Corona-Krise

Stormarns Gastgewerbe fiebert dem Neustart entgegen

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Lutz Kastendieck und Susanne Tamm
Zvetko Ostojic (l.) und Franziska Lange vom Restaurant „Santa Rio“ in Trittau kontrollieren den Abstand zwischen den Stühlen.

Zvetko Ostojic (l.) und Franziska Lange vom Restaurant „Santa Rio“ in Trittau kontrollieren den Abstand zwischen den Stühlen.

Foto: Lutz Kastendieck

Von Montag an dürfen Restaurants und Hotels wieder öffnen. Reservierung und das Hinterlassen der Meldedaten sind jetzt Pflicht.

Ahrensburg.  Die Freude steht Zvetko Ostojic und Franziska Lange vom Restaurant „Santa Rio“ im Trittauer Hotel Lauenburger Hof ins Gesicht geschrieben. Von Montag, 18. Mai, an dürfen Hotels und Restaurants in Stormarn nach der zehnwöchigen Corona-Sperre wieder öffnen. „Viel länger hätte dieser Lockdown für uns aber nicht dauern dürfen“, sagt Ostojic. Zwar könne er nur die Hälfte seiner rund 100 Plätze in der Gaststube anbieten: „Das ist aber immerhin ein Anfang, und viel besser als nichts.“

Ahrensburger Gastronom gibt sich diplomatisch

Fünf Tage später als etwa in den Nachbarländern Hamburg und Niedersachsen ist nun auch für Stormarns Gastronomen Entspannung in Sicht. „Das wurde wirklich höchste Zeit“, sagt Axel Strehl, Landeschef des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Als Gastronom wollte er die unterschiedlichen Termine für die Lockerung der Auflagen nicht beurteilen. „Allerdings wäre ein einheitliches Vorgehen sicher besser gewesen“, so Strehl.

Positiv sei in jedem Fall, dass die Landesregierung den engen Austausch mit dem Fachverband gesucht habe und dessen Empfehlungen zu einer Exit-Strategie weitgehend gefolgt sei. „Die Begrenzung auf maximal 50 Personen im Gastraum hatten wir zwar nicht drin. Aber Kompromisse müssen gerade in solch einer Ausnahmesituation möglich sein“, gibt sich der Ahrensburger Gastronom diplomatisch.

150 Zentimeter zwischen den Stühlen sind gefordert

Der Landesverband sei auch deshalb mit eigenen Vorschlägen in Vorlage gegangen, weil die Verunsicherung unter den Kollegen groß gewesen sei. „Wir hatten viele Anfragen, wann die Schließung unserer Betriebe endlich aufgehoben werde und worauf sich die Betreiber einstellen müssten“, berichtet Strehl. Es sei zudem schwer gewesen, sachlich zu argumentieren, warum Einzelhandelsgeschäfte so völlig anders behandelt worden seien, als Hotels und Gaststätten.

Bereits Mitte April hatte Strehl in einem Brandbrief an Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) sein Unverständnis darüber geäußert und eine deutliche Reduzierung der Platzkapazitäten angeboten. Seiner Ansicht nach seien die Abstandsregelungen in der Gastronomie deutlich besser umsetzbar als in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens.

In Trittau wird nur jeder zweite Tisch bedient

Dass dem tatsächlich so ist, wollen die Gastronomen ab Montag beweisen. Seit Tagen streifen sie mit Zollstock und Maßband durch ihre Gasträume, um die Umsetzung der aktuellen Auflagen sicherstellen zu können. Zvetko Ostojic vom „Santa Rio“, den alle nur Igo nennen, hat da jetzt schon Routine. Immerhin betreibt der gebürtige Serbe in Hamburg mit dem Bistro-Restaurant „Markt König“ in der Rindermarkthalle auf St. Pauli und dem „Bramfelder Wirtshaus“ zwei weitere Restaurants, die schon am Mittwoch wieder öffnen durften.

„In Trittau werden wir wie in den anderen Häusern nur an jedem zweiten Tisch bedienen. Zwar leider ohne jede Deko, aber ansonsten mit allem Service, den unsere Gäste gewohnt sind“, sagt der 52-Jährige. Allerdings müssen sie sich jetzt vorher anmelden und ihre Meldedaten hinterlassen. Für das Comeback hat Igo extra viel Spargel und frische Forelle geordert: „Ansonsten bieten wir aber sofort wieder alle Gerichte an, die auch sonst auf unserer Karte stehen.“

Bislang keine Zunahme an Insolvenzen im Gastgewerbe

Um seine Mitarbeiter zu schützen, hat Ostojic für alle Plexisglasvisiere besorgt. Starten wird er jedoch mit einer reduzierten Besetzung fürs Restaurant, den Festsaal, die Kegelbahn und die elf Zimmer des Hotels. Ziel sei es aber, sukzessive alle zehn Festangestellte und die sieben Hilfskräfte wieder zurückzuholen.

Auch die Familie Akulov setzt große Hoffnungen auf den Montag. In ihrem „Hotel 108“ im Glinder Gewerbegebiet mit seinen zwölf Zimmern und einem Appartement beherbergen die Akulovs aktuell gerade einen Geschäftsreisenden. „Wir hoffen, dass es ab Montag wieder aufwärts geht“, sagt Irina Akulova. Durch die Soforthilfe vom Land konnte sie ihre Minijobber bezahlen und die laufenden Kosten bestreiten. Doch schon vor der Corona-Krise hatte der Familienbetrieb zu kämpfen, da Anfang des Jahres direkt nebenan das Hotel Glinde eröffnet hat.

Deutliche Zunahme von Insolvenzen bislang ausgeblieben

Durch die Pandemie fehlten vor allem die Hamburg-Touristen, die etwa 90 Prozent der Gäste ausmachen. „Dass wir jetzt gleich wieder durchstarten können, glauben wir kaum, da alle Musicals, Sport-Events und Veranstaltungen in Hamburg abgesagt oder verschoben worden sind“, bedauert Juri Akulov.

„Wir hoffen, dass wir unsere Kapazitäten schnell wieder voll ausschöpfen können“, sagt Axel Strehl. Das sei für den Fortbestand vieler Stormarner Betriebe von existenzieller Bedeutung. Er wisse von zahlreichen Stundungen, Zahlungsaufschüben und ausgesetzten Kreditzahlungen. Wie viele Betriebe den Lockdown nicht überstehen werden, darüber gebe es bislang noch keine gesicherten Zahlen. „Wir wollen unter unseren Mitgliedern nach Pfingsten eine entsprechende Umfrage starten, um uns dann ein detailliertes Bild von der wirtschaftlichen Situation in unserem Gewerbe zu machen“, sagte Schleswig-Holsteins Dehoga-Präsident dem Abendblatt.

Trotz oft geäußerter Befürchtungen ist eine deutliche Zunahme von Insolvenzen bislang ausgeblieben. Das teilte das für den Kreis Stormarn sowie einzelne Gemeinden des Kreises Herzogtum Lauenburg zuständige Amtsgericht Reinbek auf Anfrage mit. „Finanzämter, die häufig Insolvenzverfahren anstoßen, agieren da momentan sehr zurückhaltend“, erklärte Gerichtsdirektor Ulrich Fieber. Es sei aber durchaus damit zu rechnen, dass es in einigen Monaten zu einem pandemiebedingten Anstieg der Insolvenzverfahren kommen könnte.

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