Ahrensburg

Mobbing, harte Strafen: Was geschah in der Kita Schäferweg?

Der Eingang der Ahrensburger Kita Schäferweg. Träger der Einrichtung ist die Stadt Ahrensburg.

Der Eingang der Ahrensburger Kita Schäferweg. Träger der Einrichtung ist die Stadt Ahrensburg.

Foto: Petra Sonntag

Eltern klagen über unangemessen harte Strafen für Kinder. Auch Erzieherin sieht sich als Mobbingopfer. Behörden eingeschaltet.

Ahrensburg. Die Vorwürfe von Eltern wiegen schwer: In der Ahrensburger Kindertagesstätte Schäferweg sollen Kinder gedemütigt und unverhältnismäßig bestraft worden sein. Es herrsche zudem ein rüder Ton gegenüber Kindern und Eltern. Eine ehemalige Erzieherin der städtischen Einrichtung mit 130 Elementar- und Krippenplätzen sieht sich zudem als Mobbingopfer der Kita-Leitung. Weil sie mit ihrer Kritik bei der Stadt Ahrensburg als Träger auf taube Ohren gestoßen seien und den Verlust des Kita-Platzes hätten fürchten müssen, äußern sich diese Eltern erst jetzt auch öffentlich dazu.

Kita-Kind entwickelte „Anzeichen einer Traumatisierung“

Die Missstände sollen begonnen haben, nachdem Beate H. (Name geändert) als langjährige Erzieherin der Kita 2017 die Interimsleitung wegen einer Erkrankung der Kita-Leitung übernommen hatte. Das sagt Kerstin Meiners, die bis Juni noch ein Kind in der Kita hatte und von 2016 bis 2019 Elternvertreterin war. Die Atmosphäre in der Kita habe sich von jenem Zeitpunkt an negativ verändert. Die Leitung habe sich gegenüber Gesprächen und Lösungsvorschlägen verschlossen. Ihr Sohn, so Meiners, habe Angst vor Strafen entwickelt. Und sie spricht von „Anzeichen einer Traumatisierung“.

Auch Jenny Ohlsen, die 2017 den Elternbeiratsvorsitz der Kita übernahm und bis Sommer 2019 ihre Tochter hier betreuen ließ, prangert Missstände an. „Jeder Erzieher hat andere Regeln, an die sich die Kinder halten müssen“, sagt sie. „Die Kinder werden für falsches Verhalten oft an den Pranger gestellt.“ Und sie zieht einen schwerwiegenden Vergleich: „Die Methoden erinnern mich an die ehemalige DDR, wo ich groß geworden bin.“

Eltern befürchten Nachteile, wenn sie sich namentlich äußern

Mehrere Eltern wollten sich gegenüber unserer Redaktion nur anonym äußern, weil sie noch immer Nachteile für ihre Kinder befürchten. Die Namen sind der Redaktion bekannt. Auch eine ehemalige Erzieherin wandte sich in einem Schreiben an das Abendblatt. Was die Eltern beschreiben, mutet zumindest fragwürdig an: Wenn Kinder beim Essen mit dem Stuhl kippelten oder Quatsch machten, hätten sie im Stehen und ohne Besteck weiter essen müssen. Sie seien gezwungen worden, ihren Teller gegen ihren Willen leer zu essen. Als Strafe hätten sie allein in der Garderobe sitzen oder in andere Gruppen wechseln müssen. Und sie durften den Geburtstag anderer Kinder nicht mitfeiern.

Im März 2019 kommt es nach Angaben der Eltern zu einem Vorfall, der das Zeug hat, als „Toilettenaktion“ in die Annalen der Kita einzugehen: Nachdem ein Kind nach dem Stuhlgang nicht gespült hatte, seien alle Kinder seiner Gruppe dazu aufgefordert worden, an der Hinterlassenschaft zu riechen und sie sich genau anzuschauen – so lange, bis sich der Verursacher zu erkennen gebe. Mehrere Kinder hätten sich danach nicht mehr zur Toilette getraut.

