Umstrittene Personen

Ahrensburg will Straßennamen auf Prüfstand stellen

In Ahrensburg sind einige Straßen nach umstrittenen Personen benannt. Die Stadt will sie überprüfen lassen.

In Ahrensburg sind einige Straßen nach umstrittenen Personen benannt. Die Stadt will sie überprüfen lassen.

Foto: Thomas Jaklitsch

Rund 60  Wege und öffentliche Einrichtungen sind nach teils umstrittenen historischen Personen benannt. Kommission soll analysieren.

Ahrensburg. Rund 60 Straßen, Veranstaltungssäle und öffentliche Einrichtungen sind in Ahrensburg nach historischen Personen benannt. Die Stadtverwaltung schlägt vor, alle auf den Prüfstand zu stellen und die vollständigen Biografien der Namensgeber zu untersuchen und zu bewerten. Zu diesem Zweck ist eine Kommission geplant, der Stadtarchivarin Angela Behrens, Kultur-Fachdienstleiterin Petra Haebenbrock-Sommer, externe Historiker, Vertreter des Runden Tisches für Zivilcourage und Menschenrechte sowie des Historischen Arbeitskreises Ahrensburg und Politiker angehören sollen.

Schulleiter ist gegen Schilder mit dem Namen Alfred Rust

Die Idee: Die Namen sollen anhand eines noch zu entwickelnden Kriterienkatalogs in Kategorien eingeordnet werden, zum Beispiel „kein Handlungsbedarf“, „diskussionswürdig“ und „Handlungsbedarf“. „Die Ergebnisse werden den Stadtverordneten vorgelegt“, sagt Haebenbrock-Sommer. Sie müssten dann entscheiden, welche Straßen oder Einrichtungen wegen einer fragwürdigen Vergangenheit ihrer Namensgeber umbenannt werden. Die Politiker stimmen in der nächsten Sitzung des Bildungs-, Kultur- und Sportausschusses am Donnerstag, 3. September, über die Verwaltungsvorlage ab. Dieser liegen zwei Anträge zugrunde: von den Grünen und dem Leiter der Selma-Lagerlöf-Gemeinschaftsschule (SLG), Wolfgang Jakobi.

Wie berichtet, hatte der Rektor in einem Brief an Bürgermeister Michael Sarach gefordert, auf den neuen Hinweisschildern für den Alfred-Rust-Saal auf dem Schulgelände den Namen des Prähistorikers und Archäologen nicht zu nennen. Der Grund: Rust (1900-1983) ist umstritten, weil er während des Nationalsozialismus Mitglied in der SS-Unterorganisation Deutsches Ahnenerbe und von Wehr- und Kriegsdienst befreit war. Zudem trat er freiwillig in die Waffen-SS ein. Jakobi sagt: „Rust mag für die Region ein bedeutender Prähistoriker gewesen sein, aber seine Haltung war eindeutig antisemitisch und faschistisch.“

Grünen fordern Überprüfung sämtlicher Straßennamen

Die Stadt will den Namen des Saals nun eventuell zur Abstimmung stellen. „Die Verwaltung sieht hier zwei Möglichkeiten zum weiteren Vorgehen“, heißt es in der Vorlage. Entweder das Votum erfolge erst nach der Gesamtbewertung aller Personen oder die Stadtverordneten beschließen „in einer vorgezogenen Einzelfallentscheidung“, den Alfred-Rust-Saal in „Festsaal der Selma-Lagerlöf-Gemeinschaftsschule“ umzubenennen.

