Bundestagswahl

Warum kein Stormarner die Interessen Stormarns vertritt

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Lutz Kastendieck
Nina Scheer (Mitte) feiert im Restaurant „Lindenhof“ in Geesthacht mit SPD-Parteifreunden ihr Direktmandat für den Bundestag.

Nina Scheer (Mitte) feiert im Restaurant „Lindenhof“ in Geesthacht mit SPD-Parteifreunden ihr Direktmandat für den Bundestag.

Foto: Dirk Schulz

Das Kreisgebiet ist bei der Bundestagswahl Teil von drei Wahlkreisen. Darum haben es Kandidaten aus Stormarn schwer.

Ahrensburg.  Für die über viele Jahre hinweg erfolgsverwöhnte CDU im Kreis Stormarn nahm der zurückliegende Wahlabend nachgerade desaströse Züge an. Mit jedem ausgezählten Wahlbezirk wurde der Abstand zur SPD größer und der Absturz verheerender. Am Ende dieses denkwürdigen Sonntags hatten die Christdemokraten in den drei für Stormarn relevanten Wahlkreisen nicht nur alle drei Direktmandate für Berlin an die Sozialdemokraten verloren, sondern zudem massive Stimmverluste zwischen minus 10,6 und 13,2 Prozentpunkten eingefahren.

„Nicht nur im Bund, auch auf Kreisebene haben wir unsere selbst gesteckten Ziele weit verfehlt“, räumte der Kreisvorsitzende Tobias Koch unumwunden ein. Die Hauptgründe sah der Ahrensburger im fehlenden Amtsbonus durch den freiwilligen Rückzug Angela Merkels, den im Zuge der Corona-Pandemie fehlenden Kontakten zur Basis und dem langen Hickhack um die Kür des Kanzlerkandidaten der Union.

CDU-Kandidaten wurden Opfer des Bundestrends

Hinzu seien vermeidbare Fehler im Wahlkampf gekommen. Der Plakatkampagne habe es an Überzeugungskraft und der Fokussierung auf zentrale Kernthemen gefehlt. Zudem seien dem Parteivorsitzenden Armin Laschet zu Recht gleich mehrere unglückliche Auftritte attestiert worden, die alles andere als Rückenwind für die Wahlkämpfer im Kreis bedeutet hätten.

„Unseren Direktkandidaten Gero Storjohann, Ingo Gädechens und Thomas Peters ist nichts anzulasten“, so Koch. Sie seien Opfer des Bundestrends der Partei geworden, von dem sich nun mal kein lokaler Wahlkämpfer abkoppeln könne. Zum Glück für Stormarn seien Storjohann und Gädechens über die Landesliste aber wieder im Bundestag vertreten und würden sich dort engagiert für die Interessen des Kreises einsetzen.

SPD holt in allen Wahlkreisen die meisten Stimmen

Das hofft Landrat Henning Görtz (CDU) auch von den drei neuen Direktkandidaten Bengt Bergt, Bettina Hagedorn und Nina Scheer, die allesamt der auf ganzer Linie siegenden SPD angehören. Mit Stimmzuwächsen zwischen 2,9 und 6,6 Prozentpunkten hat die Partei alle drei Stormarner Wahlkreise gewonnen, im Wahlkreis 8 Segeberg/Stormarn-Mitte sogar mit einem komfortablen Vorsprung bei den Zweitstimmen von 6,3 Prozent auf die CDU.

„Als Landrat bin ich für die positive Entwicklung des Kreises natürlich auf einen guten Draht nach Berlin angewiesen“, erläutert Görtz. Die drei Direktkandidaten der CDU, aber auch Nina Scheer hätten in den zurückliegenden Jahren viel für den Kreis und die Kommunen getan und mit ihrem Einsatz dafür gesorgt, dass bedeutsame Summen aus Fördertöpfen des Bundes und weitere Investitionsmittel nach Stormarn geflossen seien.

