Homeoffice

Wie das Coronavirus Stormarns Wirtschaft infiziert

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René Soukup und Petra Sonntag
Elke Werner arbeitet seit dieser Woche in Reinbek bei Interspare. Geschäftsführer Dirk Polchow musste zuletzt eine Geschäftsreise absagen.

Elke Werner arbeitet seit dieser Woche in Reinbek bei Interspare. Geschäftsführer Dirk Polchow musste zuletzt eine Geschäftsreise absagen.

Foto: Pia Rabener

Oststeinbeker Firma schickt Mitarbeiter ins Homeoffice. Reinbeker Techniker, die Maschinen im Ausland warten, können nicht mehr reisen.

Reinbek/Ahrensburg. Umsatzeinbußen, Mitarbeiter im Homeoffice und der Blick in eine ungewisse Zukunft: Die Ausbreitung des Coronavirus trifft auch Stormarner Unternehmen. „Die Einschränkungen sind deutlich spürbar. Für uns gedachte Container bleiben länger in Häfen liegen und kommen dadurch später an. Deswegen verzögern sich Projekte“, sagt Dirk Polchow. Er ist Geschäftsführer des Reinbeker Textilmaschinenherstellers Interspare mit einem Jahresumsatz im unteren zweistelligen Millionenbereich. Das Unternehmen lebt in einer Größenordnung von bis zu 90 Prozent vom Export.

Verstärkte Anfragen in Sachen Beratungsbedarf

„Unsere Ingenieure und Techniker können nicht mehr reisen“, sagt Polchow und nennt dabei explizit die Türkei, Belgien und Österreich. Unter anderem sind seine Spezialisten für die Wartung der Geräte zuständig. Er selbst hatte dieser Tage schon vor Monaten einen Geschäftstermin in China geplant. Der ist nun hinfällig. Hart trifft die Firma auch die Absage von internationalen Messen. „Aber die Gehälter sind sicher, Kurzarbeit ist nicht angedacht“, sagt der Chef von 62 Mitarbeitern. Allerdings könne er das mittelfristig auch nicht ausschließen.

Wie viele Firmen aus dem Kreis Kurzarbeit angemeldet haben, kann die Agentur für Arbeit Bad Oldesloe nicht sagen. „Ich hoffe, dass wir kommende Woche Zahlen liefern“, sagt Sprecher Stefan Schröder. Es gebe allerdings verstärkte Anfragen in Sachen Beratungsbedarf. „Und ich gehe davon aus, dass sich daran auch nichts ändern wird.“

Interspare-Beschäftigte essen in Kantine in vier Schichten

Bei Interspare arbeiten derzeit sechs Angestellte wegen des Coronavirus im Homeoffice, vier davon, weil Kitas und Schulen geschlossen sind und die Eltern zugleich zu Hause den Nachwuchs betreuen müssen. „Und einige Mitarbeiter nehmen gerade ohnehin ihren Resturlaub aus 2019“, sagt Polchow, dessen Fertigungsleiter zwecks Prävention zwei Wochen in den heimischen vier Wänden bleibt. Der Mann kam vor Kurzem aus dem Österreich-Urlaub zurück.

Elke Werner hat in dieser Woche ihren neuen Job bei Interspare angetreten. Sie ist alleinerziehend und hätte ihren zwölf Jahre alten Sohn Jonas gern in der Notfallbetreuung der Schule untergebracht. „Leider ging das nicht, weil mein Arbeitsplatz nicht systemrelevant ist“, sagt die 52-Jährige. Deshalb ist der Fünftklässler derzeit an Vormittagen allein. Beide telefonieren mehrmals täglich. „Wir probieren es erstmal so aus. Sollte das nicht klappen, springt die Oma ein“, sagt Werner zum Abendblatt.

Glinder Recyclingunternehmen schickt Mitarbeiter ins Homeoffice

Die Firma hat ihren Sitz an der Röntgenstraße im Gewerbegebiet. Es gibt eine Kantine, wo die Mahlzeiten von einem Koch frisch zubereitet werden. Das Essen ist für Mitarbeiter kostenfrei. An diesem Service hält der Geschäftsführer fest. Weil der Mindestabstand zwischen den Tischen zwei Meter betragen muss und der Platz begrenzt ist, speisen die Kollegen in vier Gruppen hintereinander. Zuvor waren es drei.

Beim Glinder Recyclingunternehmen Siegfried Jacob hat Geschäftsführer Achim Lindhorst sieben Mitarbeiter, die Schlüsselpositionen bekleiden, ins Homeoffice geschickt. Diese Posten in der 56 Mitarbeiter zählenden Firma sind doppelt besetzt, dementsprechend sitzt die andere Hälfte im Büro. Im wöchentlichen Intervall wird gewechselt, um gewappnet zu sein für den Fall einer Coronainfektion und den Betrieb dann aufrechterhalten zu können. „Wir haben zwischen 30 und 40 Prozent Umsatzeinbußen wegen Corona. Die Unsicherheit bei den Käufern ist groß“, sagt Lindhorst. Sein Unternehmen bereitet Aluminium, Zink und Kupfer auf, stellt der Industrie Rohstoffe zur Verfügung.

