Standortsuche

Halb Stormarn ist für ein Atommüll-Endlager geeignet

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Harald Klix
Allein aus geologischer Sicht könnte ein Atommüll-Endlager – hier das Werk für schwach und mittel radioaktiven Abfall in Morsleben (Sachsen-Anhalt) – auch in Stormarn stehen.

Allein aus geologischer Sicht könnte ein Atommüll-Endlager – hier das Werk für schwach und mittel radioaktiven Abfall in Morsleben (Sachsen-Anhalt) – auch in Stormarn stehen.

Foto: picture allliance / dpa

Tonformation reicht von Reinbek über Ahrensburg, Trittau und Bad Oldesloe bis Reinfeld. Salzstock Siek wird nicht weiter untersucht.

Ahrensburg.  Etwa die Hälfte des Kreises Stormarn ist allein aus geologischer Sicht für ein Atommüll-Endlager geeignet. Der Bereich von Reinbek/Glinde/Oststeinbek und Barsbüttel im Süden über Ahrensburg, Großhansdorf, Lütjensee, Trittau und Steinburg bis nach Bad Oldesloe, Reinfeld und Heilshoop ganz im Norden findet sich auf der jetzt veröffentlichten Karte der Bundesgesellschaft für Endlagersuche (BGE) wieder.

Stormarn gehört zu 90 ausgewiesenen Teilgebieten

Ausgerechnet bei Siek ist dagegen ein ovaler weißer Fleck zu sehen: Der dortige Salzstock, über den schon 2017 öffentlich spekuliert worden war, wird nicht weiter untersucht.

Die Stormarner Fläche gehört zu einem der größten von 90 Teilgebieten, die der BGE-Zwischenbericht auflistet. Sie zählt zum Tertiären Tongestein, das von der Nordseeküste in Niedersachsen bis nach Brandenburg reicht. Dieses Areal umfasst rund 63.000 Quadratkilometer und ist damit gut 80-mal größer als der gesamte Kreis Stormarn mit seinen 766 Quadratkilometern.

Als Basis für Schleswig-Holstein dienten geologische 3-D-Modelle

Im Kompakt-Steckbrief zur Tonformation sind neun von elf Fachkriterien günstig. „Die Fläche des identifizierten Gebiets erscheint (...) ausreichend groß, um einen einschlusswirksamen Gebirgsbereich von zehn Quadratkilometern in einem Bereich ohne beeinträchtigende strukturelle Komplikationen im Deckgebirge zu realisieren“, heißt es. „Die Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien lässt daher insgesamt eine günstige geologische Gesamtsituation für die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle erwarten.“

Die Anforderungen erfüllen laut BGE in der jetzigen ersten Phase allerdings circa 54 Prozent beziehungsweise 194.000 Quadratkilometer des Bundesgebiets. Basis für Schleswig-Holstein waren geologische 3D-Modelle des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR).

Zur Fachkonferenz im Oktober können sich Bürger anmelden

„Im Moment ist das noch ein sehr grobes Raster“, sagt Dietrich Peters, Fachdienstleiter für Abfall, Boden und Grundwasserschutz in der Stormarner Kreisverwaltung. Interessant werde es nächstes Jahr. „Ab dann geht es darum, den Suchraum immer weiter einzugrenzen.“ Das sei ein langwieriges Verfahren mit Datenanalysen, oberirdischen Untersuchungen und Probebohrungen bis zum Bau von Erkundungsbergwerken. „Dafür sind zehn Jahre nicht viel“, sagt er mit Blick auf die für 2031 avisierte Entscheidung des Bundestags.

Zunächst gibt es Fachkonferenzen, die erste am 17./18. Oktober in Kassel. Im ersten Halbjahr 2021 folgen drei weitere Termine. Für die Online-Veranstaltungen können sich auch Bürger registrieren. „Mit der Veröffentlichung des Zwischenberichts kann nun eine breite öffentliche Beteiligung beginnen“, sagt die Südstormarner Bundestagsabgeordnete Nina Scheer (SPD).

Bei gleicher Eignung geht es auch um die Besiedlungsdichte

„Der Prozess wird sich über Jahre hinziehen, wir werden ihn in Schleswig-Holstein konstruktiv begleiten“, sagt der Stormarner CDU-Kreisvorsitzende Tobias Koch. Der Ahrensburger, der auch Fraktionsvorsitzender im Landtag ist, kann sich nicht vorstellen, dass am Ende eine dicht besiedelte Region wie das Hamburger Umland übrig bleibe. Tatsächlich verweist auch die BGE darauf, dass beim Vergleich von geologisch genauso gut geeigneten Standorten Aspekte wie Besiedlungsdichte, Naturschutz- und Wasserschutzgebiete oder Kulturdenkmäler zum Zug kämen.

Der Sieker Bürgermeister Andreas Bitzer (CDU) kann die weitere Diskussion auf jeden Fall noch gelassener verfolgen, als er es bisher getan hat. „Es ist schon spannend, das unser Salzstock in Stormarn als Erstes genannt wurde und wir nun als Erstes raus sind“, sagt er. Das sei für die Menschen im Ort und in der Umgebung sehr beruhigend. Persönlich habe er ohnehin nicht erwartet, dass der Salzstock in die engere Wahl kommen könnte.

Umweltschützer sahen Siek schon als „neues Gorleben“

Umweltschützer hatten genau dies befürchtet und Anfang 2018 eine Arbeitsgruppe gegründet. „Siek – Das neue Gorleben?“ war die Frage beim ersten Info-Abend mit der Anti-Atomkraft-Organisation „.ausgestrahlt“ und rund 80 Teilnehmern.

Eine konstruktive Rolle im schwierigen Prozess der Standortsuche wollen die Stormarner Grünen übernehmen. „So bitter dies für uns auch ist“, sagt der Kreisvorsitzende Benjamin Stukenberg aus Ahrensburg. Schließlich sei die Partei schon immer gegen Atomkraftwerke gewesen, gerade auch wegen des radioaktiven Mülls, der nun für Hunderttausende Jahre entsorgt werden muss. „Dabei ist nach rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten vorzugehen“, sagt Stukenberg. „Es dürfen weder aus politischen Gründen Standorte bevorzugt noch ausgeschlossen werden.“

Zum Atomausstieg gehört auch ein Platz für ein Endlager

Für Landesumweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) ist die Karte eine „wichtige erste Etappe“. Die Landesregierung wolle den Atomausstieg vollenden. „Und dazu gehört auch, ein Endlager für die hoch radioaktiven Abfälle zu finden, die bis heute auch in den schleswig-holsteinischen Zwischenlagern in Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel stehen.“

Dass es geeignete Gebiete in Schleswig-Holstein gebe, sei grundsätzlich nicht überraschend: „Es handelt sich um eine Art Inventur von Regionen, die nach bisherigen geologischen Erkenntnissen nicht von vornherein ausgeschlossen werden können.“ Dass Salzstöcke und Tonvorkommen als Potenzialflächen aufgeführt werden, sage noch nichts über ihre tatsächliche Eignung aus.

Interaktive Karte: www.bge.de/de/endlagersuche/zwischenbericht-teilgebiete/

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