Stormarn

DNA-Massentest in Glinde: Mutter der Babyleiche nicht dabei

| Lesedauer: 5 Minuten
Janina Dietrich
322 Frauen haben beim DNA-Test in Glinde eine Speichelprobe abgegeben (gestellte Szene). Die Laboruntersuchung ergab, dass die Mutter des Kindes nicht unter den Testpersonen war.

322 Frauen haben beim DNA-Test in Glinde eine Speichelprobe abgegeben (gestellte Szene). Die Laboruntersuchung ergab, dass die Mutter des Kindes nicht unter den Testpersonen war.

Foto: Janina Dietrich

Schüler fand den toten Säugling im März 2019 in einem Waldstück. Polizei muss Suche nach Eltern wegen der Coronakrise unterbrechen.

Glinde. Die Identität des toten Säuglings, der am 22. März 2019 im Glinder Gellhornpark entdeckt wurde, ist weiterhin unbekannt. Die Mutter des Kindes war nicht unter den 322 Mädchen und Frauen, die im Februar dieses Jahres bei der DNA-Reihenuntersuchung im Glinder Schulzentrum eine Speichelprobe abgegeben hatten. Das habe die Laboruntersuchung ergeben, sagt Oberstaatsanwältin Ulla Hingst auf Abendblatt-Anfrage.

Und weiter: „Es war auch kein naher Verwandter des Säuglings dabei.“ Verwandte bis dritten Grades können nach Angaben der Polizei bei einem solchen DNA-Test erkannt werden und damit Hinweise auf die Eltern geben.

Toter Säugling lag nicht länger als zwei Wochen im Waldstück

Ein Sechstklässler hatte die Babyleiche bei einer Müllsammelaktion entdeckt. Sie war in ein blaues Handtuch eingewickelt und halb im Waldboden vergraben worden. Die Ermittler gaben dem hellhäutigen Jungen den Namen Leander. Rechtsmediziner gehen davon aus, dass er etwa zwei Monate zu früh auf die Welt kam.

Ihren Untersuchungen zufolge dürfte er nicht länger als zwei Wochen in dem Waldstück gelegen haben und müsste somit um den 8. März 2019 herum geboren worden sein. Ob der Junge eine Totgeburt war oder zum Zeitpunkt des Ablegens noch lebte – dazu macht die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben. Offiziell ermittelt sie „wegen des Verdachts eines möglichen Tötungsdeliktes“.

Mutter der Babyleiche könnte aus der Umgebung stammen

Profiler vermuten, dass die Mutter des Kindes aus der Umgebung stammen könnte. „Oft gibt es in solchen Fällen eine räumliche Nähe zwischen dem Ablageort des Kindes und dem Wohnort der Mutter“, sagte Polizeisprecher Stefan Muhtz zu den Auswahlkriterien für den Massentest.

Die Ermittler hatten deshalb 530 Mädchen und Frauen im Alter von 13 bis 48 Jahren, die in der Nähe des Gellhornparks wohnen, zur Abgabe einer Speichelprobe aufgefordert. Die Ausgewählten stammen nach Angaben der Polizei aus 37 Nationen mit 31 verschiedenen Amtssprachen. Die Teilnahme an dem DNA-Test war freiwillig.

Weitere Frauen sollen nach Coronakrise Probe abgeben

Ein Teil der rund 200 Mädchen und Frauen, die damals nicht im Glinder Schulzentrum erschienen, hatte sich bereits im Vorfeld bei den Behörden gemeldet und um einen alternativen Termin gebeten. Weitere folgten im Anschluss. Doch diese Tests konnten bisher wegen der Coronakrise nicht nachgeholt werden. „Sie stehen noch aus“, sagt Oberstaatsanwältin Ulla Hingst. „Wegen der aktuellen Situation musste das erst einmal ausgesetzt werden.“ Die Ermittlungen seien damit unterbrochen, sollen aber fortgesetzt werden, sobald sich die Lage entspannt. Sollten auch diese Proben nicht zum Erfolg führen, wird die Polizei die Frauen genau überprüfen, die der Untersuchung ferngeblieben sind.

Bereits vor der DNA-Reihenuntersuchung hatte die Polizei vieles versucht, um die Eltern des Säuglings zu ermitteln. Doch weder Spuren am Tatort noch ein DNA-Abgleich führten zum Erfolg. Beamte hatten mit einer Probe des Kindes überprüft, ob Vater oder Mutter in der DNA-Analyse-Datei des Bundeskriminalamtes erfasst sind. Dort werden genetische Fingerabdrücke von Straftätern, aber auch von an Tatorten gesicherten Spuren gespeichert. Mehr als 1,2 Millionen Datensätze sind enthalten.

Bei einem negativen Ergebnis werden die Daten gelöscht

Zudem waren die Ermittler mehrmals in Glinde unterwegs, hängten Plakate mit einem Zeugenaufruf an Bushaltestellen, Geschäften und Stromkästen auf. Auch in Mehrfamilienhäusern rund um den Gellhornpark wurden die Zettel in den Hausfluren an die schwarzen Bretter angebracht. In Bad Schwartau führte eine solche Aktion 2011 bei einem ähnlichen Fall zum Erfolg. Doch in Glinde erhielten die Beamten über diesen Weg keinen entscheidenden Tipp.

Die Proben der 322 Teilnehmerinnen aus Glinde werden damit gelöscht, das hatte die Polizei den Frauen bereits vor der Teilnahme im Falle eines negativen Abgleichs zugesichert. „Sie werden nicht gespeichert und auch nicht mit anderen offenen Fällen, etwa einem Einbruch, abgeglichen“, betonte Stefan Muhtz.

Anonymer Spender finanzierte Beisetzung des Babys

Der Fall hatte bei vielen Glindern große Betroffenheit ausgelöst. Blumen waren an der Fundstelle abgelegt und Kerzen aufgestellt worden. Der zwölf Jahre alte Schüler, der den toten Säugling gefunden hatte, wurde umgehend von Notfallseelsorgern betreut, genauso wie einige Mitschüler. Ein anonymer Spender hatte schließlich das Grab und die Beisetzung des Babys finanziert, „um dem Kind eine angemessene Ruhestätte zu geben und einen Ort zu schaffen, an dem Abschied genommen und Leander gedacht werden kann“, wie es damals in einer gemeinsamen Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft hieß. Leander wurde am 10. April 2019 auf dem städtischen Friedhof in Glinde beigesetzt.

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