Naturschutz

Streit um Grünfläche in Bargteheide eskaliert

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Lutz Kastendieck
So soll das kombinierte Geschäfts- und Wohnhaus an der Kreuzung Südring/Hamburger Straße in Bargteheide aussehen. Um den Erhalt der Waldfläche rechts wird gestritten.

So soll das kombinierte Geschäfts- und Wohnhaus an der Kreuzung Südring/Hamburger Straße in Bargteheide aussehen. Um den Erhalt der Waldfläche rechts wird gestritten.

Foto: Frank Karkow Grundstücksgesellschaft

Lichtung eines Landschaftswalls stößt auf heftigen Widerstand von Anrainern. Behörden finden den Eingriff vertretbar.

Bargteheide.  Nach zahlreichen ungenehmigten Kahlschlägen landauf, landab sah sich jüngst sogar Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) dazu veranlasst, über höhere Strafen bei unrechtmäßigen Waldrodungen nachzudenken. „Jeder illegal gerodete Baum bedeutet einen unwiederbringlichen Verlust an Natur und Lebensqualität“, sagt er.

Deshalb sollen die Dokumentationspflichten ausgeweitet und behördliche Kontakte intensiviert werden. „Offenbar sinkt die Hemmschwelle, forst- und naturschutzrechtliche Regeln zu brechen. Diesem Treiben muss dringend Einhalt geboten werden“, so Albrecht.

Aus Straßenbegleitgrün ist ein Wald erwachsen

In den vergangenen Monaten war es auch in Stormarn und im Herzogtum Lauenburg zu höchst umstrittenen Eingriffen in die Natur gekommen. Heftige Proteste zogen unter anderem umfangreiche Fällaktionen in Bargteheide, Oststeinbek und Aumühle nach sich. Ein weiterer Kahlschlag am Südring in Bargteheide konnte durch das Aufbegehren einer Anwohnerinitiative vorerst verhindert werden.

Dort sollte eine 1500 Quadratmeter große Waldfläche auf den Stock gesetzt werden. Durch die Onlinepetition der Initiative aufmerksam geworden, stellte die Untere Forstbehörde Anfang September 2020 fest, dass aus dem ursprünglich als Straßenbegleitgrün angelegten Terrain durch ausgebliebene Gehölzpflege in den vergangenen Jahrzehnten inzwischen ein Wald erwachsen ist.

Landschaftswall soll um 40 Prozent gestutzt werden

Das gilt auch für einen Teil des Landschaftswalls, der ursprünglich einen natürlichen Übergang von der unbebauten Brache an der Kreuzung Südring/Hamburger Straße zum Straßenbegleitgrün schaffen sollte. Der Wall ist nun zum großen Streitfall geworden, weil er als Schutzzone für ein Bauvorhaben des Investors Frank Karkow benötigt wird.

Der Projektentwickler aus Großhansdorf will auf der ehemaligen Acker-/Grünfläche das Projekt Südtor realisieren. Wie bereits berichtet, handelt es sich dabei um ein kombiniertes Gewerbe- und Wohnobjekt. Im Erdgeschoss sind auf 675 Quadratmetern Praxen und eine Bäckerei geplant. In den drei Etagen darüber sollen 20 bis 30 barrierefreie Wohneinheiten entstehen, darunter Mikroapartments mit 25 bis 30 Quadratmetern für Pflegekräfte, aber auch Wohnungen für Senioren und Familien.

Dem Investor leichtfertig Tür und Tor geöffnet

Um dem gesetzlich vorgeschriebenen Abstand zum östlich angrenzenden Wald von 30 Metern zu genügen, muss der Bewuchs des Landschaftswalls deutlich gestutzt werden. Investor Karkow will das, um das Baufenster auf seiner Vorhabenfläche optimal nutzen zu können.

Die Stadt will es, weil sie das markante Gebäude als südliches Entree Bargteheides goutiert. Und auch die Mehrheit des zuständigen Planungsausschusses hat letztlich für die erforderliche Maßnahme votiert.

