Naturschutz

Autobahnen bedrohen Stormarns Rotwild-Population

Der Rothirsch ist in Schleswig-Holstein das größte wildlebende Säugetier in den heimischen Wäldern und Feldern.

Der Rothirsch ist in Schleswig-Holstein das größte wildlebende Säugetier in den heimischen Wäldern und Feldern.

Foto: Michael Breuer / Landesjagdverband Schleswig-Holstein

Einzäunungen an Straßen und Bahntrassen verhindern Wildwechsel. Das führt zu Inzucht-Schäden. Jäger fordern mehr Querungen.

Bad Oldesloe. Laut dem Landesjagdverband Schleswig-Holstein wird die 2010 festgelegte Verbundachse von Dänemark quer durch Schleswig-Holstein bis Mecklenburg-Vorpommern in diesem Jahr erstmals flächendeckend vom Rotwild als Lebensraum genutzt. Doch tatsächlich wird die „Rotwild-Autobahn“ durch Schleswig-Holstein, die als Biotopverbund vom Bundesamt für Naturschutz erarbeitet wurde, von einer echten Autobahn mitten in Stormarn behindert. Die Wildtier-Achse wird hier sowohl von den Autobahnen 1 und 24 sowie Bundesstraßen und Bahntrassen durchschnitten.

Rothirsche mit Genschaden wurden in Stormarn entdeckt

Eine Querung der A 1 ist für die Tiere nicht möglich. Das wird nun zum Problem für die Population von Rothirschen und anderen Wildtieren im Kreis. „Wenn wir nicht für mehr Tunnel oder Wildbrücken zur Querung der A 1 und der B 404 sorgen, dann wird der Beimoorwald für das Wild zur Sackgasse“, sagt Kreisjägermeister Uwe Danger. „Das Ziel, die Rotwild-Populationen Schleswig-Holsteins mit Mecklenburg-Vorpommern zu verknüpfen, endet hier. De facto haben nur die südliche Stormarner Rotwild-Population und die Lauenburger Population eine Verbindung zum Rest der Republik.“ Die mangelnde Migration zeige sich bereits durch zunehmende genetisch bedingte Fehlbildungen bei Rothirschen in Stormarn.

„Mangelnde Migration für das Wild verhindert einen genetischen Austausch. Wir haben bereits zwei Rothirsche mit Genschaden in Stormarn. Ihr Unterkiefer ist stark verkürzt, ein typisches Zeichen für Inzuchtdepression.“ Das Fressen mit verkürztem Unterkiefer sei für die Tiere äußerst schwierig. Leiden immer mehr Tiere darunter, ist die rund 120 Exemplare zählende nördliche Rotwild-Population im Kreisgebiet in Gefahr. „Dabei hatten wir deutschlandweit im Gebiet von Bargteheide und Duvenstedter Brook einen der besten Rotwildbestände, das galt auch hinsichtlich der Genetik“, sagt Danger. Zwei revierübergreifende Zusammenschlüsse von Jägern kümmern sich um zwei Rothirsch-Populationen im Kreis, die Duvenstedter und die Hahnheider Population in Richtung Trittau und Lauenburg.

Aktuell zählt Duvenstedter Population 120 Stück Rotwild

Die Duvenstedter Population, die über das Bargteheider Moor hinaus auch in Elmenhorst und Fischbek heimisch ist, zähle zur Zeit 120 Stück Rotwild, darunter etwa 60 Rothirsche aller Altersklassen, teils mit den größten Exemplaren Norddeutschlands, so Hermann Meyer, Vorsitzender der Hochwild-Hegegemeinschaft Bargteheide/Duvenstedter Brook, die länderübergreifend mit Hamburg zusammenarbeitet. Die Population habe über eine große genetische Bandbreite verfügt, weil sie auf einen Bestand verschiedener Herkunftsregionen aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgehe.

Der Bestand, der einst zur Jagd gezüchtet worden sei, gründe auf ausgesetzten Hirschen aus den vom NS-Regime besetzten Gebieten in Nachbarstaaten. „Ob der Grund für die Inzuchtdepression in einer durch mangelnden Austausch bedingten genetischen Verarmung liegt oder ob der Grund die nahe Verwandtschaft der damals ausgesetzten weiblichen Tiere ist, muss noch wissenschaftlich untersucht werden“, sagt Meyer. „Fakt ist, dass diese Symptome nur in isolierten Populationen in ganz Deutschland auftauchen. Wir bräuchten deshalb einen dauerhaften Austausch mit anderen Populationen.“

Und genau da liegt das Problem: Die Tiere folgen seit Tausenden von Jahren uralten Pfaden, um sich untereinander auszutauschen. Doch diese Pfade werden von Stormarns Verkehrsnetz und Wohngebieten immer wieder durchkreuzt. „Eine große Trennung stellt für die Nordstormarner Population die A 1 dar, im Westen wird das Gebiet von der A 7 begrenzt, im Süden von Ahrensburg und nach Norden wandern die Tiere eher selten“, so Meyer. Aber auch im jetzigen Verbreitungsraum wird es eng: Teilweise seien es nur 200 Meter lange Lücken, die dem Wild noch blieben, um sich ohne Gefahr durch Bahn und Fahrzeuge fortzubewegen.

