Entwicklungshilfe

Was ein Stormarner Arzt auf Mission in Pakistan erlebt

| Lesedauer: 6 Minuten
Pia Rabener
Doktor Felix Blake und sein Team im Operationssaal im „The Glory Faith“-Hospital in Pakistan.

Doktor Felix Blake und sein Team im Operationssaal im „The Glory Faith“-Hospital in Pakistan.

Foto: Pia Rabener

Doktor Felix Blake fliegt regelmäßig mit Interplast in Entwicklungsländer. Oldesloer Club unterstützt ihn mit einer Spende.

Bad Oldesloe. Eigentlich leitet Felix Blake zwei Praxen für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie in Reinbek und in Bad Oldesloe. Doch einmal im Jahr tauscht er Praxen gegen Krankenhaus, seinen Urlaub gegen zwei Wochen Dauereinsatz als Operateur: Blake gehört zum Team von Interplast Germany. Wenn der Plastische Chirurg im Namen des gemeinnützigen Vereins in Entwicklungsländer geht, überlässt er seine Praxen einem Kollegen. Dann verhilft der 51-Jährige Patienten am Einsatzort durch plastisch-chirurgische Eingriffe zu einem neuen Leben. Dank seiner Korrektur von Gesichtsfehlbildungen, Kiefer-Lippen-Gaumenspalten, schweren Verbrennungsnarben oder Defekten durch Unfälle und Kriegsfolgen dürfen sie künftig auf ein Leben als vollwertig angenommenes Mitglied in der Gesellschaft hoffen.

Bis zu drei Wochen dauert eine Mission

Beim Inner Wheel Club, dem weiblichen Pendant zu den Rotariern, in Bad Oldesloe berichtet der Arzt von seiner letzten Mission in Pakistan 2016. Er hofft, dass der Club kommende Missionen von ihm und seinen Kollegen mit Spenden unterstützt. „Bis zu drei Wochen dauert eine Mission, bei der wir rund um die Uhr operieren“, sagt der Mediziner. Die Operationsteams bestehen aus Plastischen Chirurgen, Anästhesisten und OP-Pflegepersonal. Für sie ist Urlaub ein Fremdwort. Ihre zwei bis drei Wochen arbeitsfreie Zeit opfern sie, um Menschen in Entwicklungsländern zu behandeln und ihnen wieder die soziale Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen.

Felix Blake ist Sohn eines Arztes aus Trinidad und einer Deutschen. In Hamburg-Blankenese geboren, zog er mit sechs Jahren auf die karibische Heimatinsel seines Vaters. Dort ging er in der Hauptstadt Port of Spain zur Schule und machte sein Abitur. Für sein Zahnmedizinstudium zog es Blake wieder nach Hamburg. Er hängte ein Medizinstudium sowie eine Spezialisierung auf die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie an – und trat dem Team von Interplast Germany bei.

Arbeit unter schlechten Hygienebedingungen

Sein Einsatz für die ehrenamtliche Organisation, die sich der plastisch-chirurgischen Hilfe in Entwicklungsländern bei angeborenen oder erworbenen Defekten verschrieben hat, führte den Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie im September 2016 in die pakistanische Stadt Rawalpindi im Norden des Landes. Die Region ist bekannt für ihre politisch prekäre Lage und den Kampf an der Staatsgrenze zu Indien.

„Wir besitzen in Deutschland das Privileg, durchs Vorzeigen einer kleinen Plastikkarte die notwendige Behandlung zu bekommen“, sagt Blake. Ein Luxus, der in Pakistan niemandem zu Gute komme, der kein entsprechendes Geld verdiene. So operieren die Chirurgen in einer Einrichtung, die vom Staat schon lange nicht mehr finanziell unterstützt wird und dementsprechend ausgestattet ist. Blake: „Die Lampen sind dieselben, die wir bis 2005 in deutschen Operationsräumen hängen hatten.“ Trotz schlechterer Hygienebedingungen sei die Post-Infektionsrate nicht höher als hierzulande.

Menschen laufen vier Tage für eine Behandlung durchs Land

Wenn sich das Ärzteteam ankündigt, werden in den örtlichen Zeitungen Anzeigen geschaltet, dass Interplast zu Besuch kommt. „Die Leute vom Land laufen bis zu vier Tage lang in die Stadt, um ihre Angehörigen kostenlos behandeln zu lassen“, berichtet der Chirurg. Pro Aufenthalt operiert das Team zwischen 100 und 150 Personen. In der ersten Woche werden die schwierigeren Fälle versorgt, um in der zweiten Woche Zeit für die Nachkontrolle zu haben.

Mehr als die Hälfte der Patienten sind Kinder. 50 bis 55 Minuten braucht der Facharzt, um eine angeborene Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zu beheben. Dabei komme es in erster Linie auf die Wiederherstellung der Funktionalität an. Auch Verbrennungen durch das Kochen am offenen Feuer oder durch Stromschläge gehören zum Alltag. „Die Kabel der Stromtrassen hängen so tief, dass Kinder beim Spielen unbeabsichtigt dagegen kommen“, berichtet Blake.

In der Summe bewirke man etwas Großes

Aus den Stromschlägen resultierten nicht selten auch Muskelkontrakturen, die zu Einschränkungen in der Beweglichkeit führten. Ein weiteres Problem seien Säureattacken und absichtliche Verstümmelungen von Frauen durch ihre Ehemänner. „Das Abschneiden der Nase soll zeigen, dass die Frau ihren Mann betrogen hat. Ob sie es wirklich getan hat, spielt keine Rolle. Ihr Mann wird dafür nicht zur Rechenschaft gezogen“, so Blake. Während seines Aufenthaltes stehen dem Team anderthalb freie Tage zur Verfügung. Die nutzen Blake und seine Kollegen für Ausflüge. Eine Sache stört den Vater von vier Töchtern an der Mission in Pakistan besonders: „Frauen werden dort selbst im OP von ihren männlichen Kollegen wie Luft behandelt.“ Blake bestand daher darauf, bei Operationen mindestens immer eine einheimische Frau als Assistentin dabei zu haben.

Aber warum geht der 51-Jährige in Krisengebiete, die von Armut und Gewalt geprägt sind? „Weil Gesundheit ausschließlich Geburtsglück ist“, sagt Felix Blake. Mit seinem Vortrag im Inner Wheel Club wirft der Arzt auch die Frage auf: „Ist das nicht alles nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?“ Nein, sei es nicht, so der Mediziner. Interplast sei eine globale Organisation. Dadurch, dass sich die Missionen der unterschiedlichen Länder oft zeitlich aneinander reihten, bewirke man in der Summe etwas Großes. „Trotzdem dürfen wir nicht naiv sein, zwei Wochen im Jahr retten nicht die Welt.“

Blake und sein Team sind auf Spenden angewiesen

Ulrike Elvers, Vorsitzende des Inner Wheel Clubs, sichert ihm die finanzielle Unterstützung durch die Stormarner Frauenvereinigung zu. Damit können Unterkünfte, Instrumente, Medikamente und weitere Verbrauchsmaterialien bezahlt werden. Auf solche Spenden sind Blake und sein Team angewiesen.

Interplast Germany gliedert sich in 13 Sektionen. Die Teams bestehen aus zehn bis 15 Ärzten und Krankenschwestern aus unterschiedlichen Ländern. Spenden gehen an das Konto mit der IBAN: DE52 5502 0500 0008 6660 00. Mehr unter www.interplast-germany.de.

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