Bundestagswahl 2021

Wer wird den Stormarner Norden in Berlin vertreten?

| Lesedauer: 9 Minuten
Finn Fischer
SPD-Politikerin Bettina Hagedorn sitzt bereits seit 2002 im Bundestag. Sie ist Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium.

SPD-Politikerin Bettina Hagedorn sitzt bereits seit 2002 im Bundestag. Sie ist Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium.

Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopres / HA

Das Abendblatt stellt Direktkandidaten aus dem Wahlkreis 9 (Ostholstein/Stormarn-Nord) vor. Drei von ihnen sitzen bereits im Bundestag.

Bettina Hagedorn (SPD)

Sie ist seit 2002 Mitglied des deutschen Bundestages und will das auch weiterhin bleiben. Die 65 Jahre alte Mutter dreier Söhne und gelernte Goldschmiedin ist neben ihrer politischen Tätigkeit Mitglied im Vorstand des deutschen Kinderhilfswerks.

Im derzeitigen Kabinett ist sie Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister der Finanzen, Olaf Scholz. Dort ist sie für die Themenbereiche Haushalt und Europa zuständig. Seit ihrem Einzug in den Bundestag ist Hagedorn ununterbrochen Mitglied im Haushalts- und Rechnungsprüfungsausschuss sowie stellvertretendes Mitglied im Tourismusausschuss. Im Gegensatz zu ihrem Kontrahenten Ingo Gädechens ist die Abgeordnete strikt gegen den Bau der festen Fehmarnbeltquerung: „Da ich auch im Fraktionsvorstand der SPD sitze, habe ich bei Entscheidungen der SPD-Bundestagsfraktion ein wichtiges Wort mitzureden und kann mir an dieser Stelle für die Menschen in Ostholstein und Nordstormarn Gehör verschaffen.“

Als weiteren Schwerpunkt ihrer politischen Agenda nennt Hagedorn die Bekämpfung des Fachkräftemangels im Gesundheits- und Pflegebereich. Außerdem setzt sie sich für eine Kleinkindbetreuung ab dem ersten Lebensjahr und eine „bei uns zu Hause sichtbare Energiewende“ ein. „Als stellvertretende kommunalpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion beschäftige ich mich auch damit, dass Ostholstein sehr von den Einnahmen der Tourismuswirtschaft abhängig ist, und bemühe mich um den Erhalt und die nachhaltige Steigerung der Attraktivität unserer schönen Region.“

Während der großen Strukturreform 2011 hat sich die SPD-Politikerin für den kompletten Erhalt der ostholsteinischen Bundeswehrstandorte eingesetzt. Seit Jahren kämpfe sie mit voller Kraft für die Interessen der Beschäftigten im maritimen Sektor, so Hagedorn. „Im Kampf gegen die Reform der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung und angesichts des strukturellen Personal- und Geldmangels am Nord-Ostsee-Kanal haben die Beschäftigten mit mir eine enge Verbündete.“

Bei der Bundestagswahl 2017 erreichte sie 30,8 Prozent der Stimmen und unterlag damit wiederholt dem CDU-Kandidaten Ingo Gädechens (41,5 Prozent). Sie zog über die Landesliste in den Bundestag ein.

Ingo Gädechens (CDU)

Er ist 2009 das erste Mal für seine Partei als Direktkandidat im Wahlkreis Ostholstein/Stormarn Nord in den Bundestag gewählt worden. Der 61-Jährige ist in Lübeck geboren. Kindheit und Jugend verbrachte er in Ahrensbök und Niendorf. Aktuell wohnt Gädechens mit seiner Frau Cornelia auf der Ostseeinsel Fehmarn.

„Als ehemaliger Berufssoldat habe ich mit Interesse, aber auch Respekt, die ,Seiten gewechselt’“, sagt Gädechens. Jahrzehntelang habe er die politischen Entscheidungen aus Berlin umsetzen müssen, nun sitze er selbst im Verteidigungsausschuss. Er betont: „Wir brauchen eine starke Bundeswehr in einer immer unsichereren Welt dringender denn je“

Nach vier Jahren (2009–2013) als ordentliches Mitglied wurde der Stabsbootsmann in der zweiten Legislaturperiode zum Obmann und stellvertretenden verteidigungspolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Verteidigungsausschuss. Seit 2018 ist Gädechens, neben der Mitgliedschaft im Verteidigungsausschuss, zusätzlich ordentliches Mitglied im Haushaltsausschuss.

