Quarantäne

Belegschaft des Pflegeheims in Rümpel arbeitet am Limit

Daniel Schöneberg (41), Leiter des Wohnparks Rohlfshagen, in der Außenanlage des Pflegeheims in Rümpel.

Daniel Schöneberg (41), Leiter des Wohnparks Rohlfshagen, in der Außenanlage des Pflegeheims in Rümpel.

Foto: Wohnpark Rohlfshagen

Die Corona-Quarantänebedingungen und sieben Todesfälle machen den Mitarbeitern der Einrichtung schwer zu schaffen.

Rümpel/Bad Oldesloe. Während Daniel Schöneberg, Leiter des Pflegeheims Wohnpark Rohlfshagen, am Telefon spricht, wird die Liste weiterer Anrufer immer länger. Der 41-Jährige ist extrem gefordert, seit seine Einrichtung am 9. April wegen Corona-Infektionen unter Quarantäne gestellt wurde. Grund dafür waren die Ergebnisse einer Reihentestung, nachdem eine Mitarbeiterin zuvor wegen typischer Krankheitssymptome positiv auf das Covid-19-Virus getestet worden war. 53 von 69 Bewohnern und 19 von 68 Mitarbeitern bekamen das überraschende Ergebnis: positiv.

Viele Bewohner des Pflegeheims sind an Demenz erkrankt

Der Kreis Stormarn stellte das Heim samt Personal daraufhin unter Quarantäne und ordnete weitere Tests an. Inzwischen sind 58 Bewohner und 24 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Binnen einer Woche starben sieben Bewohner. Das ist selbst für eine Einrichtung wie in Rümpel, deren Bewohner zwischen Anfang 60 und Ende 90 Jahre alt und an Demenz erkrankt sind, eine sehr belastende Situation.

Unter den Verstorbenen war auch ein 93-Jähriger. „Er lag bereits seit zwei Monaten palliativ. Weil er positiv getestet wurde, ist er nun ein Coronatoter“, sagt Schöneberg. Im Wohnpark Rohlfshagen gehöre der Tod zwar durch Alter und Erkrankungen der Bewohner ebenso wie durch die Palliativpflege zum Heimalltag, aber die Situation sei durch das Coronavirus eben doch anders.

Die Quarantäne zerrt an den Mitarbeitern, sie sind gestresst

Wir bewegen uns hier als Personal in kompletter Schutzkleidung durchs Haus. Angehörige nehmen keinen direkten Abschied mehr von Sterbenden, es gibt keine Gottesdienste oder Spielenachmittage mehr“, erklärt Schöneberg die Veränderungen im Heimalltag. „Die Stimmung im Haus ist sonst fröhlich und lebendig, das ist gerade nicht mehr so. Sie ist angespannt, aber nicht hoffnungslos.“ Alles, was derzeit in die Einrichtung gelangt, unterliegt strengen Hygieneanforderungen. Jeder Gegenstand muss desinfiziert werden, jeder Mensch Schutzkleidung tragen. „Auch die Bestatter kommen in voller Schutzmontur, weil die Leichen infektiös sind.“

In der 1954 gegründeten Einrichtung arbeiten mit Corona Infizierte und gesunde Mitarbeiter gemeinsam weiter. Für alle gelten Quarantänebedingungen: Sie dürfen sich nur zwischen dem Wohnpark und dem eigenen Zuhause bewegen. Jeder, der mit ihnen den Haushalt teilt, steht ebenfalls unter den strengen Auflagen der Quarantäne. „Die Quarantäne zerrt an den Leuten, meine Mitarbeiter sind gestresst und an der Grenze des Möglichen“, sagt Schöneberg, der seine sechsjährige Tochter schon vor fünf Wochen bei Verwandten untergebracht hat, um sie vor Ansteckung zu schützen. Die Tränen in seinen Augen sieht sie nicht bei den abendlichen Telefonaten, wenn Schöneberg nach einem hektischen Tag Sehnsucht nach seinem Kind hat.

Personal aus Süddeutschland und Österreich hilft in Rümpel

Ständige neue Informationen sorgten zudem für Verunsicherung in der Belegschaft. „Ich weiß nie, was morgen oder in einer Stunde ist – oder wie die Dienste aussehen“, sagt Schöneberg zum Abendblatt. „Wem es heute noch gut geht, der kann morgen schon über Symptome klagen und ausfallen.“

Doch es gibt auch Momente, die ihm und seinen Mitarbeitern Hoffnung und Kraft schenken: Wenn Angehörige von Bewohnern einen selbstgebackenen Kuchen vorbeibringen und sich für den Einsatz des Personals bedanken. Oder wenn infizierte Kollegen nach drei bis vier Tagen Fieber schon wieder einsatzbereit in die Einrichtung zurückkehren und an anderen das Virus scheinbar spurlos vorübergeht. Das schenke Zuversicht, sagt Schöneberg. „Die Angehörigen haben Verständnis für unsere Situation mit Besuchsverbot und Quarantäneauflagen. Sie machen uns Mut.“

Leben für Bewohner so normal wie möglich gestalten

Seine Mitarbeiter machten Extra-Schichten und kämen sogar aus dem Urlaub, um zu helfen. Verstärkung hat er dennoch bei einem Personaldienstleister angefordert. Deshalb arbeiten in der Einrichtung in Rümpel nun auch Pflegekräfte aus Süddeutschland und Österreich. Kein gewöhnlicher Aushilfsjob, denn „mit dem ersten Fuß in der Einrichtung sind sie in Quarantäne“. Daniel Schöneberg und sein Team versuchen, das Leben für die Bewohner des Hauses so „normal wie es eben geht“ zu gestalten, um keine Depressionen und Ängste zu schüren. „Die täglichen Kontrollen von Temperatur und Sauerstoffgehalt im Blut machen wir so beiläufig wie möglich.“ Ein nettes Wort oder ein gesungenes Lied seien auch mit Schutzmaske möglich. „Aber lächeln können wir nur noch mit den Augen.“

Während manche Bewohner die Veränderungen im Haus laut Schöneberg sehr genau wahrnehmen, lebten andere äußerlich ungerührt in ihrer eigenen Welt weiter. Weil ihre Angehörigen sie zurzeit nicht besuchen dürfen, schicken diese Fotos oder rufen per Videokonferenz an.

Die vergangenen zwei Wochen haben Spuren bei Schöneberg hinterlassen, sagt er. „Ich habe zehn Kilo abgenommen. Manchmal merke ich erst um 17 Uhr, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe.“ Seine Mitarbeiter leistetem derzeit „Heldenhaftes“. Was er mit ihnen macht, wenn das Coronavirus gebannt ist, weiß er genau: „Dann ziehen wir uns alle ein T-Shirt mit der Aufschrift „Fuck Corona“ an und nehmen einander in den Arm.“

127 Stormarner gelten nunals von Corona genesen

15 Stormarner sind bis Dienstag am Coronavirus gestorben. Von den kreisweit 360 Covid-19-Fällen sind 196 in häuslicher Quarantäne, 22 in stationärer Behandlung. Acht davon befinden sich im Reinbeker Krankenhaus St.-Adolf-Stift auf der Isolierstation. Eine 62-Jährige kam dort am Dienstagmorgen neu hinzu. Ihr Zustand ist stabil. Zwei Neuinfektionen stammen aus einer weiteren Pflegeeinrichtung im Süden des Kreises. 127 der Fälle gelten bereits als genesen.