Schleswig-Holstein

Studentin gefesselt: Angeklagter suchte weitere Opfer

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Finn Fischer
Der Angeklagte im Prozess um die Verschleppung und Vergewaltigung einer Studentin.

Der Angeklagte im Prozess um die Verschleppung und Vergewaltigung einer Studentin.

Foto: Markus Scholz / dpa

Gerichtsprozess nach Vergewaltigung einer 20 Jahre alten Frau aus dem Kreis Stormarn: So fasste die Polizei den mutmaßlichen Täter.

Mönkhagen/Lübeck. Wieder an der Lübecker Gollan-Werft, wieder mit einem weißen Transporter: Auch am Halloween-Tag stellte Aziz G. (Name geändert), der Ende September 2019 eine 20 Jahre alte Stormarnerin verschleppt, vergewaltigt und fast umgebracht haben soll, offenbar Studentinnen nach. Das zumindest legt ein Bewegungsprofil nahe, das ein Ermittler jetzt im Prozess gegen den 43-Jährigen vor dem Landgericht in Lübeck präsentierte.

Drei Wochen nach der Tat hat die Polizei den Mann im Visier

Es ist die Nacht vom 30. auf den 31. Oktober 2019. Die Gollan-Werft in Lübeck veranstaltet wie in jedem Jahr eine Halloween-Party. Doch eines ist anders. Es ist das ungute Gefühl, dass in dieser Nacht abermals etwas Schlimmes passieren könnte. Denn einen Monat zuvor war in nächster Nähe nach einer Feier in dem beliebten Veranstaltungsort eine junge Frau entführt worden.

Ein Angler fand die 20-Jährige zufällig in einem kleinen Waldstück bei Mönkhagen. Ihr Entführer hatte sie dort vergewaltigt, gefesselt und ganz offensichtlich zum Sterben zurückgelassen. Nur der glückliche Umstand, dass einige Stunden später ein Hobby-Angler vorbeikam, rettete der jungen Frau das Leben.

Ermittler und Staatsanwaltschaft sind davon überzeugt, dass es sich bei dem Täter um Aziz G. handelt. Bereits drei Wochen nach der Tat rückt der 43-Jährige dank eines Zeugen, der den weißen Ford Transit des Mannes erkannte, in den Fokus der Polizei.

Bewegungsprofil mittels Überwachungstechnik erstellt

Dann lassen ihn die Ermittler nicht mehr aus den Augen. Sein Telefon wird überwacht, Zivilbeamte bringen einen Sender an dem von ihm genutzten Transporter an. Einen Tag vor Halloween. Angeordnet und vom Gericht absegnen lassen hatte das Michael P. Dass er und seine Kollegen keinem Einzeltäter, sondern einem potenziellen Serienvergewaltiger auf der Spur sind, wusste der Lübecker Polizeibeamte da noch nicht.

Es war wohl eher so eine Ahnung. „Ich glaubte, dass jemand, der so ein Verbrechen begeht, sich erst mal zurückhält. Obwohl ich zunächst nicht von einem erhöhten Risiko für die feiernden Studenten ausging, verstärkten wir die Streifenpräsenz in der Umgebung der Gollan-Werft“, sagte der Polizist.

Zeitgleich wurde mithilfe der am Fahrzeug angebrachten Überwachungstechnik ein Bewegungsprofil erstellt. Als Michael P. am nächsten Morgen die vom Sender aufgezeichneten Standortdaten sah, war für ihn sofort klar: Aziz G. muss sofort festgenommen werden. „Das Bewegungsprofil war deckungsgleich mit dem, das wir in der Tatnacht einen Monat zuvor mithilfe von ausgewerteten Bildern aus Überwachungskameras erstellt haben“, schilderte Michael P.

Der Verdächtige wechselte in Abständen von fünf bis zehn Minuten immer wieder seinen Standort. Exakt entlang der Route, die Gäste der Gollan-Werft nehmen, um nach einer Feier zurück in die Lübecker Innenstadt zu gelangen. Michael P.: „Er hat ganz offensichtlich Jagd auf potenzielle Opfer gemacht.“

Pornografische Fotos auf Smartphone des Angeklagten

Grund genug, um Aziz G. sofort aus dem Verkehr zu ziehen, um weitere mögliche Taten zu verhindern. Einen Tag später, am 1. November, nahmen Einsatzkräfte den mutmaßlichen Entführer und Vergewaltiger an einer Tankstelle fest. In der Haft gab er immer wieder in teils wirren Wortbeiträgen an, nicht allein gehandelt zu haben.

Er sei gezwungen worden. Zunächst, so erzählte es der Ermittler im Prozess, sei von einer und später dann von mehreren Personen die Rede gewesen. Die Polizei überprüfte daraufhin auch die Verbindungsdaten des Handys des Angeklagten. Doch es ergab sich keinerlei Hinweis darauf, dass es weitere Tatbeteiligte gegeben hätte. Die Ermittlungen sind abgeschlossen.

Statt eines Beweises für eine Mittäterschaft weiterer Unbekannter fanden die Ermittler auf dem Smartphone des Angeklagten Tausende pornografische Fotos von mehr oder weniger bekleideten Frauen und auch ein pikantes Video, wie Kommissarin Vanessa V. vor Gericht aussagte: „Wir haben ein Bondage-Video auf seinem Handy gefunden, in dem eine Frau mit einem Ball im Mund geknebelt wird. Das hat uns interessiert, weil zu unserem Fall gewisse Parallelen bestehen.“ So könnte sich Aziz G. hier seine Inspiration geholt haben.

Derzeit sitzt Aziz G. in der Justizvollzugsanstalt in Lübeck

Im Internet besuchte der Verdächtige hauptsächlich Porno- und Datingseiten. Der interessanteste Fund, den die Ermittler auf seinem Handy machten, war jedoch kein Porno-Video. Es war das Foto eines Autoreifens. G. machte offenbar ein Bild, als er einen Reifen eines weißen Transporters in einem Waldstück wechselte – laut Geo-Daten in einem Forst bei Duvennest kurz hinter der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern.

Dort, so die Vermutung der Polizei, kundschaftete er mögliche Ablageorte für ein Opfer aus. „Er konnte uns keinen privaten oder beruflichen Grund nennen, warum er sich dort aufgehalten hat“, sagte Kommissarin Vanessa V.

Derzeit sitzt Aziz G. in der Justizvollzugsanstalt in Lübeck. Zwei Mal besuchte ihn dort seine Ehefrau mit seinem Sohn (8). Wie den Beamten erzählte er auch ihr, dass „etwas Großes“ hinter der Sache stecke. Er könne die Namen der beteiligten Personen aber nicht nennen, weil sie sonst seine Ehefrau und seinen Sohn umbringen.

Fatma Y. (Name geändert) hat die Scheidung eingereicht. „Du hast mich vergewaltigt und du hast das Mädchen vergewaltigt“, beschuldigte sie ihren Mann beim letzten der beiden Besuchstermine in der JVA, die von Beamten der Polizei begleitet wurden. Zuvor soll Aziz G. seinem Sohn ins Ohr geflüstert haben: „Dein Vater ist ein Mörder.“

Der Prozess wird am kommenden Mittwoch, 3. Juni, fortgesetzt.

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