Kreative Ideen

Wie drei Stormarner Firmen die Corona-Krise überstehen

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Elvira Nickmann
Henry Armbruster (v. l.) mit Spuckschutzscheibe, Hans-Olaf Beckmann und Michael Hass, der den Prototyp der Maske in der Hand hält.

Henry Armbruster (v. l.) mit Spuckschutzscheibe, Hans-Olaf Beckmann und Michael Hass, der den Prototyp der Maske in der Hand hält.

Foto: Henrik Bagdassarian

Oststeinbeker Unternehmer stellen sich durch vorausschauende Planung, Anpassungsfähigkeit und Ideen auf Herausforderung ein.

Oststeinbek. Seit Beginn der Corona-Pandemie steht die Wirtschaft unter Schock. Für viele Betriebe geht es um die Existenz. Aufträge werden storniert, Zulieferketten sind unterbrochen, Mitarbeiter werden langfristig in Kurzarbeit geschickt oder verlieren ihren Job.

Zum Kundenkreis zählen auch Anbieter medizintechnischer Artikel

Doch es gibt auch Positivbeispiele. Wie drei Oststeinbeker Unternehmen, die die Erfordernisse der Zeit rechtzeitig erkannt und sich schnell darauf eingestellt haben. Eines davon ist die Jürgen Hass Kunststofftechnik GmbH. Michael Hass leitet das von seinem Vater gegründete Familienunternehmen, das technische Kunststoffteile entwickelt, konstruiert und herstellt. Die Folgen der Pandemie sind dort bis heute spürbar. Hass sagt: „Wir leiden unter dem Rückgang von Aufträgen aus der Luftfahrt- und Automobilindustrie.“ Er hoffe, mit der Produktion bald wieder in den normalen Schichtbetrieb zurückkehren zu können.

Bis dahin mussten sich Hass und Entwickler Marc Hidalgo etwas einfallen lassen, um die Produktion anzukurbeln. Zum Kundenkreis zählen auch Anbieter medizintechnischer Artikel. Der Engpass bei den vorwiegend in Fernost produzierten Atemschutzmasken brachte Hass und Hidalgo auf die Idee, ein innovatives Modell zu konstruieren. Denn die Nachfrage nach Masken stieg steil an. Hidalgo sagt: „Es darf nicht so sein, dass wir in Deutschland diese dringend benötigten Produkte nicht selbst herstellen.“

Entwickler stellten hohe Ansprüche an Atemmasken

Von der Idee bis zur Umsetzung dauerte es wenige Wochen. „Ende Februar haben wir mit der Entwicklung begonnen“, erzählt Hidalgo. Die Masken sollten hohe Anforderungen erfüllen: mit möglichst wenig Filtermaterial auskommen, wiederverwendbar, zu desinfizieren, waschbar und gut mit Brille zu tragen sein, ohne dass diese beschlägt. Hass zeigt einen Prototyp. Er hat ein futuristisches Aussehen, wird im Spritzgussverfahren hergestellt. „Unsere Stärke ist die Entwicklung solcher Produkte“, erläutert Hass. Das Material ist ein Kunststoff aus thermoplastischen Elastomeren, der sich dadurch auszeichnet, dass er sich mittels Wärme verformen lässt, bei Raumtemperatur aber formstabil ist.

Michael Hass setzt die Maske auf. Sie sitzt wie angegossen. Er zeigt auf die Vorderseite, sagt: „Es ist möglich, sie zu branden, also beispielsweise mit einem Firmenlogo zu versehen.“ Vieles ist schnell umsetzbar, wenn alle Produktionsschritte an einem Ort erfolgen: Personalisierung durch Firmenfarben ebenso wie transparentes Material – das ist von Vorteil, wenn das Gesicht in Gänze zu sehen sein soll. Als Abnehmer könne er sich beispielsweise Taxifahrer und die Polizei vorstellen, aber auch Privatpersonen, sagt der Firmenchef. „Wir arbeiten noch an einem Modell für Kinder mit Hundeschnauze“, fügt er hinzu.

Die Arbeiter in der Spritzerei profitieren bereits

Es sei nicht sein Ziel, in den Massenmarkt einsteigen. Für die Masken liege die Produktionskapazität bei etwa 2000 Teilen pro Tag. Ziel sei es aber, das Produkt für die Benutzung durch medizinisches Personal zertifizieren zu lassen. Die wichtigste Voraussetzung ist erfüllt: Filtermaterial der Norm FFP2 oder N95. Hass sagt: „Wir legen besonderen Wert auf das Filtermaterial und die Luftmenge, die hindurchgeht.“ Bis zur Zertifizierung kann das Modell als Mund-Nasen-Schutz verkauft werden, „made in Stormarn“, wie Hass betont. Die Masken sollen bald über den firmeneigenen Webshop unter www.hass.com erhältlich sein.

Die Arbeiter in der Spritzerei profitieren bereits von der Idee. Die Produktion musste zwar seit Anfang März von drei auf zwei Schichten heruntergefahren, ein Stopp konnte aber verhindert werden. Über den Absatz nach Ende der Krise macht sich der Firmenchef keine Sorgen, er will noch weitere Passformen entwickeln. „Schutzmasken werden immer gebraucht, ob im medizinischen oder handwerklichen Bereich“, sagt er.