Landesjagdverband fordert mehr Querungshilfen

In Stormarn gibt es derzeit nur einen kleinen Wildtunnel unter der Autobahn 21 hindurch in der Gemeinde Travenbrück, knapp einen Kilometer vor der Ausfahrt Leezen in Richtung Norden. Hinzu kommen in den angrenzenden Kreisen die Wildbrücke Kiebitzholm (Kreis Segeberg) kurz vor Daldorf sowie ein größerer Wildtunnel in der Gemeinde Stolpe (Kreis Plön). „Da geht alles durch“, sagt Uwe Danger, „Damwild, Hase, Dachs, Wildschweine bis hin zu Igeln und Mäusen.“ Installierte Kameras zeichnen an den Übergängen Tag und Nacht auf, wer die gesicherten Querungen nutzt.

„Schleswig-Holstein ist durch Straßen und Bahntrassen stark zerschnitten“, bestätigt auch Wolfgang Heins, Präsident des Landesjagdverbands Schleswig-Holstein. „Hier bedarf es eines Wildwegeplans und ausreichender Wildquerungsmöglichkeiten, um zerschnittene Lebensräume wieder miteinander zu verbinden und neue Zerschneidungen, wie etwa durch den Bau der A 21 oder der Fehmarnbelt-Hinterlandanbindung der Bahn zu vermeiden.“ Kreisjägermeister Uwe Danger fordert deshalb für Stormarn den Ausbau der Wildquerungswege: „Wir brauchen für den Erhalt der Artenvielfalt im weiteren Verlauf der B 404, südlich der A 1 in Richtung Trittau, unter oder über der A 1 sowie unter oder über der Bahnstrecke Hamburg-Lübeck im Bereich Delingsdorf weitere Wildbrücken oder -tunnel.“

Lücke in Lärmschutzwand soll Durchlass für Wild bieten

Sorge bereitet ihm nicht nur der Ausbau der A 21, sondern auch der S 4: „Wenn im Bereich Delingsdorf mehrere Gleise nebeneinander gebaut werden, dort Hochgeschwindigkeitszüge verkehren und im Bereich der Wohngebiete sechs Meter hohe Wände für Lärmschutz sorgen, dann kommt dort nichts mehr rüber.“ Dabei sei der Bereich zwischen Delingsdorf und Ahrensburg für den Fernwechsel der Hirschpopulation vom Duvenstedter Brook zum Beimoorwald enorm wichtig. „Als möglicher Wilddurchlass ist eine 100 Meter lange Lücke im Bereich der Lärmschutzwand angedacht und die wird zur Todesfalle“, sagt Danger.

Weil der Wechsel vom Brook über den Ammersbeker Ortsteil Bünningstedt und Delingsdorf zum Beimoorwald führt, seien die vorhandenen Wanderkorridore der Tiere in den drei betroffenen Gemeinden Ammersbek, Ahrensburg und Delingsdorf unbedingt zu erhalten, sagt Hermann Meyer. Mit Blick auf den geplanten Neubau der Grundschule Bünningstedt östlich des Steenhoop und südlich des Kremerbergwegs weist er auf die Gefahren für die Rotwildpopulation hin: „Die derzeit geplante Ausweitung des Bebauungsplans der zuständigen Gemeinde Ammersbek engt den Wechselkorridor des Rotwilds Richtung Osten stark ein.

Nur wenn nicht der gesamte Bereich bis zum Kremerbergweg bebaut wird und zum Beispiel ein breiterer Waldstreifen entlang des Kremerbergwegs angelegt wird, kann eine Migration weiter ungehindert stattfinden.“ Meyer wünscht sich, dass es zwischen dem Kremerbergweg und dem nördlichen Ortsteil Schäferdresch keine weitere Bebauung gibt. „Die Timmerhorner Teiche mit den südlich davon gelegenen Feldern sollten weiter als Grünkorridor einer allgemeinen Biotopvernetzung dienen.“ Noch hat sich die Gemeinde Ammersbek zu den Hinweisen der Hegegemeinschaft nicht geäußert.