Bildung

Viele Stormarner Erstklässler haben Defizite

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Lutz Kastendieck
Bei der Schuleingangsuntersuchung werden neben körperlichen auch sprachliche und motorische Fähigkeiten gecheckt.

Bei der Schuleingangsuntersuchung werden neben körperlichen auch sprachliche und motorische Fähigkeiten gecheckt.

Foto: Stefan Puchner / picture-alliance/ dpa

Kreisverwaltung stellt Bilanz der Schuleingangsuntersuchung 2019 vor. Sehschwäche und Sprachprobleme dominieren.

Bad Oldesloe.  Mit Beginn der Abschlussprüfungen an den weiterführenden und beruflichen Schulen ist das laufende Schuljahr praktisch auf der Zielgeraden. Gleichzeitig laufen schon die Vorbereitungen aufs nächste, etwa mit den Schuleingangsuntersuchungen. Sie geben Auskunft darüber, wie fit die kommenden Erstklässler sind. Eine Bilanz dieser wichtigen Tests zog jetzt der Fachdienst Gesundheit der Kreisverwaltung im jüngsten Sozialausschuss für das Jahr 2019. Mit interessanten Zahlen und Tendenzen.

„Von den 2438 Kindern, die 2019 in die Schule gekommen sind, wurden 1846 schulärztlich untersucht“, so die zuständige Fachbereichsleiterin Dr. Edith Ulferts. Wegen Personalknappheit habe eine Vollerhebung nur bei 1583 Kindern an 27 der 35 Grundschulen des Kreises stattfinden können. Davon waren 736 Mädchen, 846 Jungen, für ein Kind gab es keine Geschlechtsangabe.

Grundlage ist sozialpädiatrisches Entwicklungsscreening

„Die Untersuchungen wurden von je vier Ärztinnen und Helferinnen durchgeführt, die pro Kind etwa 15 Minuten Zeit haben“, so Ulferts. Grundlage sei das Sozialpädiatrische Entwicklungsscreening für Schuleingangsuntersuchungen (SOPESS). Untersucht und beurteilt werden neben dem Seh- und Hörvermögen, grob- und feinmotorische Fertigkeiten, sowie die körperliche und sozial-emotionale Entwicklung. Erfasst werden zudem Kita-Betreuungszeiten, die familiäre Lebenssituation, der Bildungsgrad der Eltern sowie medizinisch-therapeutische Maßnahmen.

Eine auffällige Häufung von Befunden stellten die Mediziner beim Sehvermögen fest. „Bei 593, also 37,4 Prozent der untersuchten Kinder, zeigte sich eine auffällige Herabsetzung der Sehstärke“, sagt Gabriele Ahlers vom Kinder- und Jugendärztlichen Dienst. 172 Mädchen und Jungen befänden sich zwar schon in einer entsprechenden Behandlung, 76 weitere hätten indes eine Überweisung zur weiteren Diagnostik und Therapie erhalten. Beim Hörvermögen war die Lage nachweislich weniger dramatisch. Hier offenbarten 117 Kinder (7,4 Prozent) Auffälligkeiten.

Einige Kinder sind in mehreren Bereichen auffällig

Anhaltend hoch war unterdessen der Anteil der Erstklässler mit Sprachproblemen. 592 Kindern (37,4 Prozent) attestierten die Ärztinnen diverse Defizite. 428 hatten Probleme, sich deutlich zu artikulieren, 284 mangelte es an grammatikalischen Kompetenzen, 56 zeigten Schwächen bei der Hörverarbeitung. „Einige Kinder waren hier gleich in mehreren Bereichen auffällig“, so Ahlers.

Diese Probleme setzen sich hinsichtlich der Sprachkompetenz fort. 253 der untersuchten Mädchen und Jungen (16 Prozent) offenbarten leichte Unsicherheiten im Umgang mit der deutschen Sprache, bei 134 (8,4 Prozent) waren die Defizite erheblich. Und das betraf bei Weitem nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund.

Anteil verhaltensauffälliger Kinder wächst tendenziell

Tendenziell wachsend ist unterdessen der Anteil von verhaltensauffälligen Erstklässlern. Ihr Anteil stieg von 9,6 Prozent im Jahr 2016, als 2468 Schulanfänger untersucht worden waren, auf 17,7 Prozent. „248 hatten Probleme im emotionalen Bereich, 59 im sozialen Verhalten, 41 in der Interaktion mit Gleichaltrigen“, berichtete Ulferts. Hier liege inzwischen ein therapeutischer Schwerpunkt.

Nicht minder bedenklich ist mit 169 (10,7 Prozent) die steigende Zahl von übergewichtigen Schulanfängern. Drei Jahre zuvor lag ihr Anteil noch bei 6,5 Prozent. Bei 188 Kindern (11,8 Prozent) zeigten sich Koordinationsstörungen, bei 258 (16,3 Prozent) visuomotorische Auffälligkeiten. 170-mal empfahlen die Ärztinnen eine regelmäßige sportliche Betätigung.

Bei jedem zehnten Kind besteht Förderbedarf

Angesichts der aufgezeigten gesundheitlichen Störungen umfangreich sind die therapeutischen Maßnahmen, die viele Mädchen und Jungen schon vor Eintritt in ihre Schullaufbahn benötigen. 367 (23,3 Prozent) waren zum Zeitpunkt der Schuleingangsuntersuchung in logopädischer Behandlung oder hatten sie bereits abgeschlossen, 86 wurde sie angeraten. 205 (12,9 Prozent) erfuhren ambulante oder teilstationäre Heilmaßnahmen, 327 (20,7 Prozent) waren in physiotherapeutischer, 134 (8,5 Prozent) in ergotherapeutischer Behandlung.

„Entsprechend hoch war auch der festgestellte Förderbedarf bei vielen Erstklässlern“, sagt Edith Ulferts. Bei 158 (10 Prozent) aller Mädchen und Jungen sei aus schulärztlicher Sicht ein mäßiger Förderbedarf konstatiert worden, bei 76 (4,8 Prozent) sogar ein hoher. 2016 lagen die Anteile noch bei 6,5 und 1,2 Prozent. Bei 112 Kindern lag der Schwerpunkt im Sprachbereich, bei 71 in der sozial-emotionalen Entwicklung, bei 26 in der Motorik. „Es gibt aber auch Kinder, die gleich mehrere Förderschwerpunkte haben“, so Ulferts.

Statistik für 2020 kommt coronabedingt später

Viele Eltern haben mit ihren Kindern laut erhobener Daten in der Vorschulphase regelmäßig und verantwortungsbewusst die Vorsorgeuntersuchungen 1 bis 9 wahrgenommen. Hier stellten die Mediziner erfreuliche Quoten zwischen 95,9 und 98,7 Prozent fest. Das zumindest hat offenbar weder mit dem Familienstatus, noch mit dem Bildungsgrad der Eltern zu tun.

76 Prozent der Erstklässler lebten 2019 in einem Haushalt mit Mutter und Vater, 10 Prozent mit nur einem Elternteil. 41 Prozent der Mütter und 39 Prozent der Väter hatten Abitur, 28 und 24 Prozent einen Realschul- sowie 6 und 8 Prozent einen Hauptschulabschluss. 23 und 27 Prozent wollten dazu keine Angaben machen.

„Coronabedingt wird es diese Statistik für 2020 und 2021 erst zu einem späteren Zeitpunkt geben“, so Edith Ulferts.

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