Ahrensburger LeuchTek GmbH macht mehr Umsatz

Er fürchtet „ein gruseliges Geschäftsjahr“. Lindhorst betont, die Firma sei finanziell noch gesund. „Staatshilfen kommen für uns nicht in Betracht, da sollten Kleinunternehmer mit Schwierigkeiten Vorrang haben.“ Die Bundesregierung hatte unbegrenzte Kredite für Unternehmen wegen der Corona-Pandemie angekündigt und will so die Krise abfedern. Sollte sich die Lage verschlimmern und der Umsatz weiter einbrechen, ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem auch Lindhorst handeln muss. Er sagt: „Im Ernstfall habe ich dann das Instrument der Kurzarbeit.“

Mit ihren energiesparenden Beleuchtungssystemen, zu denen LED-Panel, Lichtbänder und Flutlichtlampen zählen, beliefert die Ahrensburger LeuchTek GmbH vor allem Großhändler. „Wir machen derzeit mehr Umsatz, weil sich unsere Kunden mit Vorräten eindecken. Unser Lager läuft leer“, sagt Vertriebsleiter Uwe Haska. Weil ein Großteil der Produkte aus China kommt und dort wegen des chinesischen Neujahrsfestes und dem Coronavirus vieles zum Erliegen kam, hapert es am Nachschub. „Der erste Container mit Ware hat am Freitag den Hafen in Shanghai verlassen. Wir erwarten ihn um Ostern herum.“

Schiffsverkehr von Asien nach Europa sei noch eingeschränkt

Wie sich die Lage langfristig aufs Geschäft auswirkt, kann Haska noch nicht absehen. Er sagt: „Vielleicht verschiebt sich alles nur und unsere Kunden bauen nach und nach ihre Vorräte ab, sodass die Nachfrage zurückgeht.“ Manche seiner Kunden lehnten derzeit aus Angst vor Ansteckung jeden Besuch ab. „Der Markt in Deutschland ist wesentlich ruhiger als sonst um diese Zeit.“

In China würden indes noch nicht alle Fabriken wieder arbeiten, und auch der Schiffsverkehr von Asien nach Europa sei noch eingeschränkt. „Und was ich auch noch nicht einschätzen kann: Wird der deutsche Zoll unsere Lieferungen wie bisher abfertigen oder wird es neue Auflagen geben?“

Internationaler Transport stelle großes Problem dar

Solche Auswirkungen wie durch Corona habe es zu Zeiten des Sars-Virus nicht gegeben, sagt Stefanie Koch von Longshine Technologies in Ahrensburg. Die Firma vertreibt neben dem E-Book-Reader Tolino digitale Beschilderungen vom kleinen Display im Kofferhandgriff bis zu großen Werbedisplays für den Einsatz in Industrie, Gesundheitswesen, Logistik und Handel. „Im Februar und auch Anfang März hatten wir starke Verzögerungen in unserer Produktion in China, weil die Arbeiter erst verspätet und nicht vollzählig antraten. Ein größeres Problem ist für uns jedoch der Transport produzierter Ware aus China. Da die Anzahl der Abflüge Richtung Europa deutlich reduziert wurde, müssen wir einen Preisanstieg von mehr als 100 Prozent hinnehmen.“

Inwieweit Longshine diese Mehrkosten auf den Produktpreis aufschlagen könne, sei noch unklar. „Aktuell liefern wir aus, was in der Vergangenheit bestellt wurde. Wie sich der Umsatz künftig in Zahlen ausdrücken lässt, bleibt abzuwarten.“

Firmen können SPD-Chefin online Probleme schildern

Abwarten will Hans-Olaf Beckmann nicht. Der Geschäftsführer und Inhaber der Alarm- und Sicherheitstechnik B. W. GmbH in Oststeinbek hat für den Fall, dass einer seiner 75 Mitarbeiter am Coronavirus erkrankt, bereits vorgesorgt. „Wenn mir die Behörde den Betrieb stilllegt, kann ich meinen Kunden nicht mehr helfen. Deshalb arbeitet bereits jetzt jeder von zu Hause aus. Wir haben nur noch Kontakt übers Telefon.“ Er habe eine Lieferkette veranlasst, damit notwendige Teile wie zum Beispiel Bewegungsmelder für den technischen Außendienst verfügbar seien, ohne persönlich ins Zentrallager zu müssen.

„Ich muss dafür sorgen, dass ein Großteil des Lagerbestands erhöht und zu Mitarbeitern ausgelagert wird. Das bedeutet zwar einen erheblichen Kapitalaufwand für uns, aber ich kann nicht riskieren, dass wir unseren Kunden nicht mehr helfen können, wenn sie uns brauchen.“ Sein Unternehmen sei im gesamten norddeutschen Raum für rund 6000 Kunden im Einsatz, um Gewerbe- und Industrieobjekte, öffentliche Einrichtungen, aber auch Privathäuser mit Sicherheits- und Gefahrenmeldeanlagen zu schützen.

Unterdessen animiert die SPD-Landesvorsitzende Serpil Midyatli Kleinunternehmen und Ein-Mann-Betriebe, ihr die Probleme zu schildern. „Weil es momentan schwer ist, sich einen Überblick zu verschaffen. Wir Politiker sind momentan nicht wie gewohnt im Land unterwegs“, sagt der Reinbeker SPD-Landtagsabgeordnete Martin Habersaat. Midyatli ist erreichbar auf www.serpil-midyatli.de. Dort gibt es eine eigene Rubrik für Erfahrungsberichte von Firmen.

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