Fliegen

Der Bürgermeister und die Freiheit über den Wolken

| Lesedauer: 5 Minuten
Edgar S. Hasse
Andreas Bitzer, Bürgermeister der Gemeinde Siek, im Motorschirmflieger.

Andreas Bitzer, Bürgermeister der Gemeinde Siek, im Motorschirmflieger.

Foto: Andreas Bitzer

Andreas Bitzer aus Siek vergisst in seinem Fluggerät alle Herausforderungen und Nöte auf Erden – sogar seine Höhenangst.

Siek.  Über den Wolken – da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein: Wenn Andreas Bitzer (47) mit seinem motorisierten Fluggerät hoch über den Wiesen und Feldern von Siek und Braak im Kreis Stormarn schwebt, erlebt er immer wieder ein tiefes Gefühl von Freiheit, und das garantiert virenansteckungsfrei.

Einige Hundert Meter oben in der Frühlingsluft vergisst der Bürgermeister der Gemeinde Siek, wie er sagt, alle Herausforderungen, Ängste und Nöte auf Erden. Coronakrise mit Kontaktsperren und Sicherheitsabständen? Bei dieser Sportart, dem Motorschirmfliegen, gehören Abstandsregeln zu anderen Piloten und Gegenständen seit eh und je dazu. Alles andere würde nur die Gefahr eines Crashs erhöhen.

Andreas Bitzer liebt Adrenalin-Sportarten

Der 47 Jahre alte gelernte Di­plom-Bauingenieur und Leiter einer Berufsschule in Neumünster, liebt Adrenalin-Sportarten. Er absolvierte 20 Solofallschirmsprünge aus 4000 Metern Höhe, unternahm zahllose Tauchgänge, hat einen Pilotenschein für kleine Sportmaschinen. Und vor vier Jahren absolvierte er gemeinsam mit seinem Schwager eine Ausbildung an einer Gleitschirm-/Motorschule in Bad Harzburg und besitzt seitdem den vorgeschriebenen Flugschein. „Erst“, sagt er, „haben wir nur am Gleitschirm eine Ausbildung erfahren, dann in Kombination mit einem Motor auf dem Rücken.“ Was für ein Gefühl!

Für das gut 15.000 Euro teure Hobby braucht man neben dem herkömmlichen Gleitschirm, der sonst bei Flügen in den Bergen zum Einsatz kommt, einen Motor. Bitzers Fluggerät besteht aus einem Zwei-Takt-Motor mit rund 200 ccm Hubraum und einer Leistung von 20 kW. Vollgetankt wiegt der Motor, der von den sogenannten Fußstartern auf dem Rücken getragen wird, dann rund 30 Kilogramm. Bei rund 10 Kilometern in der Stunde Rückenwind bringt es der Motorschirmflieger immerhin auf eine Geschwindigkeit von 50 km/h.

„Zum Lenken haben wir in jeder Hand einen Griff“, sagt der Hobby-Pilot. „Und der zieht den Schirm auf der jeweiligen Seite hinten etwas herunter. Der Schirm ‚bremst‘ auf der Seite, und so können wir lenken.“ Derweil hält die rechte Hand den Gasgriff des Motors. „Weniger Gas bedeutet mehr sinken.“ Die Starts mit dem rund 25 Quadratmeter großen Gleitschirm sind stets anspruchsvoll. Der Schirm liegt immer hinter den Piloten auf der Wiese – und der muss dann schnell über das Gras laufen, Gas geben, damit der Propeller ihn nach vorne schiebt, bis das Fluggerät schließlich abhebt.

Strenge Sicherheitsbestimmungen

Bitzer ist mittlerweile auf die bequemere Art umgestiegen. In seinem Fluggerät gibt es einen Sitz. Er muss auch nicht mehr über die Wiese flitzen. „Ich kann sitzen, der Motorschub rollt das ganze Gefährt über die Wiese.“ Der Startvorgang dauere nicht mehr so lange und sei nicht so anstrengend.

Gestartet werden darf allerdings nur auf zugelassenen Wiesen. Nach Angaben der Landesluftfahrtbehörde gibt es Startplätze unter anderem in Braak sowie drei weitere im Kreis Stormarn. Es sind Wiesen, die für die Landwirtschaft genutzt werden. Die Sicherheitsbestimmungen sind streng: Die Piloten dürfen nur bei maximal 20 Stundenkilometern Wind in die Luft gehen – das ist Windstärke 3. Zudem muss mindestens eine weitere Person bei Start und Landung vor Ort sein. Die Hobby-Piloten müssen regelmäßig Berichte in ihre Flugkladde eintragen. Zur Sicherheit haben sie einen Fallschirm an Bord.

Glücksgefühle hoch oben

Einmal hoch oben in der Luft – gemeinsam mit anderen Motorschirmfliegern aus dem Kreis Stormarn – wachsen die Glücksgefühle. „Sie halten sogar noch lange nach einem Flug an. Und sie sind ein ganz wichtiger Faktor der Gesunderhaltung, gerade in diesen Zeiten“, sagt der CDU-Politiker und Vorsitzende des CDU-Ortsverbandes Siek-Meilsdorf. Es sei wichtig, während der Coronapandemie auch die Psyche gesund zu halten. „Mit Dingen, die Freude machen – wie dem Fliegen“, fügt Andreas Bitzer hinzu. Zu den Routen vor der Pandemie zählten Flüge nach Lauenburg an die Elbe, Richtung Ratzeburg, Lübeck und an der Ostseeküste entlang. Der Sprit reicht für gut zwei Stunden Flug.

Die Coronakrise hat für den Schulleiter und Lokalpolitiker weniger Sitzungen und öffentliche Auftritte mit sich gebracht. Allerdings laufen jetzt viele Abstimmungen über E-Mail und Telefon. Der Hobby-Flieger blickt trotz der Probleme optimistisch in die Zukunft: „Ich habe das Gefühl, dass die Krise uns alle dazu bringen wird, auch künftig etwas näher zusammenzustehen.“ Und er möchte allen Mut machen: „Diese Krise werden wir überstehen. Dank eines großen Zusammenhalts und dank ausgezeichneter sozialer Sicherungssysteme wie Kranken- und Arbeitslosengeld und dem Kurzarbeitergeld.“

Eines aber wird auch nach der Pandemie bleiben: seine Höhenangst. Als gelernter Zimmermann und ehrenamtlicher Feuerwehrmann spürte Andreas Bitzer vor allem auf den Leitern diese kaum zu besiegende Höhenangst. „Beim Motorschirmfliegen ist sie jedoch weg. Egal oder fünf oder 1500 Meter über dem Erdboden.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Stormarn