Prozess

Messerangriff in Grönwohld: Anklage wegen Totschlags

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Lutz Kastendieck
Polizeibeamte hatten den Spielplatz in Grönwohld mehrfach abgesucht, auf dem ein 22-Jähriger aus dem Ort erstochen worden ist.

Polizeibeamte hatten den Spielplatz in Grönwohld mehrfach abgesucht, auf dem ein 22-Jähriger aus dem Ort erstochen worden ist.

Foto: René Soukup

Ein 21-Jähriger muss sich ab 26. April für das Verbrechen verantworten, bei dem im Herbst 2020 ein 22-Jähriger getötet wurde

Grönwohld.  Die Bluttat im Herbst vergangenen Jahres hatte die Menschen in Grönwohld bis ins Mark erschüttert. Auf einem Spielplatz mitten in der 1510 Einwohner zählenden Gemeinde war am Nachmittag des 22. Oktobers der leblose Körper von Mohamed C. (22) gefunden worden. Fünf Tage später nahmen Beamte der Mordkommission einen 21-Jährigen unter dem dringenden Tatverdacht fest, das Opfer „vorsätzlich und heimtückisch“ umgebracht zu haben. Nach sechs Monaten intensiver Ermittlungsarbeit wird die Staatsanwaltschaft nun Anklage „wegen Verdachts des Totschlags“ erheben. Damit droht dem Angeklagten Freiheitsentzug zwischen fünf und 15 Jahren. Die Hauptverhandlung vor dem Landgericht Lübeck soll am Montag, 26. April, beginnen. Anberaumt sind sechs Tage.

Die beiden Männer waren bestens miteinander bekannt

„Beide Männer waren in Grönwohld wohnhaft und miteinander bekannt“, sagte Oberstaatsanwältin Ulla Hingst unserer Redaktion. Die Staatsanwaltschaft gehe nach den vorliegenden Ermittlungen davon aus, dass beide „ über gemeinsame Betäubungsmittelgeschäfte in Verbindung standen“ und eine gemeinsame geschäftliche Betätigung im Bereich des Baugewerbes planten. Wie genau sich letztere gestalten sollte, habe bislang jedoch nicht aufgeklärt werden können.

Die grausige Tat hat sich nach bisherigem Erkenntnisstand bereits am 21. Oktober, gegen 22 Uhr, ereignet. Die Ermittler gehen davon aus, dass sich der Angeklagte und der Geschädigte am Abend der Tat verabredet hatten. „Im Verlaufe des Treffens soll der 21-Jährige das Opfer dann durch einen Schlagring mit ausklappbarer Klinge mit einer Vielzahl von Messerstichen in den Rücken, den Nacken und in Richtung des Kopfes verletzt haben“, so Hingst. Laut Obduktionsbericht der Gerichtsmediziner ist Mohamed C. am Tatort verblutet.

Mobiltelefone des Angeklagten und des Opfers ausgewertet

Trotz intensiver Suchaktionen konnte die Tatwaffe bis heute nicht gefunden werden. Bei einer Durchsuchung der Wohnung des Beschuldigten sind zwar verschiedene Messer sichergestellt worden, die jedoch alle als Tatwaffe ausgeschlossen werden konnten. Daraufhin hatten Sondereinsatzkräfte tagelang Bushaltestellen, öffentliche Abfallbehälter, Gullyeinlässe, Vorgärten, Garagen- und Carportdächer durchsucht. Laut Oberstaatsanwältin Hingst seien dabei unter anderem Metalldetektoren zum Einsatz gekommen. Zudem haben Taucher mehrere Teiche und einen Bach im Umfeld des Tatorts abgesucht.

Hinweise auf das Geschehen in der verhängnisvollen Nacht erhielten die Ermittler offenbar durch die Auswertung der Mobiltelefone des Angeklagten und des Opfers, die beide sichergestellt werden konnten. Weitergehende Informationen wollte die Staatsanwaltschaft „zum Schutze der Ermittlungen“ allerdings nicht preisgeben.

Keine Hinweise auf Beteiligung weiterer Personen

Auf Nachfrage unserer Redaktion sind die Ermittler indes von einem Einzeltäter ausgegangen, der Mohamed C. getötet habe. Der seit seiner Festnahme in Untersuchungshaft sitzende 21-Jährige gilt bisher als einziger „dringend“ Tatverdächtige. Für eine Beteiligung weiterer Personen habe es keinerlei Hinweise gegeben.

Warum das Treffen der beiden jungen Männer einen solch verhängnisvollen Verlauf nahm, darüber gibt es nach wie vor keine Angaben. Bereits frühzeitig sind unterdessen, unter anderem in den sozialen Netzwerken, Spekulationen laut geworden, das Tötungsverbrechen könne im Zusammenhang mit Drogengeschäften stehen. Diese Mutmaßungen sind durch das jüngste Statement der Staatsanwaltschaft nun indirekt bestätigt worden.

Tatort ist als Umschlagplatz für Drogen bekannt

Abendblatt-Recherchen zufolge gehört der Tatort hinter der Grönwohlder Edeka-Filiale bereits seit Längerem zu den einschlägig bekannten Plätzen für den illegalen Drogenhandel im Amt Trittau. Von denen es, vor allem in der Gemeinde Trittau selbst, ein halbes Dutzend geben soll. Dazu gehören unter anderem der kleine Park am Friedhof, das Umfeld des Mühlenteichs, der Containerstandort am Schützenplatz, die Waldstraße parallel zur ehemaligen Bahntrasse und ortsnahe (Rast-)Plätze am Rande der Hahnheide. Das haben mehrere Befragte unabhängig voneinander bestätigt.

Immer wieder führten intensive Observationen Beamte der Drogenfahndung in die 9000-Einwohner-Gemeinde. Zuletzt erst wieder Anfang Dezember 2020, als es zu einer Festnahme in einem Wohnhaus im Gewerbegebiet Trittau kam, das nur wenige Kilometer vom Tatort im benachbarten Grönwohld entfernt liegt. 2017 war es zu einem weiteren Zugriff gekommen, als das SEK in Trittau einen 29-Jährigen festnahm. In seinem Rucksack fanden sich etwa 400 Gramm Kokain sowie rund 50.000 Euro. Anschließend hatten Beamte seine sowie zwei weitere Wohnungen durchsucht und weitere Drogen sichergestellt.

Bürgermeister spricht von „Gefühl der Ohnmacht“

Grönwohlds Bürgermeister Ralf Breisacher (CDU) hatte sich nach dem Tötungsverbrechen in seiner Gemeinde tief betroffen gezeigt. Dass nach der grausamen Bluttat nun auch noch ein junger Mann aus dem Ort als Hauptverdächtiger gelte, hinterlasse „ein beklemmendes Gefühl der Ohnmacht“, sagte er unserer Redaktion. Das nehme Grönwohld viel von seiner gewohnten Idylle, „das Bullerbü-Gefühl“ sei erst einmal dahin. Das Dorf war republikweit durch die NDR-Kultserie „Neues aus Bütterwarder“ bekannt geworden.

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