Geschäftsaufgabe

Einzige Großhansdorfer Buchhandlung macht dicht

Ute Kohrs (58) steht in der Buchhandlung, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Bernd führt. Am 28. August schließt das Geschäft für immer.

Ute Kohrs (58) steht in der Buchhandlung, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Bernd führt. Am 28. August schließt das Geschäft für immer.

Foto: Filip Schwen

Nach 36 Jahren schließen Ute und Bernd Kohrs ihr Geschäft aus wirtschaftlichen und privaten Gründen – wieder ein kleiner Laden weniger

Grosshansdorf. „Es ist bitter, nicht nur für uns, sondern auch für Großhansdorf“, sagt Ute Kohrs. Wehmut schwingt in ihrer Stimme mit. 36 Jahre hat die heute 58-Jährige die Buchhandlung Kohrs am Eilbergweg gemeinsam mit ihrem Mann Bernd geführt. Die Tage des Geschäfts, das für viele Bürger eine Institution ist, sind gezählt. Am 28. August schließt die einzige Buchhandlung in der Waldgemeinde für immer.

Familienbetrieb wurde vor 75 Jahren gegründet

Versuche, den Laden in andere Hände zu übergeben, sind gescheitert. „Jetzt, während der Coronakrise, möchte sich niemand selbstständig machen. Die wirtschaftliche Perspektive ist schlecht“, sagt Ute Kohrs.

Am 14. August 1984 war das Ehepaar nach Großhansdorf gekommen. Die Buchhandlung Kohrs gibt es sogar noch deutlich länger. „Mein Mann stammt aus einer Buchhändlerfamilie, er hat das Geschäft von seinem Eltern übernommen“, erzählt Ute Kohrs. Vor 75 Jahren habe ihr Schwiegervater den Familienbetrieb in Hamburg-Rahlstedt gegründet. Wegen steigender Mieten erfolgte der Umzug nach Großhansdorf. „Ein Bekannter hatte ein Geschäft am Eilbergweg, so sind wir auf die Gegend aufmerksam geworden“, so die 58-Jährige.

Manche Kunden bringen ihre Enkelkinder mit

Dort wurde die Buchhandlung willkommen geheißen. „Einige Kunden kommen schon in der dritten oder vierten Generation zu uns“, sagt Ute Kohrs und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Es gibt Kunden, die haben ihr erstes Schulbuch bei uns gekauft und kommen jetzt mit ihren Enkelkindern.“

Doch die treuen Leser reichen nicht mehr. „Seit vier Jahren läuft es wirtschaftlich schlecht“, sagt Kohrs. Die Konkurrenz durch Onlinehändler, aber auch Drogerie- und Supermarkt-Filialisten mit Büchern im Angebot sei groß. „Außerdem sind durch kostenlose Dienste wie Google Maps und Wikipedia die Sparten Lexika, Sachbücher, Kochbücher und Landkarten weggebrochen.“

Lockdown nur dank Lieferservice überlebt

Die coronabedingte dreiwöchige Zwangsschließung habe ihr Übriges getan. „Nur weil wir mit der ehrenamtlichen Unterstützung von sechs Kunden, die die Auslieferung übernommen haben, einen Lieferservice ins Leben rufen konnten, haben wir den Lockdown überlebt“, sagt Ute Kohrs. Ein weiterer Grund für die Geschäftsaufgabe sei eine schwere Krankheit ihres Mannes. „Seit vier Jahren kann Bernd nicht mehr im Laden mitarbeiten“, sagt die 58-Jährige.

Dabei sei die Buchhandlung gerade deswegen gut gelaufen, weil die Eheleute sich perfekt ergänzten. „Mein Fachgebiet sind Kinder- und Jugendromane, Gartenratgeber und Belletristik“, sagt Ute Kohrs. Ehemann Bernd sei auf Sachliteratur, Kochbücher, Landkarten und Autos spezialisiert. Der 66 Jahre alte studierte Historiker habe zudem vorwiegend die männlichen, sie selbst die weiblichen Kunden beraten.

Familiäre Atmosphäre mit Zeit für Plausch

„Ich denke, gerade die familiäre Atmosphäre hat den Kunden gefallen“, sagt Ute Kohrs. Viele hätten bei ihrem Einkauf Zeit für einen Plausch mitgebracht. „Mein Mann hat es geliebt, mit Kunden über Politik und Gesellschaft zu diskutieren.“ Während ihrer 36 Jahre in Großhansdorf haben die Kohrs Trends kommen und gehen sehen. „Auch in der Literatur gibt es Moden“, sagt die Geschäftsfrau.

Zum Beispiel in der Jugendliteratur: „Bevor der erste Harry-Potter-Band erschien, waren Fantasyromane abseits von Klassikern wie ,Herr der Ringe’ eine Randerscheinung. Seitdem dominieren die Genres Fantasy und Science-Fiction unangefochten die Neuerscheinungen für junge Erwachsene.“ Einen Grund dafür sieht Kohrs in der Hektik und Schnelllebigkeit des Alltags, die in den vergangenen 20 Jahren zugenommen habe: „Die Leute sehnen sich danach, in Fantasiewelten zu träumen und abzuschalten.“ Über all die Jahre konstant geblieben ist die Prämisse der Eheleute, nur die Literatur zu empfehlen, die ihnen selbst am Herzen liegt.

Ungewiss ist, was mit den Geschäftsräumen geschieht

„Ich empfehle nur Bücher, die ich selbst gelesen habe“, sagt Ute Kohrs. Dabei kann die 58-Jährige auf eine große Auswahl zurückgreifen. „Meist lese ich zwei oder drei Bücher parallel, eins für jede Tageszeit.“ Das richtige Buch für einen Kunden zu finden sei wie ein Puzzle. Ute Kohrs: „Ich frage nach Alter, Geschlecht, Interessen und ob es ein Viel- oder Wenigleser ist.“ Sie sei erstaunt, wie oft sie richtig gelegen habe. „Das schönste Gefühl ist es, wenn Kunden beim nächsten Einkauf begeistert von dem Buch erzählen, das ich empfohlen habe“, sagt Kohrs voller Zufriedenheit.

Das Gespür der 58-Jährigen bei Literaturempfehlungen hat sich in Großhansdorf offenbar herumgesprochen. „Mein Urteil hat dazu geführt, dass einige Bücher hier im Ort plötzlich zum Hit geworden sind“, sagt die Buchhändlerin mit einem Schmunzeln. „Einige Stammkunden haben mich gebeten, nach der Schließung weiter Literaturempfehlungen zu geben“, sagt Kohrs. Wie es für sie beruflich weitergeht, hat die 58-Jährige noch nicht entschieden. Ungewiss ist auch, was mit den Geschäftsräumen geschieht. Eine Buchhandlung wird dort wohl nicht wieder einziehen.