Prozess

Zwei Reinbeker aus Dealerbande freigesprochen

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Ein angeklagter Häftling bekommt seine Handfesseln abgenommen.

Ein angeklagter Häftling bekommt seine Handfesseln abgenommen.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Verfahren gegen Hauptangeklagten im Drogenprozess von Reinbek abgetrennt. Zeugen berichten von Todesängsten.

Reinbek.  Im Drogenprozess gegen eine Gruppe aus Reinbek sind zwei der vier Angeklagten vom Landgericht in Lübeck überraschend freigesprochen worden. Ein weiterer Dealer wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Gegen den Hauptangeklagten läuft das Verfahren weiter. Neben dem Handel mit Betäubungsmitteln steht hier vor allem die Bedrohung mehrerer mutmaßlicher Reinbeker Drogendealer im Raum.

Am Montag trennte das Landgericht die Verhandlungen ab

Der Hauptangeklagte soll nicht nur die Männer, sondern auch deren Familien erpresst haben, wie neue Zeugenaussagen nahelegen. Die Freundin eines Opfers spricht von „Psychoterror“, die Mutter eines anderen Drogendealers will 2500 Euro gezahlt haben, „damit die uns endlich in Ruhe lassen“.

Am Montag trennte das Landgericht in Lübeck zunächst die Verhandlungen gegen drei der vier Beschuldigten ab. Zwei von ihnen konnten den Gerichtssaal straffrei verlassen, ein weiterer wurde wegen des Handels mit Betäubungsmitteln in geringer Menge zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen á zehn Euro verurteilt. Zur Begründung der beiden Freisprüche sagte die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz über die Angeklagten: „Es konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass sie mit Betäubungsmitteln gehandelt haben.“ Dabei machte die Richterin aber auch deutlich, dass ihre Unschuld nicht bewiesen worden wäre: „Es heißt nicht, dass es keinen erheblichen Verdachtsfall oder keine Drogen gegeben hätte.“

Auch von Schutzgelderpressung ist die Rede

Dem dritten Beschuldigten konnte lediglich der Handel mit weniger als 50 Gramm Marihuana nachgewiesen werden. Ein Grund für das geringe Strafmaß war dabei der Umstand, dass lediglich Cannabis verkauft wurde. „Marihuana steht kurz vor der Legalisierung. Viele von uns haben im Studium sicher schon mal einen geraucht, und wir stehen heute trotzdem hier“, sagte Verteidiger Heiko Granzin in seinem Plädoyer.

Beim Strafmaß für den Hauptangeklagten – sollte er verurteilt werden – geht es in erster Linie darum, dass er örtliche Gelegenheitsdealer in Reinbek systematisch terrorisiert haben soll, um ein eignes Vertriebsnetz aufzubauen. Auch von Schutzgelderpressung ist die Rede.

Stefan R. sollte zur Polizei gehen

Vor Gericht sagte jetzt die Mutter von Stefan R. (Namen geändert) aus, der das Marihuana für den Beschuldigten unter die Leute bringen sollte: „Ich habe ihn einmal gesehen, wie er an unserem Fenster stand.“ Da habe ihr Sohn schon mit Angstzuständen in seinem Zimmer gesessen, unfähig, nach draußen zu gehen. Zuvor sei ihr Sohn mit einem blauen Gesicht und einem angerissenen Ohr nach Hause gekommen. Das war der Zeitpunkt, an dem die Mutter intervenierte.

Stefan R. sollte zur Polizei gehen. Noch am selben Tag bekam die Mutter einen merkwürdigen Anruf von einem Mann, der Kontakt zu den Personen vermitteln wollte, die ihren Sohn bedrohten. „Die verlangten 2500 Euro dafür, dass sie mich und meinen Ex-Mann in Ruhe lassen. Eine Garantie für Stefan gaben sie uns aber nicht.“

Auch Fabian M. habe Todesangst gehabt

Zum Schluss ihrer Aussage wandte sich Susanne R. direkt an den Beschuldigten: „Sie haben das Leben von meinem Sohn zerstört.“ Er habe immer noch Angstzustände, keine Freunde mehr, keine sozialen Kontakte.

Auch Fabian M. habe Todesangst gehabt: Das sagte seine Lebensgefährtin Annika K. aus. M. habe über Monate hinweg Schutzgeld bezahlen müssen, weil er sich weigerte, Marihuana zu verkaufen. Annika K. berichtet von Anrufen mitten in der Nacht, von mehreren Zahlungen und davon, dass ihr Freund Handyverträge abschließen sollte. „Das war richtiger Psychoterror. Irgendwann bekam mein Freund Panikattacken, dann hat es mir gereicht, und ich habe ihn zur Polizei geschleppt“, sagte die Zeugin.

Der Prozess wird am 30. März fortgesetzt

Im Mai 2019 sei das Paar für drei Wochen abgetaucht. Doch die Belästigungen gingen weiter. Erst als der Hauptangeklagte in Untersuchungshaft musste, habe sich ihr Freund wieder allein zur Arbeit getraut. Mehr als 3000 Euro, so schätzt Annika K., seien insgesamt gezahlt worden. Viel Geld für Fabian M., der eine Ausbildung im Sicherheits- und Wachschutz macht und 560 Euro netto im Monat verdient.

Warum er immer wieder gezahlt habe, wollte der Staatsanwalt von Fabian M. wissen. Die Antwort: „Ich hatte Angst, dass ich noch mal geschlagen werde.“ Als er sich mal einen Tag nicht gemeldet habe, habe er eine Ohrfeige und eine Kopfnuss bekommen. Der Prozess wird am 30. März fortgesetzt.

( fif )

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