Mutter schaltete die Heimaufsicht und das Jugendamt ein

Die Eltern beschwerten sich bei Erziehern, Leitung und dem Träger, der Stadt Ahrensburg. Deren Sprecher Fabian Dorow sagt: „Es hat klärende Gespräche dazu gegeben.“

Doch Jenny Ohlsen ist das als Mutter eines betroffenen Kindes nicht genug. Sie wendet sich an die Heimaufsicht der Kreisverwaltung, die über die Kitas in Stormarn wacht, und erstattet Anzeige beim Jugendamt in Bad Oldesloe wegen Kindeswohlgefährdung. Christian Restin von der Heimaufsicht sagt: „Ich war in die Vorgänge einbezogen und habe den Träger fachlich beraten. Außerdem wurde nach einigen Wochen ein Feedbackgespräch geführt. Der Träger ist aus meiner Sicht seiner Verantwortung nachgekommen.“

Methoden entstammen teils der Schwarzen Pädagogik

Das Jugendamt des Kreises sah in dem Vorfall keine akute Kindeswohlgefährdung, wohl aber „dringendes Veränderungspotenzial“. Das sollte vor allem von den Erziehern getragen werden, sagt Sabine Schmidt, Fachdienstleiterin Soziale Dienste beim Kreis. „Die Erzieherinnen haben aber alles abgestritten“, erinnert sie sich. „Für mich sah das nach Überforderung aus. Die angewandten Methoden entsprechen teils der Schwarzen Pädagogik. Wer so etwas gutheißt, gehört nicht in diesen Bereich.“ Als Schwarze Pädagogik bezeichnet die Wissenschaft repressive Erziehungsmethoden, die unter anderem auf Einschüchterung, Isolation und Demütigung gründen. Zuständig für die Klärung des Missstands sei hier die Fachaufsicht, so Schmidt, also der Fachdienst Kindertageseinrichtungen der Stadt Ahrensburg.

Die Beschwerden der Eltern haben indes keine personellen Konsequenzen. Eine neue Leiterin, die im November 2019 ihren Posten am Schäferweg antritt, verlässt bereits nach zwei Wochen ohne offizielle Erklärung wieder die Kita.

Nach Krankheit ist Erzieherin eigene Gruppe los

Eine andere ehemalige Erzieherin (Name der Redaktion bekannt) sagt, seit 2017 habe sich die Bildungsarbeit und die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Eltern verändert. Sie sei weiterhin auf die Eltern zugegangen, während die meisten ihrer Kollegen auf Distanz gegangen seien. Für Hilfestellungen, die sie den Kindern beim Toilettengang oder beim Zähneputzen gegeben habe, sei sie fortan gerügt worden. Ihre gestalteten Portfolios zu jedem betreuten Kind sollte sie auf Geheiß der Interimsleitung den Eltern nur noch als USB-Stick zur Verfügung stellen. „So wurde das Niveau heruntergedrückt“, sagt sie.

Die Erzieherin sei oft ins Büro der Leitung zitiert worden, ihre Kollegen hätten begonnen, sich von ihr abzuwenden. Als sie nach sechswöchiger Krankheit Anfang 2018 in die Einrichtung zurückkehren wollte, sei ihr von der Stadt Ahrensburg in einem gemeinsamen Gespräch mit der Kita-Leitung sowie zwei Kolleginnen eine Position als Springerin angeboten worden. Mit der von ihr betreuten Kita-Gruppe habe sie keinen Abschied feiern dürfen. „Ich hätte mir gewünscht, dass die Fürsorgepflicht seitens der Stadt mir gegenüber eingehalten worden wäre. Es gab weder Einzelgespräche noch eine zeitnahe Wiedereingliederung für mich“, sagt sie. „Heute ist mir klar, dass der Umgang mit mir schlechthin Mobbing genannt wird.“

