Verkehr

Kreis verzeichnet mehr Kinder als Opfer bei Radunfällen

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Lutz Kastendieck
Bei zwei Dritteln aller Radunfälle sind Radfahrer die Verursacher, 20 Prozent davon waren Kinder.

Bei zwei Dritteln aller Radunfälle sind Radfahrer die Verursacher, 20 Prozent davon waren Kinder.

Foto: dpa Picture-Alliance / Daniel Bockwoldt / picture alliance / Daniel Bockwo

Im Vorjahr wurden auf Stormarns Straßen 107 Mädchen und Jungen verletzt. Prävention an Schulen soll im Mai wieder anlaufen.

Ahrensburg.  Als die zuständige Polizeidirektion Ratzeburg kürzlich das Unfallgeschehen auf Stormarns Straßen 2020 bilanzierte, konstatierte sie einen erfreulichen Rückgang an Fällen (5792), ein Minus von 829 im Vergleich zu 2019, und Verletzten (922, minus 103). Diese Zahlen waren sogar so niedrig, wie in den vergangenen fünf Jahren nicht. Das traf indes nicht auf alle Kategorien zu. „Insbesondere Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt waren, haben deutlich zugenommen. Und häufiger als 2019 waren dabei auch Kinder betroffen“, sagt der Leitende Polizeidirektor Bernd Olbrich, der seit Mai 2020 der Behörde in Ratzeburg vorsteht.

363 Radfahrer sind verletzt worden

Waren im vorvergangenen Jahr insgesamt 309 Unfälle mit Radfahrern gezählt worden, so waren es 2020 insgesamt 355, also 46 mehr (+ 13 Prozent). Die Zahl der dabei Verletzten stieg um 57 auf 363, zwei starben, eine Person mehr als 2019. In 214 Fällen wurden die Unfälle durch Radfahrer verursacht, ein Zuwachs um 40 Fälle (+ 18,7 Prozent).

„Das sind beunruhigende Zahlen, die einer erhöhten Aufmerksamkeit bedürfen“, so Olbrich. Aus seiner Sicht müsse es wieder mehr Prävention und mehr Kontrollen der Radtechnik geben. Das sei im vergangenen Jahr coronabedingt aber kaum möglich gewesen. Die erlassenen Verordnungen zur Pandemiebekämpfung hätten sich auch in diesem Bereich deutlich ausgewirkt.

Viele Familien sind zu Hause geblieben

„Wir haben eine spürbare Veränderung im Verkehrs- und Freizeitverhalten festgestellt“, sagt Olbrich. Das sei zum einen dadurch bedingt, dass viele Familien im Urlaub das Land nicht verlassen hätten und die schönste Zeit des Jahres zu Hause verbracht haben. „Zudem waren mehr Menschen statt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Und Kinder haben ihre Eltern durch die Schließungen von Kitas und Schulen deutlich öfter begleitet“, erklärt Olbrich.

Auch auf dem Rad. Doch nicht immer werde dabei ein Helm getragen. Hier appelliert die Polizei weiter an eine nicht zu unterschätzende Vorbildwirkung der Erwachsenen. Je mehr von ihnen Helm tragen, umso weniger wird die Notwendigkeit von Kindern und Jugendlichen hinterfragt oder gar missachtet.

123 Kinder waren von Unfälle betroffen

Unabhängig vom Verkehrsmittel gab es im Vorjahr deutlich mehr Unfälle mit Kindern als noch 2019. Konkret stieg die Zahl von 94 auf 110. Involviert waren dabei insgesamt 123 Jungen und Mädchen, 19 mehr als im vorvergangenen Jahr. Verletzt wurden 107 von ihnen, das waren elf mehr als 2019.

„Einen deutlichen Zuwachs haben wir verzeichnet, wenn Kinder als Radfahrer an Unfällen beteiligt waren“, berichtet Olbrich. In 73 Fällen kamen dabei Kinder zu Schaden, das waren 15 mehr als 2019. Die Steigerung der Zahlen gehe allerdings einher mit einem allgemeinen Anstieg der Fahrradunfälle, der ebenso bundes-, landes- und kreisweit feststellbar sei.

Häufig wurden Verkehrsregeln missachtet

Als Hauptgrund nannte der Ratzeburger Behördenleiter die Missachtung geltender Verkehrsregeln. „Hier dominieren wiederum nicht beachtete Vorfahrtsregeln“, so Olbrich. Viele Unfälle seien unterdessen auch dem Ignorieren roter Ampeln und dem Telefonieren mit Smartphones während der Fahrt geschuldet.

„Gerade deshalb ist es wichtig, die Präventionsarbeit an den Schulen schnellstmöglich wieder aufzunehmen“, sagt Olbrich. Vielen Kindern fehle die vorschulische und schulische Verkehrsausbildung, insbesondere die Radfahrausbildung. „Hier haben wir seit vielen Jahren eine bewährte Kooperation mit den Schulen, die durch Corona aber geradezu weggebrochen ist“, so Olbrich. Während Lehrer in der Regel die theoretische Unterweisung übernehmen, erfolge der Praxistest und der Check der Räder durch Polizeibeamte.

Ältere E-Bikefahrer öfter an Unfällen beteiligt

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Unfallgeschehen, in das Radfahrer involviert sind, hat aus Sicht der Polizei der unverändert boomende Absatz von E-Bikes und Pedelecs. Die moderne Radtechnik mit elektrischer Unterstützung ermöglicht ein höheres Tempo beim Fahren, beansprucht aber zugleich deutlich mehr Aufmerksamkeit, um bei Gefahrensituationen rechtzeitig und schnell reagieren zu können.

Zwar sind E-Bikes in der Regel tempolimitiert und gewähren Elektroantrieb nur bis zu einer Geschwindigkeit von 20, 25 oder 45 Stundenkilometern. Doch die wollen für ungeübte oder nicht mehr ganz sattelfeste Radler eben erst einmal sicher beherrscht werden. „So verwundert es nicht, dass vor allem ältere Radfahrer zunehmend an Unfällen beteiligt sind“, sagt Olbrich. Die dabei teilweise schwerere Verletzungen davontragen.

ADFC moniert großen Sanierungsbedarf

Nicht minder problematisch ist für die Unfall-Analysten die zunehmende Überlastung der Verkehrsinfrastruktur. Nicht nur, dass sich immer mehr motorisierte Verkehrsteilnehmer die Straßen mit immer mehr Radfahrern teilen müssen. Hinzu kommt der große Sanierungsbedarf bei vielen Radwegen und fehlende Lückenschlüsse, die auch immer wieder vom ADFC moniert werden.

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