Die Grünen fordern in ihrem Antrag, eine Kommission zur kritischen Überprüfung sämtlicher Straßennamen einzusetzen. „Uns ist klar, dass es kaum einen Menschen gibt, der ohne Makel sein Leben meistert“, begründete Grünen-Politiker Christian Schubbert den Vorstoß im Abendblatt. „Wichtig ist aber, dass wir uns alle dieser Makel bewusst sind. Idealerweise sollten wir sie jeweils den Verdiensten gegenüberstellen und dann ganz in Ruhe entscheiden, ob eine Ehrung mit einem Straßennamen aus heutiger Sicht noch sinnvoll ist.“

Der Erfinder der Biene Maja war Antisemit

Als Beispiel nennen die Grünen Graf Heinrich Carl Schimmelmann, der das Ahrensburger Schloss 1759 vor dem Verfall rettete, später aber in den Sklavenhandel einstieg. Und Autor Waldemar Bonsels (1880-1952): Der Erfinder der Biene Maja war Antisemit, hatte eine Nähe zum Nationalsozialismus. Im Villenviertel ist zudem eine Straße nach dem preußischen Kriegsminister Albrecht von Roon (1803-1879) und nach Reichskanzler Otto von Bismarck benannt.

Die Verwaltung plädiert nun dafür, auch Säle, Plätze und Einrichtungen sowie Denkmäler und Kunst im öffentlichen Raum in die Analyse einzubeziehen. „Es muss alles angeschaut werden“, sagt Haebenbrock-Sommer. Möglicherweise gebe es in Ahrensburg auch Kunstwerke, die von einem fragwürdigen Künstler geschaffen wurden.

SPD-Fraktionschef steht Vorhaben positiv gegenüber

Sie rechnet damit, dass der Bewertungsprozess rund ein Jahr dauern wird. „Bei einigen Namen wird es wahrscheinlich schnell gehen, andere werden mehr Zeit benötigen“, sagt Haebenbrock-Sommer. Stadtarchivarin Angela Behrens soll den Plänen zufolge die Verantwortung für die wissenschaftliche Recherche tragen und für die Projektleitung eine Zulage in Höhe von 21.923 Euro erhalten. Zudem soll eine zusätzliche Stelle mit 20 Wochenstunden für das Stadtarchiv geschaffen werden. Insgesamt rechnet die Stadt mit Kosten von 62.308 Euro. Sie müssten über einen Nachtragshaushalt bereitgestellt werden. Haebenbrock-Sommer vermutet deshalb, dass die Analyse nicht vor 2021 starten wird.

SPD-Fraktionschef Jochen Proske steht dem Vorhaben grundsätzlich positiv gegenüber. Angesichts des hohen Aufwands und der Kosten plädiert er aber für eine gewisse Verbindlichkeit, was mit den Ergebnissen der Kommission geschieht. „In anderen Städten wurde teils jahrelang geforscht, und als das Resultat öffentlich bekannt wurde, gab es einen Aufschrei von Anwohnern und einige Politiker machten einen Rückzieher“, sagt Proske. Er wolle verhindern, dass in Ahrensburg alles in einer Schublade verschwinde. Zudem plädiert er dafür, die Bürger und insbesondere auch Schulklassen in den Prozess einzubeziehen und mitwirken zu lassen. Später könne er sich auch eine Ausstellung zu dem Thema vorstellen.

Wählergemeinschaft will alle Bezeichnungen beibehalten

Die CDU will sich laut Fraktionschef Detlef Levenhagen aktiv in dem Arbeitskreis einbringen. „Es ist gut, wenn wir uns einmal alles anschauen und diskutieren“, sagt er. Für die Sitzung des Bildungsausschusses wolle die Fraktion einen Ergänzungsantrag erarbeiten. Zum Inhalt könne er noch nichts sagen.

Die Wählergemeinschaft WAB würde das Thema dagegen „am liebsten begraben“ und alle Bezeichnungen beibehalten, wie Fraktionschef Peter Egan sagt. „Nach unseren heutigen Maßstäben waren fast alle Namensgeber Verbrecher“, sagt er. „Das Ergebnis kann nur ein Desaster werden.“ Er plädiert dafür, den jeweiligen Anwohnern die Entscheidung zu überlassen.