AfD-Politiker waren einzige Stormarner im Bundestag

„Daran müssen sich jetzt auch die neugewählten Direktkandidaten messen lassen. Sie sind ja nicht nur für die Kreise, in denen sie wohnen, angetreten, sondern für den gesamten Wahlkreis“, sagt Görtz. Und das sollte man dann irgendwie auch merken. Genau das habe man über die beiden AfD-Abgeordneten Bruno Hollnagel (Hoisdorf) und Axel Gehrke (Grönwohld) aber nicht unbedingt sagen können. Sie hatten vor vier Jahren als einzige „echte“ Stormarner den Einzug in Deutschlands wichtigstes Parlament geschafft, seien dann im Kreis aber kaum noch aufgefallen.

Davon geht der neue SPD-Kreisvorsitzende Mehmet Dalkilinc (Bargteheide) im Falle seiner Parteifreunde nicht aus. „Ich bin sicher, dass sie sich ihrer Mitverantwortung für den Kreis Stormarn bewusst sind“, sagt Dalkilinc. Der Wohnort von Bergt (Norderstedt), Hagedorn (Kasseedorf) und Scheer (Siebeneichen) sei in dieser Hinsicht überhaupt nicht ausschlaggebend.

Wohnort ist für Engagement nicht entscheidend

Möglicherweise könne es wegen der doch recht großen Wahlkreise zuweilen schwierig werden, hinsichtlich der persönlichen Präsenz eine gewisse Balance hinzukriegen. „An der prinzipiellen Bereitschaft dazu gibt es aus meiner Sicht aber nicht den geringsten Zweifel“, ist Dalkilinc überzeugt.

An dieser Stelle ist er sich vollkommen einig mit Franz Thönnes aus Ammersbek, der 2017 nach 23 Jahren im Bundestag nicht wieder angetreten war. „Es ist wichtig, ob man sich in seinem Wahlkreis auskennt und für ihn einsetzt. Und nicht, ob das eigene Haus ein paar Kilometer diesseits oder jenseits einer Kreisgrenze steht“, ließ der Sozialdemokrat einmal wissen. Kompetenz und Programm seien allemal entscheidender.

Forderungen nach eigenem Wahlkreis nicht vernünftig

An eine baldige Wahlrechtsreform, in deren Folge der wirtschafts- und finanzstarke Kreis Stormarn durch einen geänderten Zuschnitt der Wahlkreise mehr personelles und politisches Gewicht in Berlin erhält, glauben weder Koch noch Görtz noch Dalkilinc. „Dass wir bei der Bundestagswahl oft nur als Anhängsel der Nachbarkreise wahrgenommen werden, kommt beim Wähler nur bedingt gut an. Wirklich geschadet hat es dem Kreis in der Vergangenheit aber nicht“, sagt der SPD-Kreisvorsitzende.

So sieht das auch sein CDU-Pendant Tobias Koch. „Dass Stormarn mal ein eigener Wahlkreis wird, präferieren wir nicht“, so der Kreisvorsitzende. Denn das Splitting auf drei Wahlkreise erhöhe die Wahrscheinlichkeit, mehr Interessenvertreter in Berlin zu haben, erheblich. „Außerdem gibt es ja nachvollziehbare Bestrebungen, den immer größer werdenden Bundestag wieder zu verkleinern. Da wären Forderungen nach einem eigenen Wahlkreis eher kontraproduktiv“, so Henning Görtz.

Hohe Wahlbeteiligung in allen drei Wahlkreisen

Auf einem hohen Niveau bewegte sich am Sonntag die Wahlbeteiligung in den drei Stormarner Wahlkreisen. Mit je 80,1 Prozent lag sie in Wahlkreis 8 und Wahlkreis 10 sogar noch etwas höher als im Wahlkreis 9, wo 78,1 Prozent ermittelt worden sind.

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