Mutter hinterfragt Gründe der Kündigung

Die Erzieherin kündigt 2018 – und löst mit ihrem Weggang Elternprotest aus. In einem Offenen Brief, der der Redaktion vorliegt, fragt eine Mutter aus der betroffenen Gruppe im April 2018 nach den Gründen für die Kündigung. „Kann es sein, dass sich einige von Ihnen an ihrem Engagement und ihrer Beliebtheit gestört haben? Haben Sie sich möglicherweise selbst in Ihrer Arbeit in Frage gestellt gefühlt? In schlechteres Licht gerückt?“ Das hieße, Kollegen und Leitung hätten das, was herausrage, entfernt, damit das eigene Mittelmaß nicht auffalle. „Und dann könnte man von eindeutigem Mobbing sprechen“, so die Mutter. Aus ihrer Sicht arbeite das Team gegen die Eltern, nicht mit ihnen – und hätte zudem die Kollegin, der es offensichtlich schlecht gegangen sei, allein gelassen. Heute arbeitet die Erzieherin in einer anderen Einrichtung und sagt, sie habe mit der Zeit im Schäferweg abgeschlossen.

Auch Katrin Roth, die seit 2016 ihre Kinder in der Kita Schäferweg betreuen lässt und seit Juli 2019 im Vorstand des Elternbeirats arbeitet, würde gern mit der Vergangenheit abschließen. „Die Vorwürfe stammen von Eltern, die mit der Personalie nicht einverstanden waren. Es hat konstruktive Gespräche mit den Erziehern gegeben“, so Roth, die einräumt: „Die Kommunikation könnte besser sein, der Ton der Erzieher ist manchmal ein bisschen rüde.“ Ein Versagen der Interimsleitung sieht sie indes nicht, eher eines der Fachaufsicht: „Frau H. wurde als Interimsleitung eingesetzt, als nicht klar war, dass dieser Zustand jahrelang dauern würde. Die erkrankte Leiterin ging nach zweijähriger Krankheit direkt in Rente. Alles, was Frau H. für ihre neue Position als Leitung brauchte, hat sie sich selbst angeeignet und keine Schulungen erhalten.“

Stadt will sich zu Personalfragen nicht äußern

Beate H., die am 1. September die Kita-Leitung an René von Stockum abgegeben hat, sagt, sie dürfe sich zu den Vorwürfen nicht äußern. „Alles, was hier läuft, läuft über den Träger. Ich handele nur auf Anweisung. Und ich habe mir nichts vorzuwerfen.“

Zu Personalfragen will sich die Stadt aus rechtlichen Gründen nicht äußern. Nur so viel: „Wir haben über drei Ausschreibungen versucht, eine gute Leitung für die Einrichtung zu finden. Dass die Interimsleitung nicht optimal war, zeigt die Neubesetzung“, sagt der Sprecher der Stadt Ahrensburg. Katrin Roth sagt, sie habe den Offenen Brief von 2018 selbst nie zu Gesicht bekommen. „Der wurde auf Anweisung der Stadt ganz schnell wieder vom Infobrett entfernt.“ In ihrer Stellungnahme zu den Vorwürfen beteuert die Stadt, als Träger stets an der Qualitätssicherung zu arbeiten. Das haben Elternvertreter 2018 in einem Gespräch mit der Stadtverwaltung anders wahrgenommen: „Da hieß es: Um Qualität geht es uns schon lange nicht mehr. Seien Sie froh, dass Ihre Kinder noch betreut sind“, erinnert sich Kerstin Meiners.

Umfrage soll Zufriedenheit der Eltern messen

In Kürze will sich der Elternbeirat mit den Vorwürfen befassen. Katrin Roth hofft, auch die lang angestrebte Umfrage zur Elternzufriedenheit durchführen zu können. Daran scheint nun auch die Stadt interessiert: Zur Förderung jedes einzelnen Kindes bestehe ein besonderes Interesse an der Zusammenarbeit zwischen Erziehern und Eltern. „Ein gemeinsam weiterentwickeltes Qualitätsmanagement, das die Elternarbeit noch intensiver miteinbezieht, würde ein geeignetes Hilfsmittel sein, sowohl die Zufriedenheit der Kinder und Eltern als auch die des pädagogischen Personals messbar weiter zu steigern“, heißt es aus dem Ahrensburger Rathaus.

Die im Argument stehenden Vorwürfe deuten darauf hin, dass die Kita Schäferweg diese Hilfe dringend nötig hat. Der neue Kita-Leiter tritt offenbar ein schweres Erbe an.