Lärmbelästigung

Darum gibt es so viele Landeanflüge über Stormarn

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Harald Klix
Flugzeuge beim Landeanflug auf den Flughafen Hamburg.

Flugzeuge beim Landeanflug auf den Flughafen Hamburg.

Foto: Andreas Laible / HA

Bürgerinitiative sieht Missachtung der Regeln am Airport Hamburg. Flugsicherung verweist auf Sicherheit und Verkehrslage.

Ahrensburg.  Im vergangenen Jahr sind in nahezu allen Nächten Flugzeuge aus Richtung Stormarn nach 22 Uhr und vor 7 Uhr auf dem Hamburger Flughafen gelandet. Die Bürgerinitiative für Fluglärmschutz in Hamburg und Schleswig-Holstein (BAW) sieht darin eine „systematische Missachtung der Bahnbenutzungsregeln“, so der Stormarner BAW-Sprecher René Schwartz.

Das seit den 1960er-Jahren geltende Regelwerk soll die Anzahl an Menschen, die von Fluglärm betroffen sind, reduzieren. Die Bahnbenutzungsregeln sind Teil des Luftfahrthandbuchs der Deutschen Flugsicherung (DFS), der Betriebsgenehmigung sowie der aktuellen Planfeststellung für den Hamburger Flughafen. In ihnen steht unter anderem, dass Landeanflüge in dem genannten Zeitraum aus Richtung Norderstedt erfolgen sollten.

Landungen sind in sieben Jahren aufs Vierfache gestiegen

„Die Regel wird seit Langem nur in einer Handvoll Nächten pro Jahr eingehalten“, sagt Schwartz. Das Problem habe sich verschärft. Im Jahr 2000 habe es in der fraglichen Zeit 566 Landungen aus Richtung Stormarn gegeben, 2017 seien es mit 2033 fast viermal so viel gewesen. Die Jets biegen meist im Raum zwischen Ahrensburg, Großhansdorf, Bargteheide, Elmenhorst und Jersbek auf den sogenannten Leitpfad ein.

Für René Schwartz, der seit 2017 der Hamburger Fluglärmschutzkommission (FSLK) angehört, steckt der Fehler im System. „Der bundesweite Flugplankoordinator vergibt für die jeweilige Zeit zu viele Slots an die Fluglinien“, sagt er. Am Beispiel Hamburg seien das maximal 48 Starts und Landungen pro Stunde. „Das lässt sich bei gegenläufigem Verkehr auf nur einer Piste aber gar nicht realisieren“, so Schwartz. Beim Wechsel von Start- und Landephasen müssten aus Sicherheitsgründen größere Pausen eingehalten werden. Somit wären für den Helmut-Schmidt-Flughafen 18 bis 24 Slots in der letzten und ersten Betriebsstunde die Obergrenze.

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Endgültige Entscheidung können die Piloten treffen

„Es wird deutlich, dass bei sehr hohem Verkehrsaufkommen der für die letzte und erste Betriebsstunde aus Lärmschutzgründen vorgesehene Gegenverkehrsbetrieb praktisch nicht durchführbar ist“, sagt Schwartz. Seine Forderung: Es dürfen nur noch so viele Slots vergeben werden, wie unter Einhaltung der Bahnbenutzungsregeln zu bewältigen sind. „Es darf nicht darum gehen, den Lärm auf andere Gebiete zu verteilen, sondern ihn zu reduzieren“, sagt Schwartz. Von weniger Flügen in den späten Abend- und frühen Morgenstunden profitierten alle Anwohner – von der direkten Nachbarschaft bis ins schleswig-holsteinische Umland.

Einen gegensätzlichen Kurs verfolgen Fluglärmgegner im Kreis Segeberg. Reimer Rathje, Fraktionschef der Wählergemeinschaft Wir in Norderstedt (WiN), will seit Langem, dass die Bahnbenutzungsregeln verändert werden, um den Lärm gerechter zu verteilen. Mehr Maschinen müssten über Hamburg abheben oder landen, weniger über Norderstedt. Nachdem am Freitag, 24. Juli, ein Kleinflugzeug von der Landebahn abgekommen war, behauptete Rathje sogar, dass der Tower die Präferenz der Richtung Norderstedt auch dann einhalten würde, wenn Sicherheitsgründe dagegen sprächen. Hinter diesem Verhalten stecke der Zwang, die Bahnbenutzungsregeln einzuhalten.

