Corona-Pandemie

Stormarner Sportvereine verlieren jede Menge Mitglieder

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René Soukup
Joachim Lehmann ist hauptamtlicher Vorstandschef des TSV Glinde. Er blickt trotz aller Widrigkeiten optimistisch in die Zukunft.

Joachim Lehmann ist hauptamtlicher Vorstandschef des TSV Glinde. Er blickt trotz aller Widrigkeiten optimistisch in die Zukunft.

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Besonders hart von Corona ist der TSV Glinde betroffen. Er verlor binnen eines Jahres 15,2 Prozent seiner Mitglieder.

Glinde.  Personal in Kurzarbeit, fehlende Einnahmen und kein Wettkampfbetrieb: Die Corona-Pandemie macht Sportvereinen schwer zu schaffen. Besonders hart betroffen ist der TSV Glinde. Er verzeichnet kreisweit in absoluten Zahlen den höchsten Mitgliederschwund: von 2995 auf 2540 binnen zwölf Monaten. Das ist ein Minus von satten 15,2 Prozent. Die Zahlen werden immer zu Beginn eines Jahres erhoben. Bei Stormarns größtem Verein, dem Ahrensburger TSV, fiel der Verlust mit 7,7 Prozent geringer aus. Es gibt aber auch solche, die dem Trend trotzen.

Joachim Lehmann ist hauptamtlicher Vorstandsvorsitzender des TSV Glinde. Der 64-Jährige sagt: „Betriebswirtschaftlich ist das alles eine Katastrophe.“ Und damit meint er nicht nur die Kündigungen. Geld generiert der TSV auch durch Kurse wie zum Beispiel Kinderschwimmen, Tanzen, Wassergymnastik und orthopädische Reha. All diese Angebote fallen derzeit aus.

Und auch die fünf Tennishallenplätze konnten nur eingeschränkt vermietet werden. Das Defizit in der Wintersaison beträgt allein hier 25.000 Euro. Bei den Mitgliedsbeiträgen fehlen laut Lehmann im Vergleich zu 2019 rund 40.000 Euro. Insgesamt habe man 100.000 Euro weniger Einnahmen als erwartet. Und in den vergangenen drei Monaten hat sich die Lage auch nicht verbessert.

TSV Glinde hatte sich mit Bau eines Hotels übernommen

Abgefedert wird die finanzielle Schieflage durch die Soforthilfe des Landes. Für 2020 und 2021 bekommt der TSV jeweils 45.000 Euro Unterstützung. „Wir müssen auf die alten Mitgliederzahlen zurückkommen. Das wird ein Prozess sein und stufenweise geschehen“, sagt Lehmann. Er sei optimistisch und schaue nur nach vorne. Der Sportverein ist auf konstante Einnahmen angewiesen, hat noch rund 800.000 Euro Schulden abzuzahlen.

In den 1990-er Jahren hatte sich der TSV mit dem Bau des TanzCentrums und des Hotels übernommen. Als die Pachtzahlungen des Betreibers 1997 ausblieben, stand der Verein kurz vor dem Aus. Er verkaufte die Immobilien. Das war vor Lehmanns Zeit. Der Sportexperte steuert die Organisation seit mehr als einem Jahrzehnt und brachte sie mit Mitstreitern wieder auf Kurs. Für die Nutzung des TanzCentrums zahlt der TSV übrigens jeden Monat 7000 Euro Miete.

Die Schulden können laut Lehmann trotz der Widrigkeiten wie geplant abgebaut werden. Einige Abteilungen verzichten das zweite Quartal in Folge auf Spartenbeiträge. „Wir haben auch soziale Härtefälle unter den Mitgliedern, denen muss man natürlich entgegenkommen“, so Lehmann. Bislang sei immer eine Lösung bei Problemen gefunden worden. Eine Beitragserhöhung schließt der Vorstandsvorsitzende aus.

Er berichtet von den meisten Mitgliederverlusten beim Tanzen, Turnen und im Jugend-Fußball. Schwerpunktmäßig seien es bis zu 14 Jahre alte Jungen und Mädchen, die dem TSV den Rücken gekehrt hätten. „In den Abteilungen haben wir ohnehin einen hohen Durchlauf, nur leider sind im vergangenen Jahr keine neuen Mitglieder dazugekommen.“ Besser sei es im Tennis gelaufen ob der Möglichkeit, im Sommer auf den Außenplätzen regelmäßig spielen zu können.

Judoka starten Training an der frischen Luft

Lehmanns zwei Verwaltungskräfte im Büro sind derzeit in Kurzarbeit. Das gilt ebenso für den hauptamtlichen Sportlehrer mit 20-Stunden-Stelle. Er leitet unter anderem die Wassergymnastik im Rehabereich. „Auch unsere sieben Tennistrainer waren davon betroffen, zwei wurden jetzt zurückgeholt, bieten Einzeltraining in der Halle an“, sagt der TSV-Chef, der jüngst einen Minijobber für die Öffentlichkeitsarbeit eingestellt hat. Die städtischen Hallen sind für den TSV derzeit nicht zugänglich. Deswegen sind die Tischtennisspieler ins Vereinsgebäude ausgewichen, schmettern nun hinter Lehmanns Büro im Spiegelsaal. Die Judoka werden mit dem Training nach Ostern an der frischen Luft beginnen. Not macht eben erfinderisch.

Dass der Verein kreativ ist, um seine Ziele trotz der Schulden zu erreichen, hat er beim Bau des Kunstrasenplatzes bewiesen, der im Juni 2015 eröffnet wurde. Es wurden mehr als 50.000 Euro an Spenden für Rasenpatenschaften generiert. Hierfür wurde das Spielfeld gedanklich in 1020 Parzellen aufgeteilt. Ab 30 Euro erhielt der Spender einen Platz und wurde auf Wunsch auf der Homepage genannt. Nicht zu vergessen das Sticker-Album mit Porträts aller Mitglieder der Fußball-Abteilung nach Panini-Art. So schraubte der Verein seinen Anteil auf 122.00 Euro. Das reichte, um das 590.000-Euro-Projekt umzusetzen.

Landesweit verlieren Sportvereine im Schnitt 4,73 Prozent ihrer Mitglieder

Angedacht ist schon seit Längerem der Umbau der Boxstätte zu einem Mehrzweckraum für 180.000 Euro. Auch wegen des Mitgliederschwunds ist eine Umsetzung in diesem Jahr nicht möglich. In Stormarn sind übrigens alle Vereine, die Anfang 2020 mehr als 2000 Mitglieder hatten, geschrumpft. Es gibt trotz Corona aber auch Gewinner unter den größeren Clubs: Der SSC Hagen Ahrensburg steigerte seine Mitgliederzahl von 1423 auf 1443. Der Willinghusener SC legte sogar um 17 Prozent zu, ist allerdings ein kleiner Verein mit nur drei Sparten, in dem jetzt 378 Personen aktiv sind.

In Schleswig-Holstein verloren die Vereine binnen eines Jahres im Schnitt 4,73 Prozent ihrer Mitglieder. Zwischen Nord- und Ostsee sind 2526 im Landessportverband organisiert.

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