Die Anwohner der nördlich angrenzenden „Blumensiedlung“ sehen das allerdings völlig anders. „Mit dem Verzicht auf einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan, den selbst das Innenministerium forderte, hat man dem Investor leichtfertig Tür und Tor geöffnet, praktisch alles nach seinem Gusto umzusetzen“, sagt Ulf Brügmann. Dass dafür nun auch eine wertvolle Waldfläche vereinnahmt werde, sei so unverständlich wie unnötig.

20-Meter-Abstand zum Südring nicht verhandelbar

Das findet auch seine Nachbarin Monika Wacker. Die jetzt von der Stadt und den Behörden ins Spiel gebrachte Lichtung des Walls um 40 Prozent sei für viele Anrainer kein Kompromiss. „Warum wird der Investor nicht aufgefordert, das Baufenster um einige Meter gen Westen zu verschieben?“, fragt Wacker.

Schließlich seien die angeblich vorgeschriebenen 20 Meter Abstand zum Südring beim Bau der Lidl-Filiale auf der anderen Straßenseite doch auch deutlich unterschritten worden.

Karkow sieht indes keinen Spielraum, die vorgelegten Planungen jetzt noch mal aufwendig zu modifizieren. „Ich habe schon zu viel Geld in dieses Projekt investiert und nach fünf Jahren öffentlicher Abwägung ein Recht darauf, dass es jetzt endlich vorangeht“, sagte er dieser Zeitung. Zumal am Abstand des Baufensters zum Südring als Teil der Landesstraße 89 laut Paragraf 29 des schleswig-holsteinischen Straßen- und Wegegesetzes nicht gerüttelt werden könne.

Gezielte Gerüchte, um Projekt in Misskredit zu bringen

Außerdem gebe es längst Einvernehmen mit der Stadt, dass die Waldumwandlung für den Landschaftswall beantragt wird, wie vom Planungsausschuss am 26. November vergangenen Jahres mehrheitlich beschlossen. Die Untere Forstbehörde und die Untere Naturschutzbehörde haben bereits ihre Zustimmung avisiert.

„Das besondere öffentliche Interesse an einer baulichen Nachverdichtung durch geplanten Wohnungsbau und die Etablierung von Einzelhandel ist eindeutig gegeben“, teilte Martin Schmidt, Sprecher der Forstbehörde, auf Anfrage dieser Redaktion mit. Deshalb sei die Waldumwandlung vertretbar.

Unterstellungen, Karkow habe die Lust am Projekt Südtor längst verloren und es sei ihm nur noch darum gegangen, den Wert des Grundstücks durch geschicktes Taktieren in die Höhe zu treiben, verwies der Investor ins Reich der Fabeln. „Das sind gezielt gestreute Gerüchte. Weil einige Anwohner partout nicht wollen, dass vor ihrer Haustür etwas Neues entsteht“, sagt Karkow. Deshalb würden immer neue, fadenscheinige Gründe gefunden, sein Projekt in Misskredit zu bringen.

Bauantrag soll noch in diesem Jahr gestellt werden

Inzwischen sei nun auch der Verweis auf eine Missachtung von Natur- und Umweltschutzbelangen entkräftet. Tatsächlich haben sowohl Untere Forstbehörde als auch Stadtverwaltung ausdrücklich bestätigt, dass der Wall nie eine „Bestimmung als Wald“ hatte und ihm demzufolge auch keine „Funktion als Lärmschutz“ zukam.

Für Frank Karkow ist damit rechtlich alles einwandfrei: „Zumal ja 60 Prozent des Bewuchses erhalten bleiben und die anderen 40 Prozent an anderer Stelle in doppeltem Umfang wieder aufgeforstet werden.“ Er hoffe, noch in diesem Jahr den Bauantrag stellen und spätestens im nächsten Jahr endlich mit dem Bau beginnen zu können.

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