Profit

Großer Ansturm auf Fahrradläden in Stormarn

Mechaniker Jo-Hennes Brandmann (v. l.), Inhaber Bernd Zingelmann und Werkstattleiter Kai Wöhlert haben derzeit viel zu tun. Die Belegschaft macht Überstunden, um Aufträge abzuarbeiten.

Mechaniker Jo-Hennes Brandmann (v. l.), Inhaber Bernd Zingelmann und Werkstattleiter Kai Wöhlert haben derzeit viel zu tun. Die Belegschaft macht Überstunden, um Aufträge abzuarbeiten.

Foto: René Soukup

Geschäfte in Ahrensburg, Glinde und Bad Oldesloe profitieren von Corona. Werkstätten sind voll ausgelastet. E-Bike-Verkäufe steigen

Ahrensburg/Glinde.  Es ist Freitagmorgen, 10.15 Uhr. Vor wenigen Minuten hat Bernd Zingelmann sein Fahrradgeschäft an der Hamburger Straße in Ahrensburg geöffnet. Ein Dutzend Kunden stehen vor dem Laden, einige von ihnen stülpen sich noch schnell den Mund-Nasenschutz über. Sie müssen noch ein bisschen warten, bevor sie eintreten dürfen, denn drinnen halten sich genauso viele Menschen auf. So ist es nicht nur an diesem Tag. Denn in Corona-Zeiten haben viele das Fahrrad neu für sich entdeckt, kaufen sich ein besseres Exemplar oder lassen das aktuelle reparieren. Das führt zu einem Riesenansturm auf die Fachgeschäfte.

Zingelmann sucht weitere Mitarbeiter

Während des Lockdowns war auch Zingelmanns Laden für mehrere Wochen geschlossen, der Werkstattbetrieb lief jedoch weiter. Finanzielle Probleme hat der Geschäftsmann deswegen aber nicht. „Wir haben das inzwischen kompensiert“, sagt der 58-Jährige. Er ist mit seiner Firma seit 2014 an dem Standort in der Schlossstadt ansässig, beschäftigt zehn Mitarbeiter. Zwei hat er in diesem Jahr bereits eingestellt, sucht mindestens einen weiteren Mechaniker.

„Wir haben eine deutliche Steigerung im Werkstattbereich und vier bis fünf Wochen Vorlaufzeit“, sagt der Radexperte. In Sachen Nachfrage könnte er momentan rund doppelt so viele Aufträge abarbeiten, wenn das entsprechende Personal vorhanden wäre. Zingelmann berichtet zudem von erheblich mehr Verkäufen bei E-Bikes, ohne genaue Zahlen zu nennen. In der Mitte seines Ladens stehen 16 Räder nebeneinander, einige haben 28-Zoll-Reifen, andere 20er, alle haben ein Schild mit der Aufschrift „verkauft“. Nur ein Exemplar ist ohne elektrischen Antrieb. Von der Sorte, mit der man ganz entspannt dank der Unterstützung des Motors bis zu 25 km/h fahren kann, hat der Selbstständige aus Delingsdorf 500 im Bestand.

Von Hektik ist in der Werkstatt keine Spur

In der Werkstatt bocken Mechaniker Jo-Hennes Brandmann (25) und Leiter Kai Wöhlert (31) derweil das nächste Rad auf, katapultieren es an einer Stange auf Brusthöhe. In diesem Fall steht sowohl eine mechanische als auch elektronische Wartung an. „Vermehrt haben wir derzeit generelle Inspektionen von E-Bikes“, sagt Wöhlert. Das verwundert nicht. Fährt der Kunde nach einem Kauf 300 Kilometer, soll er das Gerät laut Wöhlert das erste Mal überprüfen lassen. Sein Team repariert auch solche Räder, die nicht aus dem Ahrensburger Geschäft stammen.

