Coronakrise

Ahrensburger organisieren einen besonderen Lieferdienst

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Janina Dietrich
Till Balkenhol (19) ist einer von mehr als 30 Helfern, die Einkäufe zu Ahrensburgern nach Hause bringen. Annette Maiwald-Boehm (60, l.) und Regine Kersting (57) koordinieren das Angebot.

Till Balkenhol (19) ist einer von mehr als 30 Helfern, die Einkäufe zu Ahrensburgern nach Hause bringen. Annette Maiwald-Boehm (60, l.) und Regine Kersting (57) koordinieren das Angebot.

Foto: Pia Rabener

Mehr als 30 Ehrenamtliche verteilen derzeit Lebensmittel und Mittagessen. So funktioniert das neue Angebot.

Ahrensburg. „Die Senioren freuen sich riesig und sind sehr dankbar, das macht einfach Spaß“, sagt Jasmin Pöhls. Mehrfach war die 22-Jährige in der vergangenen Woche unterwegs, um Ahrensburgern ein warmes Mittagessen vorbeizubringen. Gekocht wurden die Speisen im Peter-Rantzau-Haus. Die Mitarbeiter der Begegnungsstätte, die wegen des Coronavirus bis auf Weiteres geschlossen bleiben muss, haben sich einiges einfallen lassen, um ältere Bürger in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen.

Lieferdienst in Coronazeiten: Geld kann im Umschlag übergeben

„Wir haben eine Liste mit mehr als 30 freiwilligen Helfern“, sagt Regine Kersting vom Projektbüro Engagierte Stadt Ahrensburg. Die Ehrenamtler bringen Mittagessen vorbei, übernehmen Einkäufe und von dieser Woche an auch einen kostenlosen Lieferdienst für Ahrensburger Kaufleute.

Die Idee: Die Bürger bestellen bei teilnehmenden Geschäften telefonisch oder über das Internet. Die Händler bringen die Ware dann zum Peter-Rantzau-Haus, von dort wird sie von den Ehrenamtlern zu den Kunden nach Hause transportiert.

Das Geld kann abgezählt in einem Umschlag an den Lieferanten übergeben oder per Rechnung bezahlt werden. Zudem ist die Kaufleutevereinigung Ahrensburger Stadtforum dabei, EC-Geräte anzuschaffen. Deren Vorsitzender Götz Westphal sagt: „Wir wollten nicht in Konkurrenz zu dem bestehenden Angebot treten, sondern es ergänzen.“

Viele Kaufleute seien nach der angeordneten Schließung zur Eindämmung des Coronavirus zunächst in eine Schockstarre verfallen. „Langsam löst sie sich und die Händler machen sich Gedanken und entwickeln Ideen.“ Einige hätten bereits einen eigenen Lieferdienst gestartet.

Händlerin zeigt Fotos ihrer Ware im Internet

Für das neue Angebot unter dem Motto „Ahrensburg hilft und liefert“ haben sich bislang sechs Geschäfte angemeldet. Darunter die Damenboutique Schnieke Stücke. Inhaberin Ulrike Nelkowski ist seit 2014 selbstständig, verkauft normalerweise auf 75 Quadratmetern Damenkleidung. In den vergangenen Tagen hat sie rund 200 Fotos gemacht, um zumindest einen Teil der Ware auf ihrer Internetseite präsentieren zu können.

„Es ist schwierig“, sagt die 56-Jährige, die bislang keinen Onlineshop betrieben und auch keine Erfahrungen mit dieser Verkaufsform gesammelt hat. „Wir leben von dem persönlichen Kontakt und der Beratung“, sagt sie. Künftig wolle sie versuchen, telefonisch oder per E-Mail zu beraten, den Kunden dann vielleicht eine kleine Auswahl zusammenstellen und liefern lassen.

„Es ist schwer einschätzbar, wie viel Umsatz sich mit dem Lieferdienst generieren lässt“, sagt Stadtforum-Chef Götz Westphal. Er betont: „In erster Linie geht es uns darum, Hilfe für Ahrensburger anzubieten, die nicht mehr vor die Tür gehen können oder dürfen.“

Die Helfer erhalten für ihre Touren Schutzausrüstung

Koordinatorin Regine Kersting spricht von einer „sehr großen Hilfsbereitschaft der Ahrensburger“. Unter den freiwilligen Helfern seien Schüler und Studenten, ganze Familien, aber auch berufstätige Männer und Frauen, die momentan wegen Homeoffice oder Kurzarbeit freie Kapazitäten hätten.

