Corona-Pandemie

Ein Ahrensburger wagt die Selbstständigkeit in der Krise

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René Soukup
Narinjan Singh und seine Frau Randeen kochen auch Gerichte, die nicht auf der Speisekarte stehen und von Gästen gewünscht werden.

Narinjan Singh und seine Frau Randeen kochen auch Gerichte, die nicht auf der Speisekarte stehen und von Gästen gewünscht werden.

Foto: René Soukup

Narinjan Singh betreibt seit diesem Monat die Gastronomie des Tennisclubs Siek. Bislang arbeitete der 45-Jährige als Angestellter.

Siek.  Viele Selbstständige leiden unter der Corona-Krise. Sie wissen nicht, ob ihr Betrieb demnächst noch existiert. Insbesondere in der Gastronomie ist die Lage kritisch, weil Restaurants wegen der Beschränkungen ihre Platzkapazitäten nicht voll auslasten können. Wer in diesen Zeiten ein Lokal eröffnet, ist mutig. Narinjan Singh zählt zu dieser Spezies. Der Ahrensburger ist seit Beginn dieses Monats Unternehmer und hat die Gaststätte im Vereinsheim des Tennisclubs Siek am Hansdorfer Weg übernommen.

Singhs Vorgänger hatte im Herbst aufgegeben

„Ich wollte raus aus dem Angestelltenverhältnis und mein eigener Chef sein“, sagt der 45 Jahre alte Koch. Diesen Schritt zu gehen, hatte er bereits Anfang des Jahres geplant. Die Suche nach einem passenden Objekt war schwer. Auf die Schnelle ließ sich nichts finden. Dann kam Corona – und trotzdem rückte Singh von seinem Entschluss nicht ab. Ein Freund vermittelte den Kontakt zu Klaus Ix, dem zweiten Vorsitzenden des Tennisclubs, bereits vor dem Ausbruch der Pandemie. Bei einem ersten Treffen im Februar lernten sie einander kennen, zwei weitere Gespräche mit Vorstandsmitgliedern folgten. Anfang April war der Pachtvertrag unterschrieben.

Singhs Vorgänger hatte nach vier Jahren im vergangenen Herbst aufgegeben, der Club einen Ersatz gesucht und Inserate in Zeitungen geschaltet. „Unsere Mitglieder erwarten ein bewirtetes Clubhaus“, sagt Ix. 225 Jugendliche und Erwachsene sind im Sieker Tennisverein aktiv. Sie spielen auf sechs Außenplätzen, zwei davon haben Flutlicht. In der Gaststätte ist normalerweise Platz für 50 Personen. Wegen der Abstandsregel können dort zurzeit nur zehn Menschen speisen: auf schwarzen Sesseln mit Blick aus dem Fenster sowie in einer Sitzecke, die in Rot gehalten ist. Der lange Holztisch neben dem Tresen ist mit einem Plastikband versehen und gesperrt. „Ich bin trotzdem glücklich, die Anzahl der Gäste ist in Ordnung“, sagt Singh. Die Mehrheit davon seien Mitglieder.

An Tischen auf der Terrasse ist Platz für 17 Gäste

Das verwundert nicht. Denn der Verein liegt weitab der Hauptstraße. Singh hofft, dass sich die Neueröffnung herumspricht und auch viele Menschen den Weg zu ihm finden, die nicht im Club organisiert sind.

Zumindest kann der Gastronom im Außenbereich mehr Kunden bedienen als drinnen. An den Tischen auf der Terrasse ist Platz für 17 Gäste. Bei Regen schützt ein neues Vordach. Für die Installation im Februar hat der Verein rund 10.000 Euro gezahlt. Auf Kosten des Clubs besorgte sich Singh eine Kaffeemaschine. Er musste kein Geld in Mobiliar oder sonstiges Equipment wie zum Beispiel einen Fernseher investieren. Diese Dinge stellt der Tennisverein.

