Stormarn

Der Vorkämpfer für Kinderrechte sagt Tschüs

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Melissa Jahn
Ingo Loeding arbeitete seit 1983 für den Deutschen Kinderschutzbund in Stormarn. 

Ingo Loeding arbeitete seit 1983 für den Deutschen Kinderschutzbund in Stormarn. 

Foto: Melissa Jahn

Ingo Loeding, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Stormarn, übergibt „schönsten Job im Kreis“ an Nachfolgerin Stephanie Wohlers.

BARGTEHEIDE.  37 Jahre kämpfte er für die Rechte der Kinder in Stormarn. Jetzt geht der „Vater des Kinderhauses Blauer Elefant“, der Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in Stormarn, Ingo Loeding, in den Ruhestand. Sein Lebenswerk übergibt er an Stephanie Wohlers, die zuletzt den Bereich Frühförderung des Deutschen Roten Kreuzes in Harburg geleitet hat.

Loeding erlebte in Indien Armut, aber auch Solidarität

Die Welt gestalten und mit seiner Arbeit besser machen – dieser Satz habe Loeding schon in frühester Jugend angetrieben. „Ich konnte Ungerechtigkeit schwer ertragen“, sagt der 62-Jährige über die Anfänge seines Engagements. „Und in gewisser Weise wäre auch ich ein typisches Kinderhauskind gewesen, da mein Lebensweg nicht schnurgerade verlaufen ist.“ Loeding besuchte das Emil-von-Behring Gymnasium in Großhansdorf, wechselte aber bald auf die Realschule. Es folgte eine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann und ein detaillierter Karriereplan mit Ostasien im Fokus. Doch Loeding, der sein Elternhaus selbst als „belastet“ beschreibt, wollte lieber praktisch und mit Menschen arbeiten, begann eine Erzieherausbildung. „Um die Zeit zum anschließenden Studium zu überbrücken, habe ich beim Kinderschutzbund in Bargteheide angefangen“, so Loeding.

Bereits während eines Auslandsaufenthaltes in Indien erlebte Loeding Armut und soziale Unterschiede. Doch gleichzeitig sei das Leben dort von großer Solidarität geprägt gewesen. „Ich habe gesehen, dass vor allem die Menschen wichtig sind, die einen umgeben“, sagt er. „Das Miteinander dort hat mich nachhaltig beeindruckt.“

Kinder und Jugendliche mit offenem Angebot erreichen

Auch beim Kinderschutzbund lernte er schnell, dass es weniger auf Noten als die persönlichen Stärken ankommt. 1983 gehört Loeding zu den ersten hauptamtlichen Mitarbeitern des erst drei Jahre alten Kreisverbandes, wurde zuerst Leiter des Kinderhauses in Bargteheide und 1994 dann Geschäftsführer des Kinderschutzbundes in Stormarn. „Wir haben das Konzept des Kinderhauses direkt als offenes Angebot gedacht“, erinnert sich Loeding an die Anfänge zurück. „Damit haben wir frühzeitig versucht, Kinder und Jugendliche zu erreichen, denen es nicht so gut geht.“

Einfach vorbeikommen – so ist bis heute das Credo des Kinderhauses. Und es kamen viele. Fest dabei blieben diejenigen, die es dringend benötigten. Die sogenannten „Schlüsselkinder“, die mit schwierigen familiären Hintergründen – auch wenn Loeding diesen Ausdruck nicht gerne verwendet. Es war ihm stets ein Anliegen, eine Vertrauensbasis zu schaffen und damit auch die Eltern ins Boot zu holen. Nicht vorzuverurteilen, sondern das Positive sehen und stärken, das sei bis heute wichtigstes Erfolgsgeheimnis des Kinderschutzbundes und Teil seines christlichen Wertebildes. „Gewalt, Vernachlässigung und Missbrauch sind Themen, die wir als Auftrag verstanden haben“, so Loeding. „Besonders wichtig war es, den Begriff der Familien in besonders schwierigen Lebenssituationen zu entwickeln. Es kommt auf die schwellenlose Unterstützung an, Beziehungsangebote zu machen und den Menschen offen und wertschätzend gegenüberzutreten.“

Strukturelle Missstände fördern Gewalt in Familien

Bis heute ein wichtiges Handlungsfeld: die Rahmenbedingungen, in denen Familien leben. Denn eine beengte Wohnung oder mangelnde Partizipationsmöglichkeiten am sozialen Leben wirkten sich nachteilig auf die Kinder aus, strukturelle Missstände förderten Gewalt. Aus diesem Grund setzte Loeding von Beginn an nicht nur auf die Weiterentwicklung des Angebotes. Er kümmerte sich auch darum, dass seine Arbeit nach außen sichtbar wurde. „Die Grundpfeiler des Kinderschutzes professionell in unseren Aktionen aufgreifen und konsequent weiterentwickeln gehörte maßgeblich zu meinen Aufgaben dazu“, sagt der Vorkämpfer für Kinderrechte. „Es geht darum, politisch zu werden und sich einzumischen.“

Zunächst auf Spendenbasis, später mit Geldern der Jugendbehörden finanziert, wurden vielfältige Aktionen umgesetzt, die ohne zu stigmatisieren auf Kinderarmut hinweisen, darunter die Fähnchenaktion vor dem Ahrensburger Schloss. Weitere Beispiele für die Arbeit sind der Einsatz ehrenamtlicher Kinderbeauftragter im Kreis und den Kommunen, eine kreisweite Arbeitsgruppe „sexueller Missbrauch“, der Arbeitsbereich Frühe Hilfen, der Familienhilfe-Notfonds und die Stormarner Kindertage. Für bundesweit mehr als 50 Kinderhäuser des Kinderschutzbundes gilt das in Bargteheide immer noch als Referenzmodell.

Der Kinderschutzbund im Kreis hat 220 Mitarbeiter

Mit 70 festangestellten und 150 eh-renamtlichen Mitarbeitern hat sich der Kinderschutzbund Stormarn von einem kleinen lokal tätigen Verein längst zu einem mittelständischen Sozialunternehmen mit über 80 Angeboten für Eltern und Kinder entwickelt. Ein Verdienst, der in weiten Teilen Ingo Loeding angerechnet werden könne, sagt die Vorstandsvorsitzende Birgitt Zabel. Er habe eine Haltung transportiert, die den Kinderschutz weit nach vorne gebracht und auf stabile Beine gestellt habe. „Sein Ausscheiden ist ein bewegender Moment, da nicht nur der Geschäftsführer, sondern der Mensch Ingo Loeding geht.“

Den nach eigenen Angaben „schönsten Job im Kreis Stormarn“ übergibt Loeding nun an Stephanie Wohlers. Die 44-jährige Oldesloerin habe als studierte Psychologin viel mit Familien und Kindern gearbeitet und fühle sich gut gewappnet. „Ich wurde gut eingearbeitet und freue mich auf die vielfältige Aufgabe“, so Wohlers. „Mein Ziel ist es, Kinder für die Welt stark zu machen.“

Ingo Loeding wird dem Kinderschutzbund weiterhin als Armutsexperte erhalten bleiben.

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