Halter für 10.000 Desinfektionsspender bestellt

Ein anderer Artikel, der in der Krise für reißenden Absatz sorgt, sind Spuckschutzscheiben. Dass sie unter anderem in Oststeinbek produziert werden, geht auf die Initiative von Henry Armbruster zurück. Er ist einer der Inhaber der Grünthal Maschinenbau GmbH, der zweite ist sein Onkel Thomas Grünthal, dem auch die Grünthal Feinblechtechnik GmbH gehört. Grünthal erzählt, wie es zu der Idee kam: „Henry hatte für einen anderen Auftrag zu viel Material. Er kam auf den Gedanken, dass dieses sich hervorragend für Spuckschutzscheiben eignen würde.“ Den Prototyp habe Armbruster innerhalb einer Stunde fertiggestellt. Er sagt: „Das Material Polycarbonat ist inzwischen sehr rar geworden.“ Grünthal ergänzt: „Noch sind Vorräte da, sonst könnten die Lieferzeiten lang werden.“ Mit seiner Findigkeit hat sein Neffe der Firma neue Aufträge eingebracht. Das freut Grünthal. Er sagt: „Wir haben nach wie vor gut zu tun.“

Seit zwei Monaten werden die Scheiben am Standort Feinblechtechnik gefräst und montiert. 30 bis 40 Stück am Tag, in vier Größen oder nach Wunschmaß. „Wir haben keine Werbung gemacht, sonst müssten wir noch mehr produzieren“, so Armbruster. Zu den Abnehmern zählen Schulen, Friseure und Einzelhändler, Imbissbuden. Laut Firmenchef hat die Nachfrage dazu geführt, dass – bis auf eine Woche an den Laseranlagen – Kurzarbeit vermieden werden konnte. Wie flexibel die Firma reagiert, zeigt sich im Fall eines Friseurgroßhändlers. Er kontaktierte Armbruster nach Feierabend, orderte 16 Scheiben für den nächsten Morgen, weil er Abnehmer hatte, die ihr Geschäft öffnen wollten. Armbruster fuhr in die Firma, warf die Produktion wieder an. Inzwischen gibt es einen weiteren Auftrag aus dem medizinischen Bereich: Für 10.000 Desinfektionsspender wurden Halter bestellt.

Kundendienst arbeitet inzwischen von zu Hause aus

Um neue Produktideen machte sich Hans-Olaf Beckmann weniger Gedanken. Dem Inhaber von A+S, einem Unternehmen, das Sicherheits- und Alarmanlagen konzipiert und wartet, ging es vielmehr darum, seine Angestellten in Vollbeschäftigung zu halten. Dazu plante er frühzeitig seine Schritte. Er sagt: „Für den Arbeitgeber ist Kurzarbeit zwar das Einfachste, nicht aber für die Mitarbeiter.“ Also sorgte er für eine Aufstockung des Lagerbestands und ausreichend Masken und Desinfektionsmittel. Und er erstellte einen Notfallplan. „Das fragen die Kunden ab, damit wir uns nicht alle in Quarantäne befinden, wenn bei ihnen etwas passiert.“ In einem solchen Fall müsse ein Mitarbeiter schon mal direkt in die Fertigung der Auftraggeberfirmen eingreifen, um das Problem zu beheben. Daher sei es wichtig gewesen, den 24-Stunden-Notdienst aufrechtzuerhalten.

Der Kundendienst arbeitet inzwischen von zu Hause aus. „Wir haben in der Firma Regalsysteme eingerichtet mit freiem Zugang und eine Lieferkette mit Notdienstzentralen.“ Montageaufträge wurden zurückgestellt, Monteure auch bei Störungen eingesetzt. Beckmann sagt: „Wir haben einen großen Privatkundenkreis, nutzen die Zeit zur Wartung und Störungsbeseitigung.“ Zum Schutz der Bürokräfte wurden zwei Schichten eingerichtet.

Die Krise hat Hans-Olaf Beckmann nach eigener Aussage noch keine einzige schlaflose Nacht gebracht. Trotz monatlicher Lohnkosten von rund 250.000 Euro. Der Firmenchef weiß, wie er für die Liquidität garantiert, er sagt: „Wir stellen den Kunden die Tätigkeit unserer Techniker zeitnah in Rechnung.“

Oststeinbeker Unternehmen mit innovativen Konzepten

Die Jürgen Hass Kunststofftechnik GmbH wurde 1968 gegründet. Das mittelständische Familienunternehmen beschäftigt 30 Mitarbeiter. Aufgabengebiete sind die Entwicklung und Konstruktion von technischen Kunststoffteilen. Eine Kunststoffspritzerei und der Formenbau befinden sich direkt am Standort. Produziert werden Spritzgusswerkzeuge und Spritzgussteile beispielsweise für die Luftfahrt- und Automobilindustrie, Medizin-, Lebensmittel-, Sicherheits- und Elektrotechnik.

Die Firma A+S Alarm- und Sicherheitstechnik GmbH ging vor 35 Jahren mit vier Beschäftigten an den Start. Heute sind es 75. A+S entwickelt Komplettlösungen im Bereich Objektsicherheit für gewerbliche und Privatkunden. Dazu zählen Installation und Wartung von Einbruch-, Brandmelde- und Schließanlagen, Videoüberwachung und Zutrittskontrollen. Für alle Systeme gibt es einen 24-Stunden-Notdienst.

Das Leistungsspektrum der 2009 gegründeten Grünthal-Gruppe (75 Mitarbeiter) umfasst Feinblechtechnik, Maschinenbau und Pulverbeschichtung. Sämtliche Schritte der industriellen Blechbearbeitung erfolgen unter einem Dach. Durch Lasern, Kanten, automatisiertes Schweißen und Montieren werden selbst hoch komplexe Produkte gefertigt. Die Lieferung erfolgt über das eigene Logistikzentrum.

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