In der Schlossstadt fühlt sich der Koch pudelwohl

Singh ist im indischen Bundesstaat Punjab aufgewachsen. Er ging dort zehn Jahre zur Schule, machte danach eine Ausbildung zum Koch und kam vor 24 Jahren nach Ahrensburg, weil er sich hierzulande ein besseres Leben erhoffte. Inzwischen hat er die deutsche Staatsbürgerschaft. Bruder und Schwester leben nach wie vor in der alten Heimat. Singh besucht sie jedes Jahr, 2020 fällt das Wiedersehen wegen Corona aus.

In der Schlossstadt fühle er sich pudelwohl, sagt der Koch. Hier lebt er mit seiner Frau Randeen (39), Tochter (14) und Sohn (12) in einer Wohnung in der City. Während seiner Zeit in Deutschland hat Singh in vier Betrieben gearbeitet, mit den langen Schichten bis Mitternacht konnte er sich zuletzt immer weniger anfreunden. Auch das ist ein Grund gewesen, sich selbstständig zu machen.

Seine Frau unterstützt den Ahrensburger in der Küche

„Mir geht es jetzt besser, auch wenn dieser berufliche Neuanfang natürlich mit Stress verbunden ist“, sagt Singh. Auf seiner Speisekarte sind sieben Hauptgerichte gelistet, dazu Salate und Vorspeisen wie Bruschetta. Den meisten Umsatz macht er aber mit Getränken. Singh hat jeden Tag geöffnet, montags bis freitags von 16 bis 22 Uhr sowie an Wochenenden von 12 bis 22 Uhr. Das sind die offiziellen Zeiten.

Heute, einem Freitag, ist er schon um 9 Uhr in der Gaststätte. Ebenso seine Frau, die ihn in der Küche unterstützt. In dem kleinen Bereich gibt es neun Kochplatten, eine Frit­teu­se und auch ein Gerät, in dem Brot erwärmt wird. Mehr als ein Dutzend Senioren haben sich angesagt. Sie spielen von 10 bis 12 Uhr Tennis und kehren danach zum Mittagessen ein. In Sachen Arbeitszeit muss der Gastronom flexibel sein, um ein ausreichendes Einkommen zu generieren. Das gilt auch für das Zusammenstellen der Speisen. Gruppen können nach Vorabsprache Gerichte bestellen, die nicht auf der Speisekarte zu finden sind. Diesmal haben sich Pressewart Helge Schmidt und seine Freunde für Lammcurry mit Basmatireis und Salat entschieden.

Großes Tennisturnier wurde wegen Corona abgesagt

Singh hat Zugang zum Online-Buchungsportal für die Plätze, kann so sehen, wann auf der Anlage viel los und seine Anwesenheit erforderlich ist. Das Betreiben der Clubgastronomie rechnete sich bislang nur in der Sommersaison. Singhs Vorgänger hatte über die Wintermonate geschlossen. Der Ahrensburger möchte jedoch auch in der kalten Jahreszeit Gäste empfangen, bietet das Ausrichten von Kindergeburtstagen, Hochzeiten und anderen Feiern an. Und er plant, einen Lieferservice zu installieren. „Dann werde ich auch einen Fahrer einstellen“, so der Unternehmer.

Ein besonders gutes Geschäft hätte er wohl bei den Sieker Open gemacht. Das mit 4000 Euro dotierte Turnier mit rund 160 Teilnehmern in zehn Altersklassen war für den 6. bis 12. Juli geplant. Wegen der Corona-Pandemie wurde die Veranstaltung abgesagt. „Es erscheint uns unmöglich, während des Turniers die Einhaltung der Hygienevorschriften auf unserer Tennisanlage durchgängig zu gewährleisten“, heißt es auf der Internetseite des Clubs.

Einen Nachteil hat die berufliche Neuorientierung für Narinjan Singh aber doch: Sein Arbeitsweg ist deutlich länger. Zuletzt war der Koch für eine Steakhaus-Kette in der Ahrensburger Innenstadt tätig. Das Restaurant ist im Erdgeschoss des Gebäudes, in dem er lebt.

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