Gestüt

Gnadenbrotpferde aus Delingsdorf suchen neuen Stall

| Lesedauer: 4 Minuten
Petra Sonntag
Frauke Klingels (50) und ihre 25-jährige Trakehnerstute Jean H müssen mit allen anderen Einstellern bis Ende Januar 2021 den Buchenhof in Delingsdorf verlassen. Die Kündigung trifft sie hart.

Frauke Klingels (50) und ihre 25-jährige Trakehnerstute Jean H müssen mit allen anderen Einstellern bis Ende Januar 2021 den Buchenhof in Delingsdorf verlassen. Die Kündigung trifft sie hart.

Foto: Petra Sonntag

Bis Ende Januar müssen die letzten zwölf Pferde den Buchenhof verlassen. Mitarbeitende des Stalls erhalten Kündigung.

Delingsdorf.  Fiona Klingels ringt um Fassung, wenn sie von der Kündigung erzählt, die sie vergangene Woche in ihrem Briefkasten fand. Der Delingsdorfer Buchenhof, wo ihre 25 Jahre alte Trakehnerstute Jean H seit November 2019 untergebracht war, beendete mit dem Schreiben das Mietverhältnis zum 31. Januar 2021.

„Das war für mich und die anderen elf Einsteller völlig unerwartet. Im Sommer hieß es noch, dass wir uns keine Sorgen machen müssten, unsere Rentner-Pferde dürften auf dem Hof bis ans Lebensende bleiben“, sagt die Todendorferin, für die ihr Pferd ein wichtiges Familienmitglied ist.

Die Pferde bildeten eine vertraute Herde auf dem Gestüt

Auch die Mitarbeitenden des Stalls haben ihre Kündigung erhalten. „Das kam für mich sehr überraschend“, sagt Melissa Hahn, die erst am 20. Oktober ihre 30-Stunden-Stelle als Pferdewirtin in Festanstellung antrat und nun wieder auf der Suche ist.

Der Buchenhof, für den das Vermieten von Stall- und Offenstall-Plätzen nach eigenen Angaben nicht mehr wirtschaftlich gewesen sei, will sich künftig ganz auf sein zweites Standbein, die Rinderzucht, konzentrieren. „Ich kann die Entscheidung aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehen, aber weder den Zeitpunkt noch die Art und Weise“, sagt Klingels, die gemeinsam mit den anderen Einstellern nun händeringend nach neuen Stallplätzen für die betagten und teils nicht mehr reitbaren Pferde sucht.

Die Pferde bildeten eine vertraute Herde auf dem Gestüt, das einst als renommierter Zucht- und Rennstall bekannt war. „Nun müssen wir mitten im Winter und in der Corona-Zeit mit starken Kontaktbeschränkungen für sieben Pferde Boxen und für fünf Pferde Offenstallplätze finden“, sagt die selbstständige Unternehmensberaterin, die selbst mit wirtschaftlichen Einbußen durch die Pandemie zu kämpfen hat.

Klingels selbst sucht für ihre Stute einen neuen Boxenplatz

Das Ende auf dem Buchenhof könne bedeuten, die harmonischen Herden trennen zu müssen, was für die Pferde schlimm sei, so die 50-Jährige. „Eine Eingliederung in neue Herden ist im Winter schwer und zudem gefährlich. Den Rangkämpfen auf den Böden und auf beengten Flächen, wo kein Gras mehr für Ablenkung sorgt, können unsere Pferde mit Vorerkrankungen an den Beinen nicht mehr gut standhalten.“ Die Gefahr von Verletzungen sei groß.

Sie selbst sucht für ihre Stute einen neuen Boxenplatz in der Nähe und hofft, dass dort mindestens noch ein weiteres der Buchenhof-Pferde mithinziehen kann. „Jean H hängt an der ganzen Herde und besonders an ihrer Boxennachbarin. Da diese noch eine Reitbeteiligung hat, die auf einen Standort in der Nähe angewiesen ist, und auch ich keine Zeit für lange Anfahrtswege habe, weil ich täglich mein Pferd versorgen muss, wäre es optimal, wir würden in der Nachbarschaft einen Stall mit genügend Auslauffläche finden, der noch freie Boxen hat“, sagt Klingels.

Hamburger Eigentümer starb im März am Coronavirus

Eine Verlängerung des Mietvertrags auf dem Buchenhof bis zum Frühjahr würde die Suche erleichtern, aber Betriebsleiter Markus Tittel winkt ab: „Der Stall war zuletzt nur noch halb besetzt, wir haben bewusst keine neuen Einsteller mehr hinzugenommen, weil sich das nicht gerechnet hat. Wir mussten für die laufenden Kosten immer einen erheblichen Betrag oben drauf legen.“ Tittel wird sich künftig mit nur noch einem Mitarbeiter um die Rinderzucht kümmern. „Die Stallgebäude werden wir für die Rinder nutzen. Die örtlichen Gegebenheiten sind dafür eher geeignet.“

Der überraschende Tod des Hamburger Eigentümers Claus Joachim Handreke, der im März am Coronavirus gestorben ist, hat vielleicht die Neuausrichtung des Buchenhofs mitbestimmt. Die Kaufmannsfamilie mit großem Immobilienbesitz sei auf die Einkünfte aus dem Stallbetrieb eigentlich nicht angewiesen, heißt es aus dem Umfeld. Fiona Klingels hofft nun auf einen neuen Stallplatz. Wer ihr helfen kann, schreibt eine E-Mail an: klingels.f@gmail.com.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Stormarn