Astronomen

Wie Braak zum Maßstab für drei Königreiche wurde

Brunsbeks Bürgermeister Olaf Beber neben dem Steinquader, der den südlichen Messpunkt auf dem Feld im Ortsteil Langelohe markiert. Pfeiler sollen verhindern, dass er umgepflügt wird.

Brunsbeks Bürgermeister Olaf Beber neben dem Steinquader, der den südlichen Messpunkt auf dem Feld im Ortsteil Langelohe markiert. Pfeiler sollen verhindern, dass er umgepflügt wird.

Foto: Filip Schwen

Vor 200 Jahren vermaßen die namhaften Astronomen Schumacher und Gauß von der 1000-Seelen-Gemeinde aus Dänemark, Hannover und Preußen.

Braak. „Kaum jemandem ist die Bedeutung dieses Punktes heute bewusst“, sagt Olaf Beber. Brunsbeks Bürgermeister blickt auf den unscheinbaren Steinquader, der zu seinen Füßen inmitten eines Ackers an der Landesstraße 160 im Ortsteil Langelohe liegt. „Sieht man genau hin, lässt sich auf dem Block eine Gravur erkennen. „TP, für Trigonometrischer Punkt“, sagt Beber. Es ist der Ausgangspunkt der „Braaker Basis“, einer historischen Messlinie, benannt nach der nicht einmal einen Kilometer entfernt gelegenen Gemeinde. Jene Linie war es, die das 1000-Seelen-Dorf vor genau 200 Jahren im Wortsinn zur maßgebenden Größe für ganze Königreiche werden ließ.

Dänische König befahl Vermessung seines Reiches

Es war im September 1820, als gleich zwei namhafte Astronomen, der Leiter der Altonaer Sternwarte Heinrich Christian Schuhmacher (1780-1850) und sein berühmter Göttinger Kollege Carl Friedrich Gauß (1777-1855) in die Stormarner Provinz reisten und mit ihnen ein Tross aus Männern, Pferdekarren und allerlei astronomischem Messgerät. Der dänische König hatte befohlen, dass sein Reich vermessen werden sollte. Das Militär benötigte genaue Karten, die Behörden zur Einziehung der Steuern exakt definierte Grundstücksgrenzen.

Das Problem dabei: Ohne moderne Technologie war die Bestimmung großer Distanzen nicht exakt und nur unter großem Zeitaufwand möglich. Deshalb bedienten sich die Fachleute eines Tricks. „Man hat sich die geometrischen Gesetzmäßigkeiten von Dreiecken zunutze gemacht“, sagt Karl-Heinz Nerkamp, Vermessungsingenieur und stellvertretender Geschäftsführer beim Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung in Hamburg. Bei der Triangulation, einem Verfahren, das im 17. Jahrhundert in den Niederlanden entwickelt worden war, genügte es, eine einzige Strecke zu messen, die Basislinie.

„Die aus dem Schulunterricht bekannten trigonometrischen Formeln ermöglichen es, alle Seitenlängen von Dreiecken zu berechnen, sofern mindestens zwei Winkel und die Länge einer Seite bekannt waren“, erklärt Nerkamp das Verfahren. „Im Gegensatz zu großen Distanzen konnte man Winkel sehr genau bestimmen.“ Das Land sei dazu in ein Netz aus zusammenhängenden Dreiecken eingeteilt worden.

Eisenstangen wurden zur Vermessung aneinandergelegt

Nerkamp: „Die Ecken bildeten markante Punkte in der Landschaft, etwa Kirchtürme oder Berge. Wichtig war, dass die Eckpunkte eines Dreiecks in Sichtweite zueinander langen.“ 30 bis 50 Kilometer seien die Punkte voneinander entfernt gewesen. Mittels eines sogenannten Theodoliten, eines optisch-mechanischen Präzisionsinstrumentes, hätten die Fachleute dann die Winkel zwischen den Punkten vermessen.

Für die Vermessung der Basislinie war ein gut einsehbares, flaches Gelände ohne Hindernisse, große Höhenunterschiede, Wälder oder Moore nötig. Fündig wurde Schumacher schließlich bei Braak, das, wie ganz Schleswig-Holstein, damals zu Dänemark gehörte. Den Nullpunkt markierte Schumacher mit einem Steinfundament auf jenem Feld bei Braak, der Endpunkt liegt rund sechs Kilometer nordwestlich in Ahrensburg.

„Schumacher ließ über den beiden Punkten zwölf Meter hohe Gerüsttürme errichten, die aus der Entfernung angepeilt werden konnten“, sagt Nerkamp. Im September 1820 begann der Astronom mit den Messungen, zu denen auch Gauß anreiste. Nerkamp: „Gauß beabsichtigte, die Braaker Basis auch als Grundlage für die Vermessung des Königreichs Hannover zu verwenden, die ihm aufgetragen worden war.“ Karl-Heinz Nerkamp erklärt: „Um die Länge der Basislinie zu bestimmen, wurden etwa vier Meter lange Eisenstangen aneinandergelegt, deren Länge exakt bekannt war.“ Dabei seien die Fachleute äußerst genau vorgegangen: „Die Stangen wurden in Holz eingefasst, um sie zu isolieren. So sollte verhindert werden, dass sich das Metall durch Temperaturveränderungen ausdehnt oder zusammenzieht.“

In Braak waren die Arbeiten 1821 abgeschlossen

Auch berühren durften sich die Stangen nicht. „Sie sollten sich nicht gegenseitig anstoßen und so verschieben, daher ließ man einen wenige Millimeter breiten Spalt, der mit einem speziellen Keil gemessen wurde“, so der Vermessungsingenieur. „Es waren nur wenige Messstangen erforderlich, denn es wurde immer eine Stange hinten entfernt und anschließend vorne wieder herangelegt“, so Nerkamp. „Etwa 200 Meter schafften die Vermesser auf diese Weise am Tag.“

In Braak waren die Arbeiten im Herbst 1821 abgeschlossen. 5875,526 Meter lautete das Ergebnis. „Die Länge der Braaker Basis wurde auf die anderen Dreiecke hochgerechnet und so konnte man die Entfernungen zwischen ihren Eckpunkten exakt bestimmen“, sagt der Experte. „Wegen des enormen Aufwands wurde die Braaker Basis auch als Maßstab für die Landestriangulationen des Königreichs Hannover und später Preußens und der Hansestadt Hamburg genutzt“, sagt Nerkamp.

Noch bis in die 1950er-Jahre sei die Triangulation das maßgebliche Verfahren zur Landvermessung gewesen und auch in der Bundesrepublik nach 1945 zum Einsatz gekommen. Nerkamp: „Erst in den 1960er-Jahren ist die Triangulation zunächst durch elektronische Messverfahren und in den 1980er-Jahren dann durch die Zuhilfenahme von Satelliten abgelöst worden.“

Die Punkte werden auch heute noch genutzt

Heute erinnern nur noch die Markierungssteine an die Braaker Basis. Neben dem südlichen Quader in dem Feld bei Braak existiert auch der Stein am nördlichen Endpunkt noch. Er befindet im Garten von Horst Jonitz im Ahrensburger Stadtteil Siedlung Hagen. „Den Teil des Grundstücks mit dem Stein habe ich nur gepachtet, den möchte die Stadt nicht aus der Hand geben“, sagt der 71-Jährige. Nicht nur einige Fachleute, auch ein Professor mit seinen Studenten seien schon zu ihm gekommen, um den Steinquader zu sehen, erzählt Horst Jonitz. „Sogar ein Fernsehteam hat schon hier gedreht, mein Garten ist quasi eine echte Berühmtheit“, fügt der Senior hinzu.

Nebenbei erfüllen die beiden Markierungen auch weiterhin eine praktische Funktion. Nach Angaben des Landesamtes für Vermessung und Geoinformation Schleswig-Holstein werden die Punkte gelegentlich auch heute noch genutzt. Allerdings nicht mehr für die Vermessung mittels Eisenstangen, sondern als Kontrollpunkte für Messungen per Satellit.