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Wo der Unterricht auch während der Coronakrise weitergeht

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Filip Schwen
Die Reiseroute der „Thor Heyerdahl“ ist 24.076 Kilometer lang. An 189 Tagen bereisen die Jugendlichen neun Länder.

Die Reiseroute der „Thor Heyerdahl“ ist 24.076 Kilometer lang. An 189 Tagen bereisen die Jugendlichen neun Länder.

Foto: HA

Lena Horstmann ist mit der „Thor Heyerdahl“ sechs Monate auf dem Atlantik unterwegs. Gemeinsam mit 33 weiteren Schülern.

Ammersbek. Seit mehr als zwei Wochen bleiben alle deutschen Klassenzimmer wegen der Coronapandemie leer – zumindest fast. Doch in einem Klassenzimmer wird tapfer weiter unterrichtet. Es befindet sich an Bord des Segelschiffs „Thor Heyerdahl“ und tourt auf dem Nordatlantik. Mit dabei beim „Klassenzimmer unter Segeln“ ist Lena Horstmann aus Ammersbek. Gemeinsam mit 33 weiteren Schülern der zehnten Klasse wurde die 16-Jährige für das Projekt der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ausgewählt.

Das segelnde Klassenzimmer ist bereits auf dem Rückweg

Sechs Monate verbringt Lena Horstmann an Bord, segelt von Kiel über Marokko und die Karibik, bevor sie im April wieder in der Fördestadt einläuft. Die Jugendlichen lernen auf der „Thor Heyerdahl“ nicht nur die Segelmanöver, auch der Schulunterricht wird an Deck des Dreimasttoppsegelschoners aus dem Baujahr 1930 erteilt, der den Namen des norwegischen Abenteurers Thor Heyerdahl (1914–2002) trägt. Dabei erforschen Wissenschaftler das Lern- und Sozialverhalten der Jugendlichen.

Das segelnde Klassenzimmer ist bereits auf dem Rückweg, doch jetzt macht das Coronavirus den Jungen und Mädchen einen Strich durch die Rechnung. Die „Thor“ liegt derzeit vor Horta auf der Azoren-Insel Faial vor Anker. „Wegen der Pandemie darf niemand von Bord.“, sagt Kapitän Detlef Soiczek. Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil die Besatzung den Stopp auf den Azoren dazu nutzen muss, um Proviant und Dieselvorrat aufzufüllen. Zuvor hatte die Besatzung der „Thor“ mehrere Wochen kein Land gesehen, als das Segelschiff von den Bermuda-Inseln aus den Atlantik überquerte. „Uns wurde von der Hafenbehörde zugesichert, dass wir Proviant bunkern können. Wie, das ist noch nicht ganz klar“, sagt Soiczek.

Die Stimmung auf der „Thor“ sei trotz allem gut

Derzeit sieht der Plan vor, dass die Vorräte eingeschweißt von Hafenarbeitern an den Pier gebracht werden, die Besatzung sie dann unter strenger Überwachung mit Overalls und Schutzhandschuhen an Bord bringt. Eigentlich sollten Teile der Crew, zu der neun Besatzungsmitglieder und sechs Lehrer gehören, in Horta ausgetauscht werden. Doch auch sie dürfen nicht von Bord. „Ein großer Teil der Besatzung sind Ehrenamtler, die in ihrem Urlaub einige Wochen mit uns fahren“, sagt Soiczek. Zwei Teammitglieder müssten jetzt Sonderurlaub beantragen. „Einer musste dringend nach Hause und konnte das Schiff nur mit diplomatischer Hilfe verlassen.“

Die Stimmung auf der „Thor“ sei trotz allem gut, sagt Lena Horstmann. „Wir sind hier sicherer als irgendwo anders“, meint die Schülerin, die zu Hause die Anne-Frank-Schule in Bargteheide besucht. Zunächst hätten sie an Bord wenig von der rasanten Zuspitzung der Coronakrise mitbekommen. „Zuerst haben wir davon gehört, als wir auf den Bermudas ankamen.“ Die 16-Jährige meint: „Es wird ein eigenartiges Gefühl sein, wenn wir am 25. April wieder in Kiel ankommen und Deutschland ein ganz anders Land ist, als es war, als wir losgefahren sind.“

Unterrichtet wird an Deck auf Bierzeltbänken und -tischen

Mit der Rückkehr nach Kiel geht für Lena Horstmann eine Reise zu Ende, die sie über 24.076 Kilometer an 189 Tagen in neun Länder geführt hat. Am 19. Oktober war die „Thor“ in Kiel ausgelaufen, durch Nordostsee-Kanal, Ärmelkanal und die Biskaya nach Marokko gesegelt, um sich anschließend auf der Kanaren-Insel Teneriffa auf die erste Atlantiküberquerung vorzubereiten. Auf dem Stundenplan des segelnden Klassenzimmerns stehen nicht nur Mathematik, Deutsch und Englisch, sondern auch astronomische Navigation. „Der Unterricht findet an Deck auf Bierzeltbänken statt, während der Boden schwankt und uns der Wind um die Ohren pfeift. Es gibt kein warmes Klassenzimmer“, sagt Lena Horstmann zum Abendblatt. Nur bei Regen werde er in den Speisesaal unter Deck verlegt.

Nach 25 Tagen auf See erreichten die Jugendlichen die Karibik. In Panama gingen die Schüler für einen dreiwöchigen Landaufenthalt von Bord. „Einige Tage haben wir in einem Dschungelcamp gelebt“, erzählt Lena Horstmann. Fasziniert habe sie die Geräuschkulisse: „Im Urwald ist es immer unglaublich laut“, sagt die Ammersbekerin. Besonders sei ihr der Laut der Brüllaffen im Ohr geblieben. Später erkundeten die Jugendlichen die Hauptstadt Panama-City.

Jugendliche erkundeten den Regenwald und die Insel Kuba

„Es ist eine Stadt, die von krassen Gegensätzen geprägt ist“, sagt die 16-Jährige. „Einerseits gibt es da die größte Shopping-Mall Amerikas. Andererseits gibt es Stadtteile, in denen ganze Fassaden an Gebäuden fehlen und die Häuser trotzdem bewohnt werden.“ Zum Abschluss der Zeit in Panama verbrachten die Jugendlichen einige Tage in einem Dorf der Naso-Indianer. „Sie haben uns mit motorisierten Einbäumen an der Thor abgeholt“, sagt Lena Horstmann. Gegen die Indianer spielten die Schüler Fußball. „Barfuß, das war gar nicht so leicht“, sagt die junge Ammersbekerin und lacht dabei.

Auch in Kuba verließen die Jungen und Mädchen das Schiff für drei Wochen. Vor der Abreise hatten sie Fahrräder als Spenden gesammelt. „Wir haben damit zuerst die Insel erkundet und sie dann verschenkt“, sagt Lena Horstmann. „Fahrräder sind in Kuba teuer, viele wünschen sich eines als Fortbewegungsmittel, das keine laufenden Kosten verursacht.“ Dann folgte der Besuch einer kubanischen Schule. Ein Moment ist Lena Hostmann besonders in Erinnerung geblieben: „Wir haben die Schüler gefragt, ob man den Staat kritisieren darf. Da haben sie geantwortet, man darf, aber an dem sozialistischen Regime gebe es nichts zu kritisieren.“

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