Schleswig-Holstein

Ammersbeker Artenschutzprojekt: Nabu erstattet Anzeige

Neele Okens (UWA), Vorsitzende des Umweltausschusses, und UWA-Fraktionschef Gordian Okens vor dem neuen Schwalbenunterschlupf im Ammersbeker Ortsteil Hoisbüttel.

Neele Okens (UWA), Vorsitzende des Umweltausschusses, und UWA-Fraktionschef Gordian Okens vor dem neuen Schwalbenunterschlupf im Ammersbeker Ortsteil Hoisbüttel.

Foto: Filip Schwen

Der Unterschlupf für Rauchschwalben entstand auf Sandbienen-Kolonie. Laut Nabu verstoße er gegen das Naturschutzgesetz.

Ammersbek. Es sollte ein Projekt für den Artenschutz sein und hat nun Sanktionen wegen eines Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz zur Folge: Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist in Ammersbek Realität. Auf dem ehemaligen Bolzplatz der Grundschule Hoisbüttel ist im Frühjahr ein Unterschlupf für Rauchschwalben entstanden.

Nabu erstattet Anzeige wegen Sandbienen-Kolonie

Dabei übersah die Gemeinde jedoch eine Sandbienen-Kolonie, die durch das Bauwerk zerstört wurde. Ein Mitglied des Naturschutzbundes (Nabu) erstattete Anzeige.

Bei der Unabhängigen Wählergemeinschaft Ammersbek (UWA) sorgen auch die Kosten des Projektes für Unmut.

Rauchschwalben waren in Fabrikhalle heimisch

„Der Schwalbenunterschlupf ist als vorgezogene Ausgleichsmaßnahme für das abgerissene Betonwerk Feddern entstanden“, heißt es auf Abendblatt-Anfrage aus dem Ammersbeker Bauamt.

Die Deutsche Reihenhaus AG aus Köln möchte auf dem 6100 Quadratmeter großen Grundstück an der Hamburger Straße 61 unweit des neuen Schwalbenquartiers 19 Reihenhäuser bauen. Die Politik hat bereits grünes Licht für die vier Gebäude mit jeweils vier Wohneinheiten und ein Gebäude mit drei Wohneinheiten gegeben.

Rauchschwalben in Fabrikhallen heimisch

„Ein Gutachten hat ergeben, dass in den Fabrikhallen Rauchschwalben heimisch waren“, so eine Mitarbeiterin des Bauamtes. Die Überreste von fünf Nestern, drei tote Jungvögel und Kotspuren wurden laut Gutachten, das dem Abendblatt vorliegt, in dem Werk gefunden.

Die Rauchschwalbe, die bevorzugt in landwirtschaftlichen Gebäuden brütet, gilt in Deutschland als gefährdete Art. „Deshalb war nach dem Bundesnaturschutzgesetz eine Ausgleichsmaßnahme erforderlich“, so die Verwaltungsmitarbeiterin. Da die Vögel sehr ortstreu seien, habe für den Unterschlupf ein Standort in unmittelbarer Nähe gewählt werden müssen.

Planungsbüro und Biologe planten Unterschlupf mit

In dem von allen vier Seiten verschlossenen, zehn Quadratmeter großen Holzverschlag sind laut Bauamt zehn Kunstnester kurz unter der Decke angebracht. Durch eine etwa 30 mal 30 Zentimeter messende Öffnung in der Fassade gelangen die Vögel in den Unterschlupf. Einige Meter entfernt wurde zudem eine Lehmpfütze künstlich angelegt.

Sie soll den Schwalben Material für den Nestbau vorhalten. „Die Pfütze wird vom Hausmeister der Grundschule Hois­büttel regelmäßig bewässert“, so die Bauamtsmitarbeiterin. Das Gebäude sei in Zusammenarbeit mit einem Biologen und einem externen Planungsbüro speziell für die Bedürfnisse der Rauchschwalbe konzipiert worden, die Kosten habe der Investor getragen. Die Summe konnte die Verwaltung auf Abendblatt-Nachfrage nicht nennen.

Sandbienen sind besonders geschützte Insekten

Beim Ammersbeker Nabu sorgt die Artenschutzmaßnahme für Entsetzen. „Das Areal, auf dem der Schwalbenunterschlupf entstanden ist, war ein gesetzlich geschütztes Magerrasenbiotop mit hohem Insektenbestand und hätte nicht verbaut werden dürfen“, kritisiert die Vereinsvorsitzende Petra Ludwig-Sidow.

Auf der Wiese habe sich eine Kolonie von Sandbienen befunden, die nach der Artenschutzverordnung als „besonders geschützt“ geführt würden. „Die Kolonie wurde durch den Bau des Unterschlupfes zerstört“, so Ludwig-Sidow.