Neben seinem klaren Fokus auf die Landesverteidigung beschäftigt sich Gädechens aber auch mit anderen Themen wie der für seinen Wahlkreis wichtigen Fehmarnbeltquerung: „Seit meinem Einzug in den Bundestag setze ich mich dafür ein, die Chancen des Projekts für Ostholstein zu maximieren und negative Auswirkungen zu minimieren.“ So sei es gelungen, 232 Millionen Euro vom Bund für übergesetzliche Lärmschutzmaßnahmen nach Ostholstein zu holen

Ein weiterer Schwerpunkt des 61-Jährigen ist der Tourismus als besonders bedeutsamer Wirtschaftszweig für Ostholstein: „Mir geht es darum, Tourismus klimafreundlich im eigenen Land zu ermöglichen und zugleich auch die Interessen der Einwohnerinnen und Einwohner zu bedenken.“

Jörg Hansen (FDP)

Er würde im Fall seiner erfolgreichen Wahl das erste Mal in den Bundestag einziehen. Seit 2017 vertritt der Polizeibeamte die Interessen seiner Partei im Landesparlament in Kiel. Seine politische Karriere begann 2001 in Lübeck, anschließend wurde er Ortsvorsitzender seiner Partei in Stockelsdorf, 2009 schließlich Kreisvorsitzender der FDP Ostholstein. Wie CDU-Kandidat Gädechens macht auch Jörg Hansen seinen Beruf zu einem politischen Schwerpunkt: „Für die Polizei haben wir bereits viel erreicht, aber wir können mehr. Das will ich für die FDP voranbringen.“ Er sei ein Fan der ländlichen Polizeistationen und der Stadtteilpolizei. „Sie in Ergänzung mit der sogenannten Reaktionspolizei sind wichtige Bausteine für die Sicherheit und für das Sicherheitsempfinden in der Bevölkerung“, sagt der gebürtige Flensburger. Neben einer bestmöglichen Ausstattung und einer guten Besoldung müssen auch neue Phänomene in den Fokus rücken – vernetzt organisierte Kriminalität müsse vernetzt bekämpft werden: „Ich möchte auch, dass die zusammengesparte Wasserschutzpolizei ,im Land zwischen den Meeren’ wieder ausgebaut wird.“

Außerdem will sich Hansen dafür einsetzen, dass die Sanierung kommunaler Sportstätten und Schwimmhallen für den Breitensport vorangetrieben wird. „Wir gehen das Übungsleitergeld an und kümmern uns landesweit um Nachwuchskonzepte“, so der 57-Jährige. Im eSport will er Schleswig-Holstein zum Vorzeigeland machen.

Jakob Brunken (Die Grünen)

Er kandidiert bereits zum zweiten Mal für einen Platz im Bundestag. Beim ersten Anlauf schaffte es der 34-Jährige nicht nach Berlin. Der gelernte Tischler will sich künftig auf Bundesebene dafür einsetzen, dass im Bausektor in den kommenden Jahren die notwendigen Weichen gestellt werden, um klima- und umweltschädigende Verhaltensweisen abzustellen.

„Wie wir bauen und wohnen, beeinflusst ganz erheblich unsere Gesundheit und die Lebensqualität. Eine enorme Herausforderung auf dem Weg zur vollständigen Klimaneutralität wird auf alle unsere Gebäude zukommen“, sagt Brunken. Sein Ziel sei es, eine Entwicklung zu begleiten, die deutlich mehr nachwachsende Rohstoffe im Bausektor zum Standard macht.

Auch will er die handwerkliche Ausbildung stärken und die Weiterqualifizierung der Fachkräfte attraktiver machen. „Schon jetzt haben viele Handwerksbetriebe Schwierigkeiten, ausreichend qualifizierten Nachwuchs zu bekommen“, so der 34-Jährige. Das sei zwingend notwendig, um den dringend benötigten Wohnraum zu schaffen und den Altbestand zeitgemäß und energetisch sanieren. Auch im Interesse seines Sohnes möchte Brunken aktiv daran arbeiten, dass die Erde auch zukünftig ein lebenswerter Planet bleibt. Denn auch diese Weichen werden in der nächsten Legislaturperiode gestellt. Anders als CDU, SPD, FDP und AfD wollen die Grünen bereits 2030 aus der durch Steuermittel hoch subventionierten Kohleenergie aussteigen und damit acht Jahre früher als von der derzeitigen Bundesregierung beschlossen. Ein massiver Ausbau von Solar- und Windenergie soll das möglich machen

Susanne Spethmann (Die Linke)

Sie ist von ihrer Partei bereits im Oktober 2020 einstimmig zur Direktkandidatin ernannt worden. Die 41 Jahre alte Krankenschwester, die Straftäter bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft begleitet, sieht ihren Schwerpunkt im Pflege- und Gesundheitsbereich.

Auf Landesebene setzte sich die Ostholsteinerin für die Abschaffung der Pflegekammer ein, die von vielen Pflegekräften wegen einer Pflichtmitgliedschaft und damit einhergehenden Beiträgen abgelehnt wird. „Pflege sollte ohne jeden Zwang sein“, sagt Spethmann. Kritik übt sie auch am Umgang mit den Pflegekräfte während der Corona-Pandemie. So seien viele Bonuszahlungen nicht erfolgt. Soziale Berufe sollten nach Ansicht der Linken-Politikerin einen höheren Stellenwert bekommen, sowohl in der Bezahlung als auch im Ansehen: „Große Aufopferung und private Einbußen müssen belohnt und nicht durch Reduzierung des Pflegeschlüssels bestraft werden. Menschen – egal in welcher Arbeits- und Lebenssituation – müssen wieder mehr in den Vordergrund der Politik gestellt werden.“

Politisch aktiv ist Spethmann seit der Kommunalwahl 2018. In der Wahlkabine wollte sie ihr Kreuz bei den Linken machen. Doch die standen überhaupt nicht zur Wahl. Der Kreisverband hatte sich aufgelöst. Kurzerhand wurde sie selbst aktiv und reaktivierte den Kreisverband mit drei weiteren Mitgliedern. Sie will sich gegen einen befürchteten Rechtsruck in der Politik und für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen.

Uwe Witt (AfD)

Er sitzt seit vier Jahren im Bundestag. Der gebürtige Wittener ist gelernter Betriebsschlosser und machte sich später mit mehreren Unternehmen selbstständig. Viele Jahre engagierte sich Witt in karitativen Einrichtungen für behinderte Menschen. Der 61-Jährige kandidiert das erste Mal im Wahlkreis Ostholstein/Stormarn-Nord. 2017 erhielt er sein Mandat in Nordrhein-Westfalen, zog dann aber aus privaten Gründen nach Schleswig-Holstein. Seine Partei wählte ihn daraufhin auf Listenplatz 1.

Witt ist arbeits- und sozialpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion. Er spricht sich gegen einen Mietendeckel aus und glaubt, dass erschwinglicher Wohnraum allein dadurch geschaffen werden kann, indem mehr gebaut wird. Klimapolitisch ist Uwe Witt auf Parteilinie. Auf einer Podiumsdiskussion bezeichnete er die Verkehrswende und die Förderung von Solar- und Windenergie als „grün-ideologische Transformation der Gesellschaft“ und vertritt die These, dass das zu einem nie dagewesenen Arbeitsplatzverlust führen würde.

Witt, seit 2013 Mitglied der AfD, sieht sich selbst als Teil des linken Flügels seiner Partei. So sprach er sich etwa für einen Parteiausschluss des ehemaligen baden-württembergischem Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon aus, nachdem dieser den Holocaust verharmlost hatte. Witt steht laut eigener Aussage für eine „konservativ-freiheitliche und patriotisch-bürgerliche Politik“.

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