Soziales Engagement

Corona: Familien in Ahrensburg sparen an Kindern

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Melissa Jahn

Krise hinterlässt Spuren bei Jüngsten. Kunstprojekt-Initiatoren fordern in Zeiten von Isolation und Jobangst mehr kostenlose Angebote.

Ahrensburg.  Ihre Familien, Gesundheit und Freunde treffen: Das ist Ahrensburger Kindern besonders wichtig. Doch auch bei den Jüngsten hinterlässt die Corona-Krise Spuren. Um Mädchen und Jungen eine Möglichkeit zu geben, ihre Gefühle auszudrücken und sich Gehör zu verschaffen, hat das Kinderhaus Blauer Elefant zusammen mit dem Projektbüro Engagierte Stadt und der Schleswig-Holstein Netz AG eine Kunstaktion gestartet. Eine Gruppe hat jetzt sechs Stromkästen in der Größe von 55 mal 80 Zentimetern mit unterschiedlichen Wünschen gestaltet.

Auf der anderen Seite fehlt der Kontakt zu Freunden

„Unsere Ergebnisse sind von der Krise geprägt“, sagt Regine Kersting vom Projektbüro Engagierte Stadt. „Gesundheit ist plötzlich nicht mehr selbstverständlich, und Themen wie der Rückzug in die Kernfamilien sind immer wieder präsent.“ Vor allem die gemeinsame Zeit in ihrem Zuhause bewerteten viele Kinder positiv. Statt andauernd unterwegs zu sein, habe die Familie endlich mehr Zeit füreinander.

Auf der anderen Seite fehlt der Kontakt zu Freunden. Gleichaltrige zu treffen ist auf einmal nur eingeschränkt möglich. Nina Gülzau (Kinderhaus) berichtet von belasteten Eltern und unausgeglichenen Kindern, die Probleme nicht nur sprichwörtlich „in sich hineinfressen“. „Wenn zusätzlich Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit hinzukommen, bringt das die Familien an ihre Grenzen“, sagt die 49-Jährige. „Isolation bereitet allen Beteiligten Stress.“

Ansprüche lösen in Familien Streitereien aus

Nicht überall seien Wohnungen groß genug, um problemlos eine längere Zeit von zu Hause überbrücken zu können. Lernen und arbeiten sei in diesen Fällen nur eingeschränkt möglich. Zusätzlich fehle es an technischer Ausstattung. Viele Eltern stießen beim Homeschooling an ihre Grenzen, da mehr als die reine Hausaufgabenbetreuung gefordert werde.

Der Anspruch, alles gleichzeitig schaffen zu müssen, habe in Familien zu Streit geführt, sagt Gülzau. Sie beobachtet einen erschreckenden Einbruch der schulischen Leistung. Viele Kinder hätten nur wenig gelernt, einiges vergessen und noch mehr abgebaut. „Plötzlich ging gar nichts mehr“, so die Diplom-Pädagogin. „Im nächsten Schuljahr kommt auf die Lehrer eine große Aufgabe zu.“

Offene Angebote müssten noch länger pausieren

Um den Kindern wieder einen Anlaufpunkt, eine gewisse Struktur und positive Erlebnisse zu bieten, sei die schrittweise Öffnung des Kinderhauses in Kleingruppen wichtig gewesen. Nach dem Start einer Notgruppe mit fünf Kindern werden nach den Ferien wieder 27 Kinder betreut.

Die offenen Angebote müssten wegen der Abstandsregeln noch länger pausieren. Immerhin 20 Kinder konnten nun bei der Kunstwoche mitmachen. Acht von ihnen waren an der Aktion rund um die Verschönerung der Stromkästen beteiligt. Nachdem im vergangenen Jahr bereits acht Kästen mit Kinderrechten verziert wurden, waren in diesem Jahr die Wünsche der Kinder an der Reihe. Themen, die die sieben bis elf Jahre alten Grundschüler im Innenstadtgebiet künstlerisch mit Graffiti umgesetzt haben, sind Freiheit, ein Nein zu Rassismus, Verständnis, Respekt und Frieden.

Unterstützungsbedarf werde noch steigen

„Werben konnten wir für diese Aktion leider nicht“, sagt Gülzau. „Die überschaubare Gruppe war die kleinstmögliche Variante, die während der Pandemie möglich war.“ Der Unterstützungsbedarf werde in den kommenden Monaten noch steigen, ist sich Regine Kersting sicher. Bereits jetzt beobachtet sie vermehrt finanzielle Probleme.

Von zehn Kindern der Flohkiste der Arbeiterwohlfahrt, einer Spielgruppe für Kinder bis drei Jahre, seien neun abgemeldet worden. Für das Angebot fehle den Familien schlicht das Geld. Sie müssten jetzt andere Prioritäten setzen.

Kunstprojekt soll im nächsten Jahr in nächste Runde gehen

„Wir haben Kontakt zu vielen Eltern, denen quasi der Boden unter den Füßen weggezogen wurde“, sagt Kersting. „Hausaufgabenbetreuung und Angebote wie psychologische Beratung müssen ausgebaut werden, Sportvereine zudem über kostenlose Kurse nachdenken. Es ist wichtig, den Kindern zu helfen, möglichst gut durch diese Situation zu kommen.“

Das Kunstprojekt soll im nächsten Jahr in die nächste Runde gehen. Das bestätigt Petra Lüning von der Schleswig-Holstein Netz AG, die das soziale Engagement für eine örtliche Gemeinschaft gern unterstütze. Zunächst ist in Ahrensburg jedoch eine zweite Kunstwoche in den Herbstferien geplant – mit Vernissage. „Im vergangenen Jahr hat diese Veranstaltung 100 Gäste angezogen“, sagt Nina Gülzau. „Es ist für die Kinder ein tolles Gefühl, wenn ihre Kunst gewürdigt wird. Ich habe schon viele Ideen, wie notfalls die Abstandsregeln eingehalten werden können.“

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