Dass er und seine Kollegen quasi überrannt werden, ist ihnen nicht anzumerken. Von Hektik ist in der Werkstatt keine Spur, jeder Handgriff sitzt. „Wir arbeiten auch nicht schneller als sonst. Sorgfalt hat Priorität“, so Wöhlert. Dafür aber mehr. Überstunden sind dieser Tage keine Seltenheit. „Einige Kollegen machen auch Zwölf-Stunden-Dienste. Ohne die Bereitschaft meines Teams könnte ich das gar nicht wuppen“, sagt Bernd Zingelmann, der angesichts der hohen Nachfrage sogar Kunden abweisen musste. „Ich hätte nie gedacht, dass es einmal soweit kommt.“

„Momentan verkaufe ich doppelt so viele Räder wie üblich“

Er rät dazu, Räder nicht immer erst vor Saisonbeginn warten zu lassen, sondern auch im Winter. Auf die neue Situation hat Zingelmann reagiert und bei den Geschäftszeiten umstrukturiert. Dienstags und mittwochs dürfen Kunden spontan erst ab 17 Uhr und dann zwei Stunden vorbeikommen. Von 10 bis 17 Uhr gibt es nur feste Termine für zum Beispiel Probefahrten und Beratung, die online gebucht werden können. Bei dem digitalen Formular kann der Kunde angeben, was er genau möchte.

Zingelmann sagt, er habe Kontakt zu Kollegen in der Region und sieht beim Ansturm keine gravierenden Unterschiede: „Was wir hier in meinen Geschäft gerade erleben, haben die anderen auch.“ Das bestätigt zum Beispiel Stefan Budde, der seit 2013 ein Fahrradhaus am Oher Weg in der Glinder Innenstadt betreibt. Es ist ein Ein-Mann-Betrieb. Der 42-Jährige sagt: „Momentan verkaufe ich doppelt so viele Räder wie üblich.“ Insbesondere E-Bikes im hochpreisigen Segment von bis zu 5000 Euro seien gefragt. Auch sei die Nachfrage bei Werkstattterminen enorm. Freie Kapazitäten hat der Unternehmer in diesem Bereich erst wieder Anfang September.

Beratungsgespräche bis in den späten Abend

Budde hat derzeit 14-Stunden-Tage, kommt morgens um 7 Uhr ins Geschäft und verlässt es in der Regel gegen 21 Uhr. Beratungsgespräche für den Kauf eines Rads, die er auf rund eineinhalb Stunden beziffert, macht der Experte vor und nach den offiziellen Öffnungszeiten. „Von 10 bis 18 Uhr ist das nicht zu leisten, weil unter anderem das Telefon ständig klingelt und andere Arbeiten zu erledigen sind.“ Budde macht zudem darauf aufmerksam, dass die Spezialläden in Deutschland derzeit 2000 zusätzliche Zweiradmechaniker benötigten.

In Bad Oldesloe an der Bahnhofstraße führt Astrid Tuchlinski (57) das Geschäft „2-Rad-Küpper“ mit ihrem Sohn Jonas (33). Mitarbeiter haben sie nicht und alle Hände voll zu tun. Der Juniorchef macht in der Werkstatt Überstunden, seine Mutter sagt: „Wir haben durch Corona keine Verluste.“ Der Grund für den Fahrrad-Boom ist ihrer Ansicht auch darin begründet, „dass die Menschen nicht mehr so gern mit dem Bus fahren wollen“. Der Betrieb verkaufe auch mehr Räder als sonst. Allerdings ist es problematisch, die gewünschte Auswahl an E-Bikes zu bieten und schnell auszuliefern. „Denn die Lager bei den Herstellern sind leer“, sagt Astrid Tuchlinski.

Bernd Zingelmann geht davon aus, dass auch wieder Phasen kommen, in denen sein Geschäft nicht so gut wie in diesen Wochen frequentiert ist. Sorgen hat er deswegen nicht, sagt: „Wir sind die Profiteure einer neuen gesellschaftlichen Ausrichtung in Sachen Mobilität.“