Coronavirus: Das sollten ältere Menschen beachten:

  • Meiden Sie soziale Kontakte so weit wie möglich
  • Halten Sie Kontakt mit Ihren Freunden und Ihrer Familie über Telefon, Brief, soziale Netzwerke oder Skype
  • Besuchen Sie keine Freizeitveranstaltungen
  • Meiden Sie den öffentlichen Personennahverkehr
  • Meiden Sie unbedingt den Kontakt zu Enkelkindern
  • Halten Sie persönlichen Abstand von mindestens zwei Metern
  • Geben Sie niemandem die Hand, und umarmen Sie niemanden
  • Gehen Sie nicht in eine Arztpraxis, sondern rufen Sie bei Bedarf dort an, und besprechen Sie das weitere Vorgehen
  • Wenn möglich, gehen Sie nicht in Apotheken, sondern lassen Sie sich benötigte Medikamente nach Hause liefern
  • Nutzen Sie Lieferdienste von Supermärkten
  • Nehmen Sie gern Hilfe oder das Angebot von Botengängen aus der Nachbarschaft und Familie an
  • Gehen Sie gern eine Runde spazieren. Wenn Sie dabei Bekannte treffen: Denken Sie daran, Abstand von zwei Metern zu halten
  • Waschen Sie sich regelmäßig und gründlich die Hände

„Es sind auch Vereine wie der Ahrensburger TSV und der SSC Hagen dabei“, sagt Kersting. Zudem hätten der Stadtjugendring und das Kollegium der Fritz-Reuter-Schule Hilfe angeboten, stünden auf Standby. „Wenn der Bedarf größer werden sollte, könnten wir unseren Pool an Helfern problemlos aufstocken.“

Warum Ahrensburger mitmachen

Auch Till Balkenhol hat sich im Peter-Rantzau-Haus gemeldet. „Ich habe bisher schon für meine Familie und andere in unserer Straße eingekauft“, sagt der 19-Jährige. Er studiert Biomedizintechnik im zweiten Semester, hat wegen der Coronakrise aber keine Vorlesungen in Lübeck. „Ich habe Zeit, um anderen zu helfen“, sagt er. „Das mache ich gern.“

So geht es auch Jasmin Pöhls. Die junge Ahrensburgerin wollte nach dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau bei Hela eigentlich für vier Monate durch Kanada reisen, bevor sie im Herbst mit einem Studium anfängt. Da aus den Plänen wegen der Coronapandemie wohl nichts werde, wolle sie die freie Zeit nun sinnvoll nutzen.

Ausgestattet mit Maske, Handschuhen und Desinfektionsmittel bringe sie Mittagessen, Zeitschriften und Rätselhefte zu Senioren. Die 22-Jährige sagt: „An der Tür bleibt auch Zeit, um sich kurz zu unterhalten – natürlich mit dem nötigen Sicherheitsabstand.“

So laufen die Lieferungen ab:

Kunden können sich im Internet unter www.ahrensburger-stadtforum.de informieren, welche Geschäfte sich an dem Lieferdienst beteiligen und wie sie zu erreichen sind. Derzeit sind das Kaufhaus Nessler, die Decorative Products GmbH, die Damenboutique Schnieke Stücke, das skandinavische Geschäft Koti, Juwelier Werning und Bild & Rahmen Götz Westphal dabei. Viele weitere Händler und Gastronomen aus Ahrensburg haben einen eigenen Lieferservice. Auch sie werden auf der Internetseite aufgelistet.

Wer ein warmes Mittagessen vom Peter-Rantzau-Haus geliefert bekommen möchte, muss sich unter Telefon 04102/21 15 15 melden. Die Mitarbeiter sind montags bis freitags von 10 bis 15 Uhr sowie sonnabends von 9 bis 13 Uhr erreichbar.

Wer einen Einkaufsservice oder andere Unterstützung benötigt, kann sich dort ebenfalls melden. Freiwillige Helfer bringen die Waren dann im Auto zu den Kunden. Dafür stehen zwei Fahrzeuge der Arbeiterwohlfahrt bereit, zudem will Renault-Händler Lüdemann & Sens auch noch ein Elektroauto zur Verfügung stellen.

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