Kulturszene

Stormarner Künstler haben Sehnsucht nach der Bühne

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Elvira Nickmann
Vermissen Kontakt zum Publikum: Sängerin Katharina Maria Kagel und Hektor der Gaukler, hier mit Seehunddame Greta, einer seiner Puppen.

Vermissen Kontakt zum Publikum: Sängerin Katharina Maria Kagel und Hektor der Gaukler, hier mit Seehunddame Greta, einer seiner Puppen.

Foto: Elvira Nickmann

Sängerin Katharina Maria Kagel aus Großensee und Gaukler Hektor aus Grönwohld berichten im Abendblatt, wie sie durch die Krise kommen.

Großensee. The Show must go on ... doch wie und wann? Um diese Frage dreht sich derzeit alles bei jenen Künstlern, die sonst live bei Konzerten, im Theater oder auf Kleinkunstbühnen vor Publikum auftreten. Besonders hart trifft es die Freischaffenden: Sie sind wahre (Überlebens-)Künstler, deren Berufsausübung einem Drahtseilakt ohne Netz und doppeltem Boden gleicht.

Für beide fühlte es sich an, als sei die Zeit stehengeblieben

Als wäre das allein nicht schon Herausforderung genug, setzt die Corona-Krise noch einen drauf. Wie sich das anfühlt, wissen die Stormarner Sängerin und Gesangspädagogin Katharina Maria Kagel und Stephan Eichler, besser bekannt als Hektor der Gaukler, nur zu gut. Die beiden sitzen an einem großen Tisch mit Blick in den Garten von Kagel und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus.

Auf die Frage, was sich in beruflicher Hinsicht für sie in den vergangenen Wochen verändert habe, sagt Kagel: „Eigentlich alles, und das schlagartig.“ Vor Beginn der Pandemie sei sie gut aufgestellt gewesen – inzwischen seien alle Auftritte bis Oktober abgesagt worden. „Es hätte ein herrliches Jahr werden können“, sagt sie. Es klingt frustriert. Eichler nickt. Für beide fühlt es sich ein bisschen an, als sei die Zeit stehengeblieben.

Statt Buchungsanfragen hagelte es nur noch Absagen

„Als der Lockdown kam, wirkte das fast surreal, wie ein Vakuum“, so Kagel. Statt Anfragen hagelte es Stornierungen. Für Eichler, in der Rolle als Hektor Bauchredner, Puppenspieler und Zauberer in Personalunion, hatte das nicht nur finanzielle Folgen. Er sagt: „Ich bin auch körperlich in ein tiefes Loch gefallen, das war fast wie ein spontaner Burnout.“ Ständig habe das Telefon geklingelt, jeder Anruf eine weitere Absage.

Die finanziellen Einbußen sind immens. Eichler, sonst ständig auf Stadtfesten, Festivals, Firmen- und privaten Feiern präsent, hat Glück im Unglück: Er ist zusätzlich in Teilzeit beim Kinderschutzbund Stormarn beschäftigt. „Anders ginge es momentan gar nicht“, sagt der Grönwohlder.

Bei digitaler Chorprobe gab es technische Probleme

Katharina Maria Kagel wiederum gibt neben ihren Auftritten Meisterkurse und Unterricht als Gesangspädagogin und Chorleiterin. Doch auch diese Einkommensquelle versiegte mit dem Inkrafttreten der Kontaktbeschränkungen. Flexibilität, Kreativität und das Vermögen, aus Situationen das Beste zu machen, zählen zu den Kernkompetenzen von Vollblutkünstlern wie Eichler und Kagel. Doch wenn die ganze Arbeit auf persönlichen Kontakten und dem Austausch mit den Zuschauern beruht, sind die Möglichkeiten stark eingeschränkt.

Was auf digitaler Ebene geht und was nicht, lässt sich meist nur durch Ausprobieren herausfinden. Kagels Versuch, Mitglieder eines von ihr geleiteten Chores auf diese Weise einen Kanon singen zu lassen, scheiterte kläglich – aus technischen Gründen: „Es klang fürchterlich schräg, weil die Stimmen der Chormitglieder zeitversetzt übertragen wurden“, sagt sie und lacht. Doch sie gab nicht auf, eröffnete Chatgruppen, motivierte ihre Schüler mittels Nachrichten und verschickte Gesangsvideos zum Üben. Sie versuchte sich an Online-Unterricht, Ständchen über Skype, erhielt sogar Anfragen, ob sie am Telefon für jemanden singen könne.

Auftritte sorgten für Nachschub an Inspiration und Motivation

Eichler hat die Zeit genutzt, um das Bauchreden zu perfektionieren. Und er hat den ersten Auftritt seines Lebens ohne Publikum absolviert: im Kleinen Theater Bargteheide, für ein YouTube-Video. Eine interessante Erfahrung, doch keine Alternative, stellt der Unterhaltungskünstler fest. „Ich brauche das Publikum.“ Ihm fehlten die Inspiration und Motivation durch die Auftritte. Vor Corona sei er voller Ideen gewesen, habe mit einer neuen Figur an einer Nummer gearbeitet. „Sie wurde schon richtig lebendig“, sagt er. Jetzt hoffe er auf ein baldiges Ende der Krise, um erneut durchstarten zu können.

„Ich habe auf verschiedene Weise versucht, positive Energie weiterzugeben, denn das ist auch sonst elementarer Bestandteil meiner Arbeit“, sagt Sängerin Katharina Maria Kagel. Wie gut das ankomme, sehe sie an den Rückmeldungen derer, denen ihr Engagement durch die Corona-Zeit geholfen hat. „Aus dem, was wir tun, schöpfen die Menschen Kraft“, ist Kagel überzeugt. Daher ärgert es sie besonders, dass „wir Künstler sofort von der Politik als nicht systemrelevant beurteilt wurden“.

Solo-Selbstständige haben keine Lobby, die sich für sie einsetzt

Auch für Stephan Eichler ist die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung für die künstlerische Sparte nichts Neues. In der Krise trete sie durch die fehlende finanzielle Unterstützung jedoch noch deutlicher zutage. Eine Lobby haben die Solo-Selbstständigen nicht.

„Vater Staat muss nicht alles machen, das hat er ja auch vorher nicht“, ist Sängerin Kagel überzeugt. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass sie jetzt an ihre Altersvorsorge gehen müsse, um durch die Zeit zu kommen. „Andererseits bin ich mit jeder Faser meines Daseins so in meinen Beruf verliebt, dass ich weitermachen werde.“

Das sind die Kontaktdaten, unter denen Sie die Künstler erreichen können

Auf den Homepages finden Sie auch die Links zu verschiedenen Videos.

Hektor der Gaukler: www.hektor-der-gaukler.de, Tel. 04154/99 38 83, E-Mail an hektor-zauberkiste@t-online.de

Sängerin Katharina Maria Kagel: www.katharinamariakagel.de, Tel. 0163/470 62 99, E-Mail an kmkagel@gmx.de

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