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Kein Termin: Bargteheider protestiert und streikt vor Amt

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Lutz Kastendieck
Seit Tagen bemüht sich Carsten Schaar um einen Termin im Bürgeramt Bargteheide. Bislang vergebens.

Seit Tagen bemüht sich Carsten Schaar um einen Termin im Bürgeramt Bargteheide. Bislang vergebens.

Foto: Lutz Kastendieck

Der 59-jährige Carsten Schaar braucht für seinen Job in Istanbul einen neuen Pass. Doch im Rathaus lässt man ihn bislang abblitzen.

Bargeheide.  Regelmäßige Besucher der Elvis Lounge am Rathaus Bargteheide kennen ihn inzwischen schon: Seit vergangenen Donnerstag sitzt Carsten Schaar immer werktags an jenem Tisch, der keine vier Meter vom Eingang des Bürgerbüros entfernt steht, und wartet. Darauf, dass ihm Einlass gewährt wird, um einen neuen Pass beantragen zu können. Den braucht der 59-Jährige nicht etwa für eine Ferienreise, sondern für seinen Job. Das aber ist den verantwortlichen Mitarbeitern des Bürgerbüros offenbar gleichgültig. Sie wissen, dass Schaar vor der Tür Posten bezogen hat, haben ihn bislang aber ignoriert.

Wer jetzt mutmaßt, der Finanzmanager der Hamburger Firma Still, die Gabelstapler aller Art herstellt und weltweit vertreibt, habe die rechtzeitige Erneuerung seiner Ausweispapiere schlicht verschlafen, irrt. Weil seine Arbeitserlaubnis für die Dependance in Istanbul, wo er seit drei Jahren tätig ist, am 25. Oktober endet, erkundigte er sich bereits im Juli beim Bürgerbüro seiner Heimatstadt nach einem Termin.

Termine nur zwölf Tage im Voraus

„In einem Telefonat wurde mir mitgeteilt, dass die Stadtverwaltung Mitte August die elektronische Terminvergabe einführt und ich mich dann doch am besten online um einen Termin meiner Wahl bemühen sollte“, berichtet Schaar.

Als er kurz nach der Freischaltung des neuen Systems einen ersten Versuch startete, sah er, dass zwar reichlich freie Termine verfügbar waren, aber nur für die folgenden zwölf Tage. „Damit war mir aber nicht geholfen, da zu diesem Zeitpunkt bereits klar war, dass ich erst Ende September wieder in Bargteheide sein würde“, so Schaar.

Bürger machen regen Gebrauch von Online-Terminvergabe

In dem Bewusstsein, dass es anscheinend genügend Termine gebe, versuchte es der gebürtige Oldesloer, der seit 20 Jahren in Bargteheide lebt, am 20. September erneut. Und erlebte eine böse Überraschung. Inzwischen hatte sich die Online-Terminvergabe nämlich in der Stadt herumgesprochen und die Bürger machen seitdem regen Gebrauch von der Möglichkeit, unvermeidliche Amtsbesuche besser planen zu können.

„Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass es während meines Heimataufenthalts zwischen 23. September und 1. Oktober keinen einzigen freien Termin gab“, sagt Schaar. Erst am 11. Oktober sollen die nächsten Termine freigeschaltet werden. Da weilt er aber längst wieder am Bosporus.

Bereits 20 Stunden in der „Elvis Lounge“ ausgeharrt

In seiner Not wandte sich Schaar am 21. September per E-Mail erneut an das Bürgeramt. Einen Tag später erhielt er die Antwort, er möge entweder einen verfügbaren Termin in Bargteheide buchen, oder den Pass beim deutschen Generalkonsulat in Istanbul beantragen. Dort hieß es auf Nachfrage allerdings, die Ausstellung sogenannter Express-Pässe dauere in der Regel 15 bis 20 Werktage.

„So setzte ich dann doch all meine Hoffnungen auf das Bürgerbüro in Bargteheide“, sagt Schaar. In einer weiteren E-Mail am 23. September an die Amtsleitung ließ er wissen, er werde sich ab Donnerstag jeden Tag vors Bürgeramt setzen, um dort geduldig auf einen freien Slot zu warten.

Security-Mitarbeiter erteilt Platzverbot

Das allerdings war der Amtsleitung auch nicht recht. Von dem Mitarbeiter einer Security-Firma wurde Schaar darauf aufmerksam gemacht, dass er seinen Platz unweit der Tür umgehend räumen müsse, was de facto einem Platzverweis gleichkam. „Daraufhin habe ich mich an den nächstgelegenen Tisch der Elvis Lounge gesetzt, was mir letztlich niemand verwehren konnte“, so der Finanzfachmann.

Dort hat er bis zur Schließung des Bürgerbüros Dienstagmittag insgesamt 20 Stunden zugebracht. Und in dieser Zeit viele interessante Beobachtungen gemacht. Etwa, dass jeder, der ohne Termin vorstellig wird, ohne Ansehen der Person abgewiesen wird. Das gilt unterdessen auch für Besucher, die weit vor ihrem zugewiesenen Termin erscheinen.

Freigewordener Slot wurde nicht zugewiesen

So wie jener Herr, der eine ganze Stunde zu früh Einlass begehrte. Den erhalten Besucher indes frühestens zehn Minuten vor ihrem vereinbarten Slot. „Obwohl es zu jenem Zeitpunkt keinen Publikumsverkehr im Bürgerbüro gab, wurde er nicht vorgelassen, obwohl er nur seinen Ausweis abholen wollte“, berichtet Schaar. Als der Mann 50 Minuten später wiederkam, war er innerhalb von drei Minuten wieder draußen. „Da war es fünf Minuten vor 11 Uhr, seinem gebuchten Termin. Dieser Slot hätte demzufolge frei sein müssen, ist aber nicht an mich vergeben worden“, so Schaar.

Der Manager kann durchaus nachvollziehen, dass die Stadtverwaltung mit der neuen verbindlichen Terminvergabe ihre Abläufe im Bürgerbüro effizienter gestalten will. „Nur ist es aus meiner Sicht kontraproduktiv, wenn in diesem Spannungsfeld Bürgernähe und Flexibilität auf der Strecke bleiben“, kritisiert Carsten Schaar das unsensible Vorgehen. Es drücke ein merkwürdiges Selbstverständnis aus, das mit einer bürgerfreundlichen Verwaltung nicht in Einklang zu bringen sei.

Stadt spricht von „kommunikativem Missverständnis“

Stadtsprecher Alexander Wagner weist diesen Vorwurf auf Nachfrage unserer Redaktion zurück. Er verweist darauf, dass im fraglichen Zeitraum alle gebuchten Termine wahrgenommen worden und alle stornierten Termine vom System sofort neu vergeben worden seien. „Für Notfälle werden bislang keine Slots geblockt“, so Wagner. Außerdem müssten erstmal Erfahrungen mit den neuen Abläufen gesammelt werden. Im konkreten Fall handele es sich um ein „kommunikatives Missverständnis“, für das sich Bürgermeisterin Birte Kruse-Gobrecht just am Tag der Abendblatt-Anfrage bei Carsten Schaar entschuldigt habe. Und ihm die Klärung seines Problems für den morgigen Donnerstag in Aussicht stellte.

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