Die Umweltschützerin betont: „Wir haben der Verwaltung auf Nachfrage abgeraten und machten Alternativvorschläge für einen Standort. Trotzdem wurde das Gebäude aber auf dem Gelände errichtet.“ Nachdem die Holzhütte über den Niströhren der Bienen aufgebaut worden war, hätten einige Sandbienen noch versucht, daneben neu zu bauen. „Aber wenig Tage darauf wurde das Gebäude mit einer Kiesumrandung und einem großen Eingangspodest versehen, wodurch auch die neuen Nistbauversuche der Bienen zerstört waren“, so Ludwig-Sidow. „Die Verwaltung hat sich auf externe Planer verlassen und nicht auf ortskundige Naturschützer.“

Nabu bezweifelt Eignung des Unterschlupfs für Schwalben

Daraufhin habe ein Mitglied des Nabu Anzeige bei der Unteren Naturschutzbehörde erstattet. Der Verein bekam Recht und die Behörde verhängte Sanktionen gegen Ammersbek.

Bürgermeister Horst Ansén bestätigt das auf Abendblatt-Anfrage, sagt: „Wir müssen den Sandmagerrasen als Ausgleichsmaßnahme geringfügig erweitern.“ Zudem sei die Gemeinde verpflichtet, die Fläche zu pflegen, indem der Rasen regelmäßig ausgedünnt werde. So solle die Neuansiedlung von Sandbienen zu begünstigt werden.

Der Nabu bezweifelt darüber hinaus auch die Eignung des Unterschlupfes für die Rauchschwalben. „Er ist zu niedrig, zu dunkel und erinnert nicht im Entferntesten an eine Scheune“, sagt Diplom-Biologe Thomas Behrends. Die Einflugöffnung sei viel zu klein.

„Schwalben bevorzugen helle, weitläufige Brutplätze mit Platz zum freien Anflug“, sagt der Nabu-Experte. „Das Gebäude, das hier entstanden ist, erinnert eher an einen Gartenschuppen, es ist fachlicher Mumpitz“, bemängelt Behrends.

Folgekosten können noch nicht beziffert werden

Kritik an dem Bauwerk kommt auch aus der Politik. „Aus unserer Sicht ist das eine äußerst fragwürdige Artenschutzmaßnahme“, sagt Gordian Okens, Fraktionsvorsitzender der Unabhängigen Wählergemeinschaft Ammersbek (UWA). Das Bauwerk entwerte ein gemeindeeigenes Grundstück, das nun nicht mehr für eine andere Nutzung zur Verfügung stehe. Dabei sei eigentlich der Investor dazu verpflichtet, sich um ein Grundstück zu bemühen. „Und warum musste es genau mittig auf der Fläche platziert werden?“, fragt der Politiker mit Unverständnis.

Zudem habe sich die Gemeinde unkalkulierbare Folgekosten eingehandelt, indem sie sich verpflichtet habe, anstelle des Investors für den Unterhalt des Bauwerks zu sorgen. Die UWA plädiere deshalb für einen Rückbau des Unterschlupfes.

„Rauchschwalben sind Zugvögel, bei aller Ortstreue darf ihr räumliches Umfeld durchaus größer gefasst werden“, so Okens. Scheunen oder andere potenzielle Brutstätten gebe es im weiteren Umkreis genug. Das Bauamt weist die Kritik auf Abendblatt-Anfrage zurück. „Rein rechtlich gesehen hätte der Investor dazu verpflichtet werden können, neben Baukosten auch für Grundstück und Unterhalt aufzukommen“, heißt es. Dies wäre jedoch mit erheblichem Verwaltungsaufwand verbunden.

Die Gemeinde sei dann in der Pflicht zu überprüfen, ob der Investor den Auflagen nachkomme. Der Standort des Unterschlupfes sei von Experten ausgewählt worden, weil sich den Schwalben so die optimale Einflugschneise biete. Die Schwalben haben das neue Quartier allerdings bislang nicht entdeckt. Laut Bauamt ist es derzeit unbewohnt.

Die Rauchschwalbe

Die Rauschwalbe (Hirundo rustica) ist ein Singvogel aus der Familie der Schwalben. Charakteristisch für den 19 bis 22 Zentimeter langen Zugvogel sind die spitz zulaufenden Flügel und der gegabelte Schwanz. Das Gefieder ist am Kopf kastanienrot, an der Oberseite dunkelblau und an der Unterseite weiß mit einem dunkelbraunen Brustband.

Die Art ist in ganz Europa heimisch und brütet als Kulturfolger in Scheunen und Ställen. Ihr Nest baut sie aus Lehm, den sie in nahen Pfützen findet. Im September brechen die Vögel in ihre Winterquartiere in Nordafrika auf, im April kehren sie zurück.

Die Vögel ernähren sich von fliegenden Insekten wie Mücken und Fliegen, die sie auf Feldern und Wiesen jagen. Durch den Rückgang der Landwirtschaft und dörflicher Strukturen gibt es immer weniger Brutplätze, geht die Population der Rauchschwalbe zurück. In Deutschland steht sie auf der Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Brutvögel.