Oberverwaltungsgericht wies Klage aus Südwesten ab

Die Deutsche Flugsicherung wies die Vorwürfe „entschieden“ zurück. Der „konstruierte Zusammenhang“ zwischen dem von der Bahn abgekommenen Kleinflugzeug und der Bahnbenutzungsregel entbehre jeder Grundlage. DFS-Sprecher Christian Hoppe betont den gesetzlichen Auftrag, „den Verkehr sicher, geordnet und flüssig abzuwickeln“. In diesem Rahmen halte die Flugsicherung die Bahnbenutzungsregeln ein, die Ausnahmen explizit vorsähen. Ursachen können Windverhältnisse am Boden und in der Luft sowie die Verkehrslage sein. Die endgültige Wahl der Landebahn liege beim Piloten, und jede Airline habe andere Grenzwerte für Seitenwindkomponenten. „Diese Entscheidung kann der Lotse dem Piloten nicht abnehmen, da der Luftfahrzeugführer letztendlich die Verantwortung trägt“, so Hoppe.

„Bei der Wahl der Betriebspiste haben die Lotsen im Tower neben Stärke und Richtung des Bodenwindes weitere Faktoren wie Länge der Piste, Kapazität der Piste, Anflug-, Abflug- und Landehilfen, Verkehrsbedingungen und/oder Wettereinflüsse zu berücksichtigen“, sagt Hoppe. Wenn Piloten von starken Winden im Endanflug berichteten, könne auch dies zu einem Betriebsrichtungswechsel führen, obgleich der Wind am Boden einen anderen Betrieb möglich machen würde. Bestätigt sieht sich die DFS durch ein Urteil des Hamburgischen Oberverwaltungsgerichts vom September 2019. Die Richter hätten die Umsetzung der Bahnbenutzungsregelungen in vollem Umfang anerkannt. Die Klage zweier Anwohner aus Niendorf und Blankenese, dass das Vorranggebot für Starts und Landungen über Norderstedt missachtet wird, wurde abgewiesen.

Zahl der verspäteten Nachtflüge ist 2019 gesunken

Dass die Sicherheit im Luftverkehr oberste Priorität habe, betont auch die Flughafen Hamburg GmbH. Größte Einflussfaktoren seien Witterungsverhältnisse, Verkehrslage sowie Bauarbeiten. Die Fluglärmschutzkommission hat das Thema auch behandelt. Im Protokoll der 223. Sitzung steht: Die für die Tagesrandzeiten vorgeschlagene Beschränkung auf die Norderstedter Piste „sei daher insbesondere dann nicht strikt einzuhalten, wenn dies zu Verspätungen bei den Starts oder Landungen und damit zu Störungen bei der Verkehrsabwicklung innerhalb der regelhaften Betriebszeiten führte“. Die Zahl der verspäteten Nachtflüge (zwischen 23 und 24 Uhr) sank im Vorjahr von 1174 auf 678.

Drei wesentliche Regeln zum Lärmschutz

Das gekreuzte Bahnsystem des Hamburger Flughafens ermöglicht Starts und Landungen in alle vier Himmelsrichtungen. Die Lotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) geben die Piste vor. Priorität hat dabei die Sicherheit im Luftverkehr, insbesondere mit Blick auf Wind- und Bahnverhältnisse. Auf Antrag kann der Pilot eine andere Bahn verlangen.Schon seit den 1960er-Jahren gelten drei wesentliche Bahnbenutzungsregeln, um die Zahl der vom Lärm betroffenen Menschen möglichst gering zu halten:

1. Starts sollen Richtung Norden (Ohmoor/Quickborn) erfolgen.

2. Die Richtung Süden (Alsterdorf/Innenstadt/Hamm) soll nur in Ausnahmefällen benutzt werden.

3. Zwischen 22 und 7 Uhr sollen auch alle Landungen aus Richtung Norden erfolgen. Im Norden des Flughafens ist die Bevölkerungsdichte direkt in der Nachbarschaft am niedrigsten. Die nächste größere Siedlung liegt mit Quickborn in rund zehn Kilometern Entfernung.

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