Historische Persönlichkeiten

Ahrensburg diskutiert über Umgang mit „belasteten“ Namen

In Ahrensburg sind einige Straßen nach umstrittenen Personen benannt. Die Stadt will sie überprüfen lassen.

In Ahrensburg sind einige Straßen nach umstrittenen Personen benannt. Die Stadt will sie überprüfen lassen.

Foto: Thomas Jaklitsch

Die Schlossstadt will eine Kommission einsetzen, die nach historischen Persönlichkeiten benannte Orte überprüft. Kosten: 62.000 Euro.

Ahrensburg. Ist es noch zeitgemäß, in Ahrensburg eine Schimmelmannstraße zu haben? Und richtig, den größten Veranstaltungssaal der Stadt nach Alfred Rust zu benennen? Sollte es einen Waldemar-Bonsels-Weg geben? Mit diesen Fragen soll sich in der Schlossstadt eine neue Kommission beschäftigen. Das hat nun der Bildungs- und Kulturausschuss beschlossen. Er folgte damit weitestgehend einem Vorschlag der Stadtverwaltung. Dem voraus ging eine längere Diskussion über den Umgang mit den Namen von historischen Personen im öffentlichen Raum.

Das Thema Straßennamen beschäftigt viele Ahrensburger

Die Kommission soll alle nach solchen Personen benannten Straßen, Säle, Plätze und Einrichtungen sowie Denkmäler und Kunstwerke nach wissenschaftlicher Recherche bewerten. Dazu soll sie vorher Kriterien entwickeln. Sie gibt dann zu den relevanten Namen konkrete Empfehlungen ab, etwa ob eine Straße wegen der Vergangenheit ihres Namensgebers umbenannt werden sollte. Wichtig: Über die Kriterien und die Empfehlungen müssen letztlich die Stadtverordneten entscheiden.

Zu den Mitgliedern der Kommission gehören unter anderem Stadtarchivarin Angela Behrens, die die wissenschaftliche Recherche leiten soll, sowie Vertreter des Historischen Arbeitskreises Ahrensburg und des Runden Tisches für Zivilcourage und Menschenrechte.

Das Thema Straßennamen beschäftigt viele Ahrensburger, zahlreiche Leserbriefe dazu erreichten in den vergangenen Wochen das Abendblatt. Die Anlässe sind Anträge der Ahrensburger Grünen und des Leiters der Selma-Lagerlöf-Gemeinschaftsschule (SLG), Wolfgang Jakobi. Erstere wollten eine Kommission zu Straßennamen einberufen. Jakobi hatte angeregt, auf den neuen Hinweisschildern auf dem SLG-Gelände den Namen „Alfred-Rust-Saal“ nicht zu nennen. Dieser Saal ist ebenfalls auf dem Schulgelände. Beide Anträge wurden von der Stadtverwaltung in ihren Beschlussvorschlag aufgenommen.

SLG-Leiter Jakobi hatte Alfred Rust als antisemitisch bezeichnet

Das Für und Wider von einzelnen Straßennamen sorgte bei der Ausschusssitzung schon in der Einwohnerfragestunde für Wortbeiträge. So von Egbert Hupe, einem Anwohner der Schimmelmannstraße. Sie ist nach Graf Heinrich Carl von Schimmelmann benannt, der das Ahrensburger Schloss 1759 vor dem Verfall rettete, jedoch auch als Sklavenhändler tätig war. „Es ist eigentlich unhaltbar, in einer Straße mit so einem Namen zu wohnen“, sagte Egbert Hupe. „Schimmelmann war Sklavenhändler und Sklavenhalter, zudem Waffenhändler und Alkoholverkäufer.“

Dirk Müller-Brangs, erster Vorsitzender des Historischen Arbeitskreises Ahrensburg, ging auf das Ansinnen von Schulleiter Jakobi ein. „Wir als Arbeitskreis finden die Behauptungen von Herrn Jakobi dahergeholt, übertrieben und nicht belegt. Er möge zurückrudern“, sagte Müller-Brangs.

SLG-Leiter Jakobi hatte Alfred Rust in einem Brief an Bürgermeister Michael Sarach als antisemitisch und faschistisch bezeichnet. Der Archäologe Alfred Rust hatte in den 1930er-Jahren die Existenz von Eiszeitmenschen und Rentierjägern im Ahrensburger Tunneltal bewiesen. Er ist jedoch umstritten, weil er während des Nationalsozialismus Mitglied in der SS-Unterorganisation Deutsches Ahnenerbe und der Waffen-SS war.

Anträge der Grünen und von Schulleiter lösen Debatte aus

Wolfgang Jakobi wiederum stellte klar: „Ich fordere keine Umbenennung des Alfred-Rust-Saales.“ Ihm gehe es darum, dass Selma Lagerlöf nicht unvermittelt zusammen mit Alfred Rust genannt wird. „Dafür sind diese Persönlichkeiten zu verschieden.“ Er plädiere für verschiedene Hinweisschilder für Schule und Saal an unterschiedlichen Standorten. Dafür sprach sich am Ende auch der Kulturausschuss aus. Über den Namen „Alfred-Rust-Saal“ soll später bei der Überprüfung aller Namen durch die Kommission entschieden werden.

Bei der Diskussion der Ausschussmitglieder setzten sich vor allem die Grünen für die Überprüfung von Straßen- und anderen Namen durch eine Kommission ein. „Wir wollen eine sachliche und nüchterne Diskussion“, sagte Ausschussmitglied Cordelia Koenig. Anlass für den Grünen-Antrag seien der Brief von Schulleiter Jakobi, Nachfragen aus der Bevölkerung nach Straßennamen und die jüngste weltweite Rassismus-Debatte. „Wir brauchen eine grundsätzliche Lösung für die Zukunft“, sagte der Stadtverordnete Christian Schubbert. „Die Verwaltung muss bei Straßenbenennungen handlungsfähig sein.“

Bedenken und Gegenstimmen von SPD, WAB und FDP

Die CDU wollte die Namensbewertung allein durch Stadtarchivarin Angela Behrens statt durch eine Kommission vornehmen lassen. Davon rückte sie jedoch ab, als die Verwaltung klar stellte, dass die veranschlagten Kosten von rund 62.000 Euro dadurch nicht entfielen.

„Ich halte es für schwierig, historische Persönlichkeiten mit unseren heutigen geänderten Wertmaßstäben zu beurteilen“, sagte der SPD-Stadtverordnete Bela Randschau. „Wenn Straßen umbenannt werden, hat auch das gravierende Folgen für die Anwohner, die neue Adressen bekommen.

Ähnlich äußerte sich Peter Egan von der WAB. „Personen wie etwa Otto von Bismarck, nach dem eine Straße benannt ist, sind mit heutigen Maßstäben nicht zu bewerten. Und über Rust und Schimmelmann wurde schon ausreichend diskutiert.“ Zudem vermisse er die Beteiligung der Anwohner in dem Verfahren.

Gegen die Vorschläge der Verwaltung und der Grünen sprach sich auch die FDP aus. „Diese Ideen zum falschen Zeitpunkt belasten den Haushalt und das Personal der Stadt unnötig“, sagte Wolfgang Schäfer. „Wir sollten uns in Corona-Zeiten mit Hochdruck anderen brennenden Themen zuwenden, wie etwa der negativen Haushaltslage.“

Bürgermeister will sachlichen Umgang mit dem Thema

Bürgermeister Michael Sarach warb für die Verwaltungsvorlage und die Namensüberprüfung durch eine Kommission. „Wir können als Stadt frühzeitig ein Signal setzen und bei dem Thema rechtzeitig und sachorientiert tätig werden“, sagte er. Das Thema Straßennamen sei sehr emotionalisiert. „Wir können es nur sachlich angehen, wenn wir uns auf ein Verfahren verständigen, das akzeptiert wird.“

Der Beschlussvorschlag der Stadtverwaltung wurde schließlich mit den Stimmen von Grünen, CDU, Linken und größtenteils der SPD angenommen. Bela Randschau von der SPD enthielt sich der Stimme, dagegen waren WAB und FDP. Nun müssen noch der Bauausschuss und die Stadtverordnetenversammlung zustimmen. Es ist wahrscheinlich, dass sie dem Kulturausschuss folgen.