Stormarn
Engagement

Sieker und Ammersbekerin retten Lebensmittel vor dem Verderb

Filiz Taskin und Pastor Christian Schack mit seinem Sohn Arvid vor dem Pastorat in Siek, wo die Lebensmittel angeliefert wurden.

Filiz Taskin und Pastor Christian Schack mit seinem Sohn Arvid vor dem Pastorat in Siek, wo die Lebensmittel angeliefert wurden.

Foto: Kajsa Schack

Gastronomen stornieren Bestellungen beim Großhandel. Engagierter Mitarbeiter wollte nicht hinnehmen, das die Waren im Müll landen.

Siek. Als Pastor Christian Schack aus Siek den Anruf seines Freundes Raoul Grothmann entgegennahm, hatte dieser ein ganz spezielles Anliegen, bei dem weniger Seelsorge sondern vielmehr rasches und tatkräftiges Anpacken gefragt war. Grothmann ist tätig im Großhandel, und zwar speziell in der Sparte, die Restaurants und die Gastronomie mit Lebensmitteln beliefert. Doch jetzt fehlen wegen der Coronakrise die Abnehmer und der Großhandel bleibt auf seinen Waren sitzen. Und speziell die frischen Sachen mit einer kurzen Haltbarkeit landen früher oder später im Abfall. Grothmann hielt das für keine gute Idee – ob der Pastor eine bessere habe? Schack sagt: „Er hat angeboten, einen ganzen Transporter mit Lebensmitteln vollzupacken und vorbeizukommen.“ Der Pastor beschloss, das Angebot anzunehmen.

Schack und Freiwilligenteam fungierten als Lieferdienst

Die Waren, die Grothmann am Donnerstag anlieferte, verluden Schack und einige Freiwillige auf Privatautos, brachten sie dann direkt zu Bürgern in Siek, Hoisdorf und Brunsbek. Die drei Orte zählen zum Gemeindegebiet der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Siek. „Wir haben sie vor allem an ältere Menschen und solche, von denen wir dachten, sie könnten die Unterstützung gut gebrauchen, verteilt“, sagt Schack. Viele der Kontakte seien über Kirchengemeindevorsteherin Anke Bohnhoff zustande gekommen. „Wir haben bei unseren Angeboten aber nicht nach einer Kirchenmitgliedschaft gefragt“, betont Schack.

Etwa 20 Haushalte hätten sie so versorgen können. Am Freitag sah die Situation schon anders aus. Denn: „Wir hatten inzwischen einen Aufruf gemacht und es hatte sich herumgesprochen, dass wir eine weitere Lieferung bekommen würden“, erzählt Schack. Diesmal musste er die Auslieferung nicht organisieren, denn die Menschen kamen vorbei und holten die Sachen ab. Die Lieferung enthielt einige Lebensmittel in großen Mengen oder Stückzahlen. „Da waren beispielsweise mehr als 1000 Eier dabei“, sagt der Pastor.

Lebensmittelretter stehen nicht in Konkurrenz zu den Tafeln

Und er dachte an die Ahrensburger Tafel, fragte dort nach, ob Bedarf bestehe. Er erfuhr, dass die Tafeln in Stormarn schließen mussten, und erhielt den Rat, Kontakt mit Filiz Taskin aufzunehmen. Taskin ist als sogenannter „Foodsaver“ (Lebensmittelretter) über die Website foodsharing.de mit anderen Aktivisten vernetzt. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass überzählige Lebensmittel nicht in der Tonne landen, sondern weiterverteilt und verwendet werden. Im Kreis Stormarn gibt es vier solcher ehrenamtlichen Koordinatoren. Taskin ist zuständig für den Bezirk Ahrensburg und Bargteheide und hat gute Kontakte zur Ahrensburger Tafel.

Taskin betont, dass die Lebensmittelretter nicht in Konkurrenz zu den Tafel stehen, wenn es um die Abholung von Esswaren geht. „Die Tafeln gehen immer vor, wir nehmen ihnen nichts weg“, sagt sie. Und jetzt, da sie geschlossen seien, „haben wir uns privat organisiert, damit Bedürftige weiterhin versorgt werden“.

Filiz Taskin transportierte etwa 700 Kilo Essenswaren ab

So kam es ihr das Angebot des Pastors gelegen, sich an der Aktion zu beteiligen. Sie habe einen Passat Kombi, bei dem sie die Rückbank herunterklappen könne – ob der Platz ausreiche, wollte sie von Schack wissen. Der bejahte, doch vor Ort stellte sich heraus, dass Taskin doch zweimal anrücken musste. Sie habe Waren mit einem Gewicht von etwa 700 Kilo abtransportiert, schätzt die 37-Jährige aus dem Ammersbeker Ortsteil Hoisbüttel. Aufgrund der aktuellen Lage habe sie derzeit besonders viel zu verteilen.

„Ich habe eine private Verteilergruppe mit Menschen, von denen viele ganz knapp bei Kasse sind“, erzählt Filiz Taskin. Dazu kommen solche, die sonst auf die Ausgabe der Tafeln angewiesen seien. Generell sei das Vorgehen so, dass sie die Lebensmittel bei sich zu Hause sammele und die Menschen sie dann bei ihr abholten. Bei der Aktion mit der Kirchengemeinde lieferte sie beispielsweise auch an eine Wohngruppe mit behinderten Bewohnern. „Sie können nicht mehr in ihre Werkstätten gehen, wo sie sonst ein Mittagessen bekommen.“ Dazu komme, dass kürzlich das Essensgeld für die Bewohner gekürzt worden sei.

Pastor Christian Schack kann noch nicht sagen, ob es am heutigen Montag eine letzte Lieferung geben wird. Falls das der Fall ist, ist eines ganz sicher: Die Lebensmittel werden dort landen, wo sie wirklich gebraucht werden.

So kann man beim Foodsharing mitmachen

Wer sich als Lebensmittelretter engagieren will (ab 18), kann sich bei der Organisationsplattform foodsharing.de anmelden. Die Initiative gegen Lebensmittelverschwendung stellt damit eine Organisationsstruktur bereit, die bestimmte Standards erfüllt und Vernetzung zwischen Abholern und Verwertern ermöglicht. Es gibt Food­sharer und -saver. Foodsharer können auf der Plattform Essenskörbe anbieten, abholen und bei Verteilerstellen Lebensmittel abgeben und abholen. Foodsaver erhalten nach bestandenem Online-Test und drei Einführungsabholungen an der Seite eines erfahrenen Mitglieds einen Ausweis, der ihnen erlaubt, Lebensmittel von Kooperationspartnern wie Märkten und Betrieben abzuholen und zu verteilen.