Corona-Folgen

Weiterer Gastronomiebetrieb schließt für immer

Marcus Siggert vor dem Retana. Der 58-Jährige hatte das Geschäft 2007 eröffnet und auch durch Tapas-Abende mit Live-Musik immer mehr Kunden gewonnen.

Marcus Siggert vor dem Retana. Der 58-Jährige hatte das Geschäft 2007 eröffnet und auch durch Tapas-Abende mit Live-Musik immer mehr Kunden gewonnen.

Foto: René Soukup

Oststeinbek: Nach dem Gasthof Schwarzenbeck gibt auch das Weinkontor Retana auf. Der Umsatz war wegen Corona eingebrochen.

Oststeinbek.  Im größeren der zwei Räume fehlen einige Tische nach dem Räumungsverkauf, vor allem aber waren Pfannen und sonstiger Kleinkram nachgefragt. Der Küchenbereich ist hingegen noch mit reichlich Inventar bestückt, zum Beispiel dem Tresen und auch der Spülmaschine. Dort stehen jede Menge Getränkeflaschen mit unterschiedlichem Alkoholgehalt, einige sind noch nicht geöffnet, andere angebrochen. „Wir waren auf einem guten Weg“, sagt Marcus Siggert mit Blick auf die Geschäftsentwicklung bis Anfang dieses Jahres sowie den weiteren Plänen. Er hatte das Weinkontor Retana im Oststeinbeker Ortsteil Havighorst 2007 eröffnet und das Angebotsspektrum stetig ausgebaut. Dann kam Corona – und es ging bergab. Jetzt hat das Geschäft für immer die Türen geschlossen. Es ist die zweite Aufgabe eines beliebten Treffs an der Dorfstraße. Im Frühjahr hatte bereits der Gasthof Schwarzenbeck aufgegeben.

Gastronom belieferte über vier Wochen Kita-Kinder

„Wir haben alles versucht, um uns über Wasser zu halten“, sagt Siggert. Er hat in der Pandemie-Zeit einen Brot- und Brötchenverkauf installiert, die Ware selbst im Ofen gebacken. Dazu offerierte er Pizzen zum Abholen. Vor Ort wurden auch Nudeln in verschiedenen Varianten produziert und in Tüten verpackt. An manchen Tagen waren sie schnell vergriffen. Und während des Lockdowns lieferte das Retana über vier Wochen insgesamt 800 Mahlzeiten an Kita-Kinder und deren Eltern, konnte auch so Einnahmen genieren. Es war ein Projekt der Gemeinde und des Bürgervereins. „Ich hatte seinerzeit eine Sieben-Tage-Woche“, sagt der 58-Jährige.

Genutzt hat der ganze Aufwand nichts. Die Arbeit war nicht einmal kostendeckend. Allein bei den gebuchten Veranstaltungen beträgt der Umsatzverlust 65.000 Euro bis zum August. Auf 15 pro Monat kam das Weinkontor im Schnitt. Dazu gehörten Familien- und Weihnachtsfeiern, aber auch Tapas-Abende mit Weinverköstigung und Live-Musik.

Inhaber investierte mehr als 300.000 Euro in Laden

Angefangen in Havighorst hatte Siggert vor 13 Jahren als Großhändler. Er belieferte Restaurants mit spanischen Weinen und anderen Spezialitäten. Der mehr als 400 Quadratmeter große Laden war ursprünglich ein Lager. Der gelernte Industriekaufmann studierte auch und machte seinen Magister-Abschluss in Philosophie. Er arbeitete vor der Selbstständigkeit unter anderem als Presselogistiker und im Controlling bei Tchibo.

Siggert hat in das Retana mehr als 300.000 Euro investiert, ohne die Arbeitsstunden mit anzurechnen. Selbst die Wärmedämmung am Gebäude hat er als Mieter gemacht unter finanzieller Beteiligung des Eigners. Dafür hatte man eine günstigere Pacht vereinbart. Vor Kurzem wurde im hinteren Bereich der Küche neuer Boden verlegt für 1000 Euro.

Im Januar hatte Siggert Geschäftsführung abgegeben

Siggert hat in der Immobilie Räume mit Wohlfühlatmosphäre geschaffen, sich schickes Mobiliar zugelegt. Etwa einen Pinienschrank, der mehr als 1000 Euro gekostet hat und wie neu aussieht. Er ist jetzt für 150 Euro zu haben.

Niedergeschlagen wirkt der Wein-Experte nicht, wenn er über sein Retana redet. „Wenn ich mit etwas abgeschlossen habe, gibt es kein Hinterherweinen mehr.“ Diese Haltung sei ein Schutzmechanismus. In diesem Januar hatte Siggert die Geschäftsführung an Volker Studier abgegeben, wollte nur noch als Angestellter arbeiten. Seinen Einsatz fuhr er trotzdem nicht zurück, sagt: „Kunden waren schon fast Familie, einige sind Freunde geworden.“

Restaurant im Sportlerhaus stellte Betrieb 2019 ein

Der neue Chef sowie der Ex-Betreiber hatten vor Corona Pläne geschmiedet für eine Neuausrichtung. Sie wollten sich eigentlich ab April auf Veranstaltungen wie Schnitzelabende spezialisieren und vom klassischen Tagesgeschäft verabschieden. Siggert sagt, er habe auch beim Eigentümer der Immobilie zwecks weniger Monatsmiete angefragt, sei aber abgeblitzt. Eine andere Sache ärgert ihn allerdings noch mehr: „Wir haben Corona-Hilfe beim Bund beantragt und keine Antwort erhalten.“ Seine Wut darüber manifestiert sich in einem schon vor vielen Wochen an der Eingangstür angebrachten DIN-A-4-Blatt mit Fotos von Politikern. Zu sehen sind unter anderem Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (beide CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Über den Bildern steht „Wir müssen leider draußen bleiben“.

Das Gastronomie-Sterben in Oststeinbek hatte im März 2019 begonnen mit der Schließung des griechischen Restaurants im Sportlerhaus am Barsbütteler Weg. Einen Nachfolger gibt es noch nicht. In diesem Frühjahr gab mit dem Gasthof Schwarzenbeck nach 143 Jahren eine Institution auf. Einer der Gründe: Corona. Das Lokal, ein Familienbetrieb, wurde in sechster Generation geführt. Und wie geht es bei Marcus Siggert weiter? Selbstständigkeit ist kein Thema mehr. „Ich werde mir einen Job suchen, aber ganz bestimmt nicht in der Gastronomie“, sagt der Oststeinbeker.