ihr Interesse bekundet. Ein Grund für die derzeitigen Probleme sei unter anderem die Situation seit Corona. Die Welt habe sich in den vergangenen Monaten massiv verändert, die Ängste der Menschen seien größer geworden, der Druck von außen und in der Arbeitswelt stärker, beobachtet Kirsten Kröger. Die Pandemie habe von allen viel abverlangt, vor allem aber von den Jugendlichen, die in einer wichtigen Entwicklungsphase plötzlich kaum mehr Freiräume gehabt hätten.

Dies zeigten auch die Ergebnisse der Sozialraumanalyse in Bargfeld-Stegen. Obwohl die Befragten insgesamt mit der als quirlig und intakt beschriebenen Gemeinde zufrieden seien, fehle ihnen vor allem ein überdachter Ort, um sich zu treffen und unbeobachtet von Erwachsenen auszuprobieren.

Bestehende Freizeitangebote kommen bei der Zielgruppe oft nicht an

Bestehende Angebote wie die Feuerwehr, Musikvereine oder auch der Familientreff kämen bei der Zielgruppe oft nicht an, so Kröger. Während es früher Jugendräume mit Programm gegeben habe, stehen diese Angebote heute nicht mehr zur Verfügung. Zudem sei das öffentliche Nahverkehrsnetz so schlecht ausgebaut, dass Jugendliche auf die Eltern angewiesen seien. „Statt wie oftmals angenommen nur zu konsumieren, wollen Jugendliche durchaus etwas miteinander tun“, sagt Kirsten Kröger. „Dafür müssen sie in Bargfeld-Stegen jedoch selbst aktiv werden.“

Vor 20 Jahren habe es hier einen Jugendpfleger gegeben, bestätigt auch Andreas Gerckens. Eine ähnliche Stelle sei auch im Umland geschaffen worden, beispielsweise in der Nachbargemeinde Sülfeld. Der Nachteil hierbei sei jedoch, dass die Position an die jeweilige Person geknüpft sei, gibt Gerckens zu bedenken. Wenn diese aufhöre, breche der Kontakt zu den Jugendlichen weg. Den benötigten Input sollen nun stattdessen die Sozialarbeiter der tohus gGmbH liefern. „Durch die unabhängige Arbeit können sie als Anwalt der Jugendlichen fungieren“, so der Bürgermeister. „Wir erhoffen uns von der Zusammenarbeit sehr viel.“

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