Einkaufszentrum

Bargteheider Kaufleute fühlen sich von der Politik verraten

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Lutz Kastendieck
LDas Streitobjekt am östlichen Tor von Bargteheide: Die alte Famila-Filiale soll komplett abgerissen werden und drei neuen Märkten weichen.

LDas Streitobjekt am östlichen Tor von Bargteheide: Die alte Famila-Filiale soll komplett abgerissen werden und drei neuen Märkten weichen.

Foto: Manfred Giese

Nach der Entscheidung für ein neues Einkaufszentrum sind viele Einzelhändler aus dem Zentrum der Stadt fassungslos und enttäuscht.

Bargteheide.  Der Schock sitzt noch immer tief bei den Einzelhändlern im Stadtzentrum von Bargteheide. In der jüngsten Sitzung des Planungsausschusses hatten sich alle Parteien mit Ausnahme der Grünen für ein neues Einkaufszentrums im Gewerbegebiet Langenhorst ausgesprochen. Am Redder will die Kieler Unternehmensgruppe Bartels-Langness (Bela) nicht nur eine neue Famila-Filiale bauen, sondern auch noch zwei Fachmärkte und eine Tankstelle ansiedeln. „Das ist für uns ein Schlag ins Gesicht. Viele haben mit Fassungslosigkeit und Enttäuschung auf diese Entscheidung reagiert“, sagt Wolfgang Sarau, Vorsitzender des Rings Bargteheider Kaufleute (RBK), der 147 Mitglieder hat.

Einzelhandelsstruktur sei unnötig gefährdet

Im Zentrum der Kritik steht die CDU. Sie hatte sich noch kurz vor besagtem Ausschuss mit Bela-Vertretern im erst 2019 neugebauten Famila-Markt in Trittau getroffen. Dort habe man laut Ortsverbandschef Hans-Werner Harmuth ausloten wollen, welche Kompromisse bei dem umstrittenen Projekt möglich seien. „Dabei hat sich die CDU weit von dem entfernt, was sie selbst anfangs für richtig hielt und mit dem auch der RBK hätte leben können: einen modernen Famila-Markt mit 4000 Quadratmetern und eine Tankstelle“, so Sarau.

„Tatsache ist, dass die gewachsene Einzelhandelsstruktur Bargteheides damit ohne Not gefährdet wird“, sagt RBK-Sprecher Michael Willrodt. Es gebe bereits jetzt vier leerstehende Läden in der Innenstadt. „Mit dem neuen Einkaufszentrum wird die Position der Händler im Ortszentrum definitiv geschwächt. Unabhängig davon, welche Sortimente am östlichen Tor der Stadt letztlich angeboten werden“, ist Willrodt überzeugt.

Zweites Gutachten ist völlig ignoriert worden

In diesem Zusammenhang hat der RBK das Verträglichkeitsgutachten der Cima Beratung + Management GmbH kritisiert. „Das sah ganz nach einem Gefälligkeitsgutachten aus“, so Sarau. Es habe sich doch nur auf die Auswirkungen der Familia-Filiale beschränkt. Der Einfluss der Fachmärkte und der Tankstelle auf die zu erwartenden Kundenströme und den damit verbundenen Kaufkraftabfluss sei hingegen nicht analysiert worden.

„Da ist viel mehr Innenstadtrelevanz, als es die Cima und die Parteien darstellen“, sagt Willrodt. Der es zudem bezeichnend findet, dass das von Edeka Süllau in Absprache mit dem RBK in Auftrag gegebene Gutachten des namhaften Büros bulwiengesa in der entscheidenden Ausschusssitzung überhaupt keine Rolle mehr gespielt hat.

Die Experten für Standort- und Marktanalyse waren in ihrer Untersuchung zu viel höheren Werten hinsichtlich der Kaufkraftwirkung des Bela-Projekts und den zu erwartenden Umverteilungswirkungen gekommen als die Cima. Das Verdrängungspotenzial sei „deutlich unterzeichnet“, die Hauptwettbewerber müssten mit Einbußen von bis zu 13 Prozent rechnen.

RBK-Chef spricht von Glaubwürdigkeitsproblem

Etwa im Bereich Tierfutter. „Da gibt es bereits zwei Anbieter und auch alle Supermärkte und Discounter haben solche Produkte im Sortiment. Warum ist das angeblich nicht innenstadtrelevant?“, fragt Sarau. Das Gleiche gelte für den von fast allen Parteien gewünschten Baumarkt, auf den Bela aber als „Kompromissangebot“ verzichtet hat. „Hier fallen mir neben Gaycken und Holländer noch mindestens fünf, sechs weitere Läden, Handwerker und Dienstleister ein, die betroffen gewesen wären“, erklärt Sarau.

Kritisch zu hinterfragen sei laut Willrodt zudem, warum weder die Begrenzung neuer Einzelhandelsprojekte durch die Landesplanungsbehörde auf 5000 Quadratmeter, noch die von der Mehrheit des Ausschusses bereits 2019 mehrheitlich beschlossene Beschränkung auf 6000 Quadratmeter bei der jüngsten Entscheidung beachtet worden seien. Da frage man sich doch, was Beschlüsse der Kommunalpolitiker samt deren Beteuerungen, der Handel rund um die Rathausstraße dürfe nicht leiden, noch wert seien.

„Wer so verfährt, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem“, sagt RBK-Chef Wolfgang Sarau. Er könne sich vorstellen, dass das gewisse Parteien bei der nächsten Wahl zu spüren bekommen. Die Bargteheider seien in der Regel sehr treue Kunden und würden solch ein Verhalten sicher nicht so schnell vergessen.

Ahrensburg und Oldesloe als warnende Beispiele

„Der Zweikampf mit dem Onlinehandel ist für viele Händler schon hart genug. Da braucht es nicht auch noch einen Dreikampf, weil auf der grünen Wiese weitere Konkurrenz erwächst“, sagt Sarau. Zumal die Auswirkungen auf die Innenstadt in Ahrensburg und Bad Oldesloe bereits jetzt deutlich sichtbar seien.

„Die Umsätze der Händler gehen dort zurück und es siedeln sich unübersehbar immer mehr Billigläden an“, so Sarau. Deshalb wäre es seiner Ansicht nach richtig gewesen, für den Famila-Neubau und die Tankstelle zwar grünes Licht zu geben. Mit den beiden Fachmärkten jedoch zu warten, bis ein Einzelhandelsgutachten erstellt ist, das für mehr Klarheit sorgt.

Das Bela-Projekt:

Ursprünglich plante das Kieler Unternehmen Bartels-Langness (Bela) auf der Fläche am Redder im Gewerbegebiet Langenhorst eine neue Famila-Filiale und vier Fachmärkte auf insgesamt 10.750 Quadratmetern.

In einem Zwischenschritt verzichtete Bela auf die Ansiedlung eines Discounters und eines Blumenmarktes und reduzierte die zu bebauende Fläche auf 9100 Quadratmeter.

Nach anhaltenden Protesten vor allem der Händler im Zentrum sollen jetzt eine neue Famila-Filiale mit 4100 m2, ein Futterhaus-Fachmarkt und ein Möbelmarkt (je 1250 m2) sowie eine Tankstelle (50 m2) entstehen.

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