Bundestagswahl 2021

Informatik-Studentin will im Bundestag mit Mythen aufräumen

| Lesedauer: 5 Minuten
Arne Bachmann
Malin Schultz (Die Linke) vor der Norderstedter Stadtbücherei. Hier hat sie schon als Kind viel gelesen.

Malin Schultz (Die Linke) vor der Norderstedter Stadtbücherei. Hier hat sie schon als Kind viel gelesen.

Foto: Hermann von Prüssing

Wer schafft den Sprung in den Bundestag? Das Abendblatt stellt Direktkandidaten vor. Heute: Malin Schultz (Linke) aus dem Wahlkreis 8.

Norderstedt. Sobald Malin Schultz lesen konnte, nahm ihre Mutter sie mit in die Norderstedter Stadtbücherei. 20 Jahre später sind die Räume noch immer ein wichtiger Ort für sie. „Bücher ermöglichen einem so vieles“, sagt sie. „Ich kann andere Perspektiven einnehmen oder an andere Orte und in andere Welten gehen. Ich muss gar nicht unbedingt verreisen, denn ich kann das alles in Büchern finden.“

Als Kind lieh sie sich immer wieder Atlanten aus, weil sie die Landkarten liebte. Sie verschlang Wissensbücher über Geschichte und die Tierwelt, mit acht Jahren las sie alle spannenden Fantasy-Romane der Bücherei und als sie damit fertig war, griff sie wieder zu Sachbüchern. Später schrieb die Informatik-Studentin zwischen den Bücherregalen an ihren Hausarbeiten und dem Bachelor-Abschluss, manchmal programmierte sie hier sogar. „Ich verbinde viele tolle Erinnerungen mit der Bücherei“, sagt die 26-Jährige, die am kommenden Sonntag als Direktkandidatin der Partei Die Linke im Bundestagswahlkreis 8 Segeberg/ Stormarn-Mitte kandidiert.

Malin Schultz wurde als Kind schon politisiert

All die Leseerfahrungen waren aber nur einige von vielen Wegweisern auf ihrem politischen Werdegang. In Norderstedt, wo sie auch heute noch wohnt, wuchs Malin Schultz als „klassisches Arbeiterkind“ auf, wie sie selbst sagt. Und als Kind, das schon zu Hause politisiert wurde. Ihre Großmutter saß für die SPD viele Jahre in der Kaltenkirchener Gemeindevertretung. Ihr Vater sagte ihr: „Es ist wichtig, was um dich herum passiert. Und wenn dir etwas nicht gefällt, musst du es selbst anpacken.“

Und genau so kam es. 2017 begann Schultz in Hamburg mit ihrem Studium und merkte, dass sie längst nicht die einzige war, die trotz BAföG mit der Finanzierung ihrer Ausbildung große Probleme hatte. „Das ist ein strukturelles Problem und in unserer Gesellschaft an vielen Stellen ein Problem“, sagt sie. „Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien, in denen die Eltern keinen höheren Schulabschluss haben, bekommen oft gar nicht die bestmögliche Ausbildung sondern nur die Ausbildung, die sich die Familie leisten kann.“ Das habe sie so geärgert, dass sie sich gemeinsam mit ihrem Bruder ein Herz fasste, den Ortsverband der Linken anschrieb und eine Tagung der Fraktion besuchte.

Kritik an den großen Internet-Konzernen

Vier Jahre später hofft sie auf den Einzug in den Bundestag. Dort würde sie gern gleich mal ein paar Mythen aus der Netzpolitik aufklären. „Was mich zum Beispiel immer stört, ist diese Idee, die Regeln aus der normalen Welt müssten auch im Internet gelten. Das Problem ist ja aber, dass das Internet anonymer und global funktioniert, wir die Regeln gar nicht durchgesetzt kriegen, abgesehen davon, dass man nicht jedem einzelnen Verstoß nachgehen kann“, sagt sie. Stattdessen müssten die Plattformen in die Verantwortung genommen werden.

Die Behauptung, Technik sei grundsätzlich neutral, gehöre ebenfalls zu diesen Mythen, wie Schultz sagt. „Im Moment bestimmt ja die jeweilige Plattform wie zum Beispiel Facebook, was hochgeladen und was heruntergenommen wird. So entstehen Parallelwelten und paralleles Recht. All das sind Sachen, wo ich sehe, es wird nicht so richtig verstanden, wie das funktioniert und wer diejenigen sind, die im Internet die Macht haben, nämlich die großen Konzerne. Das sollten wir ändern, demokratisieren, selbst in die Hand nehmen.“

Sie setzt sich für die Gleichberechtigung ein

Doch der Informatik-Studentin geht es nicht nur um Netzpolitik. Dass Frauen noch immer auf der einen Seite „einen großen Teil der unbezahlten Care-Arbeit leisten“ und andererseits „den großen Teil der Altersarmut und der prekären Beschäftigung ausmachen“, seien leider unpopuläre Themen. „Das sind Dinge“, sagt Schultz, „die schwerer zu verstehen und zu vermitteln sind als Nebensächlichkeiten, auf die das Thema Gleichberechtigung gern reduziert wird.“

Sie halte es generell für ein schwerwiegendes Problem, „dass wir oft medienwirksam diskutieren und die eigentlichen Themen dabei zu kurz kommen. Gendergerechte Sprache sei wichtig, die ewige Diskussion darum lenke aber inzwischen davon ab, „dass Frauen konkretere Probleme haben. Wir müssen Frauen besser bezahlen und die Arbeit anders verteilen.“

Klimaschutz und Verkehr sind einige ihrer Themen

Beim Klimaschutz sieht Malin Schultz ihre Partei als die einzige an, die das Thema wirklich ernst nehme. „Alle anderen sagen immer noch, der Markt wird es regeln und wir können weitermachen, wie bisher, müssen nur Kleinigkeiten ändern“, sagt sie. „Wir sind die einzige Partei, die erkannt hat, dass wir ganz rapide etwas ändern und radikalen Klimaschutz betreiben müssen.“ Schultz fordert unter anderem schärfere und konkrete CO2-Vorgaben für Konzerne, Wiederaufbau des Schienenverkehrs und einen funktionierenden öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) für Stadt und Land.

Der Klimawandel sei wohl nicht komplett umkehrbar, meint Malin Schultz. „Aber wir können jetzt noch etwas reißen. Wir müssen die Erde nicht so ausbeuten, wie wir es momentan machen. Wir können mit dem Planeten